Mehr Zeit für Unsinn! Ein Plädoyer für Bummelstudenten

Blog20. Dezember 2012, 10:16
222 Postings

Ich möchte meinen Studienkollegen zurufen: Lasst euch Zeit, der Ernst des Lebens beginnt noch früh genug!

Es ist kein Sessel frei. Wie schon angekündigt, versuche ich eine Lehrveranstaltung zu besuchen, für die ich mich laut STEOP (Studieneingangs- und Orientierungsphase) nicht anmelden durfte. Einfach so aus Interesse. Aber: Es ist kein Sessel frei. 

Ich würde mich auch auf den Boden setzen, wie das in überfüllten Hörsälen an der Uni ja durchaus üblich war und ist, aber ich darf nicht. Ich gehe mir einen Sessel aus dem Nebenraum holen. Ich erfahre, dass die Sessel abgezählt sind und nur so viele Menschen in den Hörsaal dürfen, wie Sessel vorhanden sind. Aus feuerpolizeilichen Gründen. Ich nehme mir den Sessel trotzdem und trage ihn nach der Lehrveranstaltung brav zurück.

Ich komme mir dabei ziemlich verwegen vor. Verwegen, so ein Unsinn! Das liegt nur daran, dass hier alle so schrecklich angepasst sind. Alle scheinen ihr Studium in möglichst kurzer Zeit durchziehen zu wollen. Die meisten Studentinnen hier sind um die 18, die Studenten nach Bundesheer oder Zivildienst vielleicht gerade einmal ein Jahr älter. Bei einer Mindeststudiendauer von sechs Semestern für das Bachelorstudium sind die also um die 22 Jahre alt, wenn sie das Studium durchgedroschen haben.

Natürlich kann man dann den Master dranhängen, aber wie viele tun das überhaupt? Ich möchte ihnen zurufen: Haltet ein, gemach, gemach, lasst euch Zeit, der Ernst des Lebens beginnt noch früh genug! Natürlich tue ich das nicht. Ich bin hier sowieso die Oma und werde mich hüten, gute Ratschläge zu geben. Aber fragen wird man ja noch dürfen. Und sogar der Dekan sagt in einer Lehrveranstaltung: "Niemand muss in drei Jahren unbedingt durch sein." Ein anderer Vortragender bemerkt lapidar: "Macht euch locker, ihr seid an der Uni." Wo, bitte schön, bin ich da gelandet, wenn die Professoren subversiver sind als ihre Studenten? 

Liegt das am Fach Informatik oder ist das jetzt in allen Studienrichtungen so? Wollen wirklich alle nur brav die vorgeschriebenen Prüfungen ablegen, ohne nach links oder rechts zu schauen? Wollen wirklich alle möglichst schnell einen Job finden und dann die nächsten, sagen wir einmal, geschätzten 60 Jahre - bei gestiegener Lebenserwartung und fehlenden Pensionszahlern - arbeiten und arbeiten und dann noch ein paar Jahre arbeiten?

Natürlich muss man sich ein Studium auch leisten können. Aber ließe man sich mehr Zeit, könnte man zum Beispiel nebenher auch einen Studentenjob machen und ein paar Erfahrungen sammeln. Vielleicht sogar unangenehme. Und dann das Studium mehr zu schätzen wissen. (Tanja Paar, derStandard.at, 20.12.2012)

Tanja Paar, geb. 1970, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Graz, Wien und Lausanne. Nach journalistischen Aufenthalten bei "Falter", "Trend" und "Profil" ist sie seit zehn Jahren Redakteurin des STANDARD. Nun macht sie ein Jahr lang Bildungskarenz und kehrt an die Uni zurück. Sie studiert Informatik an der Universität Wien.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Man darf nicht mehr am Boden sitzen.

  • Tanja Paar ist nach 20 Jahren an die Uni zurückgekehrt.
    foto: privat

    Tanja Paar ist nach 20 Jahren an die Uni zurückgekehrt.

Share if you care.