Studie: Einkommen steigen kaum noch an

Studie facht Verteilungs-Debatte an: Vor allem die Gruppe der Niedrigstlohnbezieher musste herbe Einbußen hinnehmen

Wien - Die Schere bei der Einkommensverteilung ist in den vergangenen 14 Jahren stark auseinandergegangen. Nach einer kurzen Korrektur dieser Entwicklung in den Jahren 2006 und 2007 setzt sich der Trend wieder ungebrochen fort. Das ist das Ergebnis einer von der Statistik Austria geschriebenen und am Mittwoch vom Rechnungshof veröffentlichten Studie über die Lohnentwicklung in Österreich.

Demnach verdienen die zehn Prozent der Bevölkerung mit den niedrigsten Einkommen heute um ein Drittel weniger als noch 1998. Die Gehälter der obersten zehn Prozent stiegen hingegen inflationsbereinigt um vier Prozent an. Das Medianeinkommen (die Hälfte der Arbeitnehmer verdient mehr, die Hälfte verdient weniger) ging um vier Prozent zurück.

Die Zahlen dürften der Debatte über Verteilungsgerechtigkeit in Österreich neuen Auftrieb geben. Erst im Sommer hatte eine Studie der UBS über Einkommensentwicklung für heftige Diskussionen gesorgt. Die Großbank hatte sich die Entwicklung der Haushaltseinkommen seit 2000 angesehen und war zum Ergebnis gekommen, dass in Österreich sämtliche Lohngruppen massive Einbußen hinnehmen mussten. Die UBS-Studie wurde heftig kritisiert, die Bank hat sich zu möglichen Fehlern im Datensatz nie geäußert.

Negativer Trend

Während die Zahlen der Statistik Austria den negativen Trend bei höheren Löhnen nicht zeigen, decken sich die Ergebnisse über die Einkommensverluste der Geringverdiener mit den Angaben der UBS. Wobei die Entwicklung bei einzelnen Beschäftigungsgruppen unterschiedlich stark ausfällt. Der Lohnverlust bei den am schlechtesten verdienenden Arbeitern war mit 40 Prozent besonders stark, bei den Angestellten fällt der Rückgang in derselben Gruppe moderat aus. Aus der Studie ergibt sich aber auch, dass die Löhne in Österreich insgesamt kaum gestiegen oder sogar gesunken sind. Der durchschnittliche Arbeiter verdient heute etwa um zwölf Prozent weniger als noch im Jahr 1998.

Wobei die Zahlen der Statistik Austria mit Vorsicht zu genießen sind. So spiegelt sich in der Lohnentwicklung die Tatsache wider, dass die Zahl der unselbstständigen Erwerbstätigen seit 1998 um 620.000 Personen angestiegen ist.

Vor allem der Anteil der schlechter bezahlten atypischen Beschäftigungsverhältnisse (Teilzeit, Leiharbeiter) hat stark zugenommen, wodurch das Lohnniveau insgesamt gesunken ist. Um solche strukturellen Entwicklungen herauszurechnen, sieht sich die Statistik Austria regelmäßig die Entwicklung bei stabileren Arbeitsverhältnissen an. Hier ist der Trend ein anderer: Bei Personen, die seit fünf Jahren über eine dauerhafte Anstellung verfügen, stiegen die Gehälter seit 1998 um sieben Prozent an. In dieser Gruppe haben die Löhne der Schlechtverdiener sogar noch stärker angezogen als jene der Bestverdiener.

"Am ehesten lässt sich aus den Zahlen herauslesen, dass die Kluft zwischen den atypisch Beschäftigten und den etablierten Arbeitnehmern wächst", meint Thomas Leoni vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. Wobei hier weitere Erhebungen nötig wären. Das Einkommen eines Haushalts steigt ja etwa insgesamt an, wenn ein Partner, der vorher nicht gearbeitet hat, eine schlecht bezahlte Teilzeitstelle findet. Die Lücke bei den Einkommen von Männern und Frauen hat sich seit 1998 übrigens nicht verändert. Eine vollzeitbeschäftigte Frau verdient heute 81 Prozent des mittleren Männereinkommens.  (András Szigetvari, DER STANDARD, 20.12.2012)

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