Langanhaltende Folgen von Nikotin im Gehirn

  • Die Tomographie-Bilder zeigen, dass die Bindung zum mGluR5-Protein (rot=starke Bindung) im Gehirn von Rauchern im Durchschnitt um bis zu 30 Prozent verringert ist (oberste Reihe). Auch die Ex-Raucher (mittlere Reihe) zeigten eine Reduktion dieses Proteins um bis zu 20 Prozent. Die unterste Reihe zeigt die Menge des Proteins im Gehirn von Menschen, die nie geraucht haben.
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    foto: upd, universität bern / pet-zentrum, universitätsspital zürich

    Die Tomographie-Bilder zeigen, dass die Bindung zum mGluR5-Protein (rot=starke Bindung) im Gehirn von Rauchern im Durchschnitt um bis zu 30 Prozent verringert ist (oberste Reihe). Auch die Ex-Raucher (mittlere Reihe) zeigten eine Reduktion dieses Proteins um bis zu 20 Prozent. Die unterste Reihe zeigt die Menge des Proteins im Gehirn von Menschen, die nie geraucht haben.

Schweizer Forscher stellten fest, dass die Auswirkungen von Nikotin länger und stärker sind als bisher angenommen

Bern - Ehemalige Raucher haben bis zu vier Jahre ein erhöhtes Rückfallrisiko wieder zum Glimmstengel zu greifen. So lange braucht vor allem die Psyche, um das Abhängigkeitspotential zu mindern.

Nikotin verursacht im Gehirn eine sowohl stimulierende wie auch beruhigende Wirkung und kann kurzfristig die Konzentrationsfähigkeit verbessern. Bei wiederholtem Nikotinkonsum kommt es jedoch zur Toleranzbildung. Das heißt, die positiven Wirkungen werden schwächer und der Verzicht auf Nikotin führt oft zu Entzugssymptomen wie Unruhe, Gereiztheit, Angst, Lustlosigkeit, Kopfschmerzen, Schlafproblemen, Konzentrationsstörungen, Hungergefühl und Gewichtszunahme.

Die Langzeitfolgen des Nikotinkonsums auf das Gehirn konnten bislang allerdings noch nicht ausreichend geklärt werden. Forscher der Universität Bern und Zürich stellten nun in einer Studie fest, dass diese Folgen länger andauern und stärker sind als bislang angenommen wurde.

Ex-Raucher weisen ebenfalls Veränderung auf

Die Entwicklung der Nikotin-Sucht ist eine Art Lernprozess. Der Hirnbotenstoff Glutamat spielt dabei eine zentrale Rolle. "Von Tierstudien ist bekannt, dass Glutamat auch bei der Entwicklung von Abhängigkeit, die ebenfalls eine Art Lernprozess darstellt, wichtig ist", erklärt Gregor Hasler, Chefarzt an den Universitären Psychiatrischen Diensten (UPD) Bern. Aus diesem Grund haben die Mediziner das Glutamat-System bei Rauchern, Ex-Rauchern und Nicht-Rauchern untersucht.

Laut Angaben der Wissenschaftler wurde dabei über die neu entwickelte Methode der Positron-Emissionstomographie ein wichtiges Protein des Glutamat-Systems gemessen: der metabotrope (stoffwechselaktive) Glutamat-Rezeptor 5 (mGluR5).

Die Studie ergab, dass die Menge dieses Proteins im Gehirn von Rauchern im Durchschnitt um 20 Prozent verringert war, in einzelnen Hirnregionen wie dem unteren Frontallappen und den Basalganglien um bis zu 30 Prozent. Auch bei Ex-Rauchern, die im Durchschnitt 25 Wochen abstinent waren, zeigte sich eine Reduktion dieses Proteins um 10 bis 20 Prozent.

"Diese Veränderung des Glutamat-Systems bei Rauchern ist im Ausmaß und in der Verteilung weit größer, als man bisher angenommen hat", erläutert Gregor Hasler. Für die Forscher besonders unerwartet sei, dass die Erholung des Glutamat-Systems offenbar sehr lange dauert. Es ist wahrscheinlich, dass diese sehr langsame Normalisierung zu der sehr hohen Rückfallrate bei Ex-Rauchern beiträgt, so die Experten.

Möglicher Einfluss auf Angststörungen und Übergewicht

Bisher ungeklärt ist laut Gregor Hasler, inwieweit die anhaltenden Veränderungen des Glutamat-Systems Lernprozesse im Allgemeinen beeinflussen - und ob die Reduktion des mGluR5-Proteins zum erhöhten Risiko für Angststörungen bei Rauchern und für Übergewicht bei Ex-Rauchern verantwortlich ist.

"Hinsichtlich der Entwicklung von Medikamenten, die auf das mGluR5-Protein einwirken, ist zu berücksichtigen, dass sich die Wirkung bei Rauchern und Ex-Rauchern deutlich von der Wirkung bei Nicht-Rauchern unterscheiden könnte. Diese Medikamente könnten zudem das Potenzial haben, das Rückfallrisiko, die Entzugssymptome und andere psychische Folgen des Nikotinkonsums zu reduzieren", betont Hasler. (red, derStandard.at, 19.12.2012)

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