Große Lücken in der Erinnerung

Peter Illetschko
18. Dezember 2012, 19:15
  • Der Historiker Dieter Pohl von der Uni Klagenfurt.
    foto: hoi

    Der Historiker Dieter Pohl von der Uni Klagenfurt.

Verbrechen im Zweiten Weltkrieg: Bald 70 Jahre danach sind kritische Geschichtsbilder nicht selbstverständlich - Ein Historiker ist mit Verschweigen und Verherrlichen konfrontiert

Seit dem Frühjahr dieses Jahres steht in der 560-Einwohner-Ortschaft Kereki in Ungarn das Denkmal eines Antisemiten - von Rechtsradikalen errichtet, von der nationalkonservativen Regierung unter Viktor Orbán geduldet. Miklós Horthy heißt der Gehuldigte. Er stürzte 1919 die Räterepublik der Bolschewiken in seinem Land und war bis 1920 Befehlshaber des sogenannten "weißen Terrors" gegen Juden und Kommunisten.

Danach wurde Ungarn wieder ein Königreich, und Horthy, der sofort eine Art Numerus clausus für jüdische Studenten einführte, war bis zu seinem Sturz 1944 "Reichsverweser" und damit Stellvertreter des Königs. Sechs Jahre lang kollaborierte er mit Hitler, in der Hoffnung, dadurch die nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete wieder zurückzubekommen. Das ging bis zur Deportation jüdischer Ungarn nach Auschwitz. 400.000 Menschen sollen allein dabei ermordet worden sein.

Der Historiker Dieter Pohl von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt stieß bei seiner Arbeit über den Zweiten Weltkrieg und seine Vorgeschichte auch auf Horthy und auf den derzeitigen Zugang Ungarns zur eigenen Geschichte. Im Museum "Terrorhaus" in Budapest, das die Geschichte des Terrors im Land zeigen soll, wird die Horthy-Epoche nicht einmal erwähnt. Pohl: "Dort beginnt die Geschichte erst im Oktober 1944. Ein höchst bedenklicher Umgang mit der Vergangenheit."

Der Wissenschafter steht vor einer inhaltlichen Herausforderung: Eine Zeit wie der Zweite Weltkrieg, über die es bereits "Tonnen von Büchern" (Pohl) gibt, verlangt eine neue Sichtweise. Deswegen interessieren ihn die Zusammenhänge zwischen den Massenvernichtungsaktionen an verschiedenen Opfergruppen und damit auch Einblicke in die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Dabei kommt er zur Erkenntnis: "Oft waren die gleichen Täter am Werk." Ein Beispiel: Verbände, die Erfahrung mit der "Euthanasie" hatten, wurden für die Judenverfolgung rekrutiert.

Dünne Faktenlage im Osten

Das Problem bei Pohls Recherchen: Je weiter er mit seinen Forschungen Richtung Osten geht, desto dünner wird die Faktenlage. "Gut erforscht ist das Warschauer Ghetto, östlich davon wird es schwierig." Aber gerade jene Vorfälle, die bisher noch nicht im Zentrum der Forschung standen, will er darstellen. Zum Beispiel, dass es schon vor der Wannsee-Konferenz der Nationalsozialisten zu Massenmorden an Juden kam. In der Ukraine zum Beispiel wüteten schon früh die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA). Die OUN soll noch während des Einmarsches der deutschen Armee in Lemberg an Massakern an Juden, Polen und Kommunisten beteiligt gewesen sein. Am gleichen Tag rief sie den unabhängigen Staat Ukraine aus - allerdings nicht nach den Vorstellungen der Nazis -, und ihr Führer Stepan Bandera landete in einem Konzentrationslager. Und auch hier haben es kritische Geschichtsbilder schwer: Vor zwei Jahren wurde Bandera per Erlass wegen seines Kampfes gegen die Rote Armee zum Helden ernannt. Polen protestierte. Das Papier wurde zwar heuer durch die Regierung von Wiktor Janukowitsch außer Kraft gesetzt, die Denkmäler, die an Bandera erinnern sollen, stehen aber nach wie vor - unter anderem ausgerechnet in Lemberg. Intellektuelle applaudieren.

Pohl will das Thema Massenvernichtung aus mehreren Blickwinkeln betrachten - und nicht nur eine Geschichte der nationalsozialistischen Täter und ihrer Kollaborateure schreiben. "Man muss eigentlich Japan unter Kaiser Hirohito dazuzählen, wenn man die Großverbrechen dieser Zeit auflistet." Stalins Säuberungsaktionen gegen tatsächliche und vermeintliche politische Gegner seien ohnehin schon seit längerer Zeit ein Thema für die Geschichtswissenschaften.

Massaker von Nanking

Der japanische Krieg in China dagegen sei noch relativ unerforscht. Die bekannteste Gewaltaktion in dieser Zeit ist bei Historikern gleichzeitig die umstrittenste. Das Massaker von Nanking von 1937 soll nach Angaben der chinesischen Staatsführung 300.000 Todesopfer gefordert haben. "Das ist sogar in Stein gemeißelt - für die Touristen in Nanking sogar in englischer Sprache." Das in Büchern und Filmen beschriebene Verbrechen dauerte über mehrere Wochen an und wurde nach Berichten von Historikern auch medial begleitet. Japanische Offiziere lieferten sich einen grausamen Tötungswettkampf. Zeitungen berichteten, als wäre es eine Sportveranstaltung.

Die Opferzahl des Massakers ist freilich nicht eindeutig verifiziert. Pohl spricht von Untersuchungen, in denen von 30.000 bis 50.000 Ermordeten die Rede ist. "Was wirklich stimmt, werden wir wohl nur schwer feststellen können." Tatsache ist, dass neben dem spektakulären Fall von Nanking viele historische Fakten in China kaum Beachtung finden.

Pohl nennt den japanischen Anti-Partisanen-Kampf in Nordchina. "Dabei sind - glaubt man chinesischen Historikern - 2,7 Millionen Zivilisten ums Leben gekommen. Das wird kaum diskutiert", sagt er. Der Wissenschafter zieht einen Vergleich zwischen diesem Krieg und jenem des Deutschen Reichs gegen die Sowjetunion. "Im Partisanenkampf gibt es Parallelen. Auch im Umgang mit Kriegsgefangenen. Japan hatte damals kein Kriegsgefangenenwesen. Das heißt: Sie ließen die Chinesen entweder frei oder töteten sie."

Analytische Vergleiche

Aber darf man Kriege vergleichen? "Wenn der Vergleich allein analytischen Zwecken dient, ist nichts dagegen einzuwenden", sagt Pohl, abzulehnen sei er, wenn er politischen Zwecken dient, wie das nicht selten mit dem Holocaust passiert und einer Relativierung gleichkommt.

Diese Massenvernichtung wurde "nicht hermetisch geheim gehalten" (Pohl). SS-Offiziere prahlten bei Heimaturlauben mit ihren Gräueltaten und luden zu Diavorträgen ein. Erschießungen wurden vor Zaungästen in Badehosen durchgeführt. "Präzedenzlos" ist der Holocaust "aus historischer Sicht" aber vor allem deshalb, weil nirgendwo sonst ein Tötungsbefehl erfolgte, der auch Kinder miteinbezog. Und das hatte in der Logik der Nationalsozialisten einen Grund. Sie wollten, so SS-Chef Himmler, nicht eines Tages von Rächern verfolgt werden.

Pohl wird mindestens zwei Bücher über diese Forschungen schreiben. Eines davon soll 2013 erscheinen. "Das ist zumindest der Plan." (Peter Illetschko, DER STANDARD, 19.12.2012)

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"Dort beginnt die Geschichte erst im Oktober 1944. Ein höchst bedenklicher Umgang mit der Vergangenheit."

Das ist grundsätzlich ein Negativphänomen, welches sich im ost- und südosteuropäischen Raum breit macht. Die Gründe sind Vielfältig. Geschichtsumdeutung, billige PR bis hin zu einem reinen Nation-Building-Tool.

Aber Geschichte ist nun einmal eine H*re. Beziehungsweise wird wie eine verwendet. Man siehe zB. das germanozentrische Geschichtsbild des 19. und 20. Jhdt, welches bis heute nachwirkt.

Vom Atlantik bis zum Pazifik. Vom Nordpol bis Kairo. Alles sind irgendwie Germanen oder von Germanen beeinflußt oder stammen von Germanen ab. Und falls nicht, dann waren es germanische Kaufleute, die mal vorbeispazierten :-)

Schreibt Herr Pohl auch über die alliierten Zivilbombardements?

Man denkt da spontan an Würzburg oder die Zerstörung Münchens kurz vor Kriegsende.
Auch der Luftterror gegenüber der Landbevölkerung (Tiefflieger gegen Bauern am Feld und Beschiessung von Flüchtliongskonvois) wäre ein Thema für echte Historiker.

Natürlich kommen Uiirzbrg und Mynckn, zwei bekannte Städte in Ostungarn, vor.

*rauskram*
*blätter*blätter*
ach ja, da stehts,
seite 1, ausredenhandbuch der rechten, §1 abs.1:
"Aber die anderen!"

"Präzedenzlos"

Wenn Herr Pohl den Befehl, bei der Vernichtung auch die Kinder zu töten als "Präzedenzfall" bezeichnet, kennt er offensichtlich die Bibel nicht. Bei der Eroberug von Jericho und quasi sämtlichen anderen göttlich angeordneten Eroberungen befiehlt Gott ausdrücklich auch Schwangere, Säuglinge und Kinder zu töten.

Der Unterschied ist nur, dass jene geschilderte Landnahme legendarisch ist.

Sie hat nie stattgefunden. Jericho z.B. war zur fraglichen Zeit überhaupt nicht besiedelt.

Zwei Probleme

habe ich mit Ihrem Post:
1. geht's darum ob es vor dem Holokaust schon mal den ausdrücklichen Befehl gab auch die Kinder zu töten. Und den gabs, direkt von Gott. Kann in seiner millionenfach gedruckten Werbebroschüre bequem nachgelesen werden.
2. In meinem Geschichtsbuch steht, dass Jericho, zur Zeit der angenommenen Eroberug durch Israel, die größte Stadt war, von der wir Kenntnis haben. Ist aber eigentlich egal, weil der "Kindertötungsbefehl" Gottes sich im AT immer wieder widerholt.

sie meinen daß JEDE in religiösen Schriften geschilderte "von Gott befohlene" Landnahme legendär wäre?

verstehe ich sie da richtig?

Nehmen wir ihnen zu liebe halt eine historische fundierte Landnahme her, wie z.b. die Eroberung Akkons durch Richard "Löwenherz" und die Liquidierung der ca 2700 muslimischen Gefangenen (Männer, Frauen und Kinder, ZivilistInnen) am 20.08.1191

im Selbstverständnis der europäischen Kreuzritter durchaus eine "gottgewollte" Hinrichtung von Wehrlosen...

Das konnten sie aber noch viel besser, die Vatikanberufenen und vom Papst mit Generalablass ausgestatteten katholischen Krieger.

Massakers von Maarat an-Numan (1098), ca. 22000 Männer, Frauen und Kinder. Massaker von Jerusalem (1099), ca. 30000 Männer, Frauen und Kinder. Und dann Antiochia und...

weil nirgendwo sonst ein Tötungsbefehl erfolgte, der auch Kinder miteinbezog.

Naja, ich denke z.B. die Roten Khmer haben sehrwohl auch gemacht.

P.S. Die Brille die Hr. Pohl trägt erinnert mich immer an den Himmler, die ist für mich irgendwie negativ besetzt.

Sie wissen aber schon was präzedenzlos bedeutet?

Anscheinend nicht, sonst würden sie nicht die roten Khmer anführen um den Herrn Pohl als unwissend darzustellen.

Und ihn dann noch wegen der Brille mit Himmler in Verbindung zu bringen.

:facepalm

präzedenzlos = beispiellos, ohne Beispiel

Was ist falsch?
Ich stelle Hr. Pohl nicht als unwissend dar.
Tut mir leid, dass ich diese Assoziation bei dieser Brille habe.

Als die roten Khmer ihre Verbrechen begingen, gab es den Präzedenzfall Holocaust.

Aber als der Holocaust stattfand, gab es noch keinen Präzedenzfall.

Daher ist die Aussage von Pohl, so wie sie im Artikel zitiert wurde, korrekt.
Der Inhalt ihrer Aussage ist, glaub ich ( weiß zuwenig über die roten Khmer) auch korrekt - aber nicht geeignet um die Korrektheit der Aussage von Pohl zu widerlegen.

Ad Brille: tut mir leid das ich ihnen das unterstellt habe. (Obwohl Himmler kreisrunde Gläser hatte im Gegensatz zu den eher ovalen von Pohl)

Ja. Es heißt aber im Artikel:

"Präzedenzlos ist der Holocaust"
und "nicht präzendezlos war ".....
Aber bitte lass ma die Diskussion, so wichtig is die Deutung einzelner Worte nicht.

Mal ganz scharf überlegen was "prae" bedeutet.

Die Geschichte

Meines Wissens haben im ungarischen Koenigreich 1000 jahre lang bis 1918 (im gegensatz zu uebrigen Europa ausser GB)) keine Pogrome an Juden statgefunden. Wieso hat sich das spaeter so radikal veraendert ist mir ein Raetsel!

Außer GB? Ned wirklich... ab 1290 halt nicht mehr, aber z.B. 1189-90? Das Massaker während der Krönung Richard Löwenherz, Colchester, Stamford, Bury St. Edmunds uvm., und vor allem York 1190...

Ungarn: Ausweisungen im 14. Jh., Ermordungen wegen angeblichen Ritualmordes 1494 - stimmt schon, viel weniger als in anderen Gebieten, aber "keine" ist jetzt auch nicht so ganz richtig.

Die Geschichte

14 Jh. Ausweisungen ja aber kein Pogrom.
Ritualmorde auch nicht von der Obrigkeit angeordnet.
GB haben Sie recht. War Brutal.

"Nicht von der Obrigkeit angeordnet" trifft auch auf viele andere Ritualmordpogrome zu (Friedrich II. tritt z.B. anläßlich Fulda 1236 explizit dagegen auf, auch spätere Beispiele); 1494 ist ein ganz typisches Beispiel eines Ritualmordvorwurfs mit anschließender Ermordung der Juden (wenn auch eines der ganz wenigen im ungarischen Raum!).

England vergißt man halt oft, weil es in der Zeit der großen spätmittelalterlichen Pogrome nichts mehr gibt; aber gerade z. B. betr. Ritualmordanschuldigung sind sie mit William of Norwich ganz vorne dabei.

Die Geschichte

OK.

"Der Nazi-Kollaborateur Miklós Horthy wird in Ungarn mancherorts noch tief verehrt."

Nein, nicht "noch", sondern "wieder"!!! und zwar nicht wegen "Erinnungslücken", sondern weil seine Verehrer die selbe Schiene fahren, wie er damals!

Das ist wohl ein Unterschied, würd ich meinen...

Horthy war kein "Nazi-Kollaborateur"

Er wollte die geraubten Gebiete zurückhaben und dazu hat er (leider) als Möglichkeit gesehen, an der Seite Deutschland in den Krieg zu ziehen.
Horthy verabscheute die Machenschaften der Nazis.
Er war kein Kriegsverbrecher. Er hat nationale Ziele verfolgt. In der Menschheitsgeschichte war sowas immer Gang und Gebe, das ist an sich kein Kriegsverbrechen.
Er hat Fehler gemacht, wie viele damaliger Politiker jedes Landes auch, aber war kein Nazi, kein Faschist, kein Antisemit und vor allem kein Kriegsverbrecher.
Er hat viel getan, (soweit er konnte) um die Vorhaben der Nazis in Ungarn zu bojkottieren und verhindern.
Als Verbündete war aber seine Hand gebunden.
Man muss beide Seiten der Münze sehen.

Lücken gehört in Anführungszeichen!

Denn da geht's nicht um "nicht wissen" sondern um "nicht wissen wollen".

nö, es geht um nicht wissen DÜRFEN:

im falle der usa connection und der geheimdienstaktivitäten:

http://www.riflewarrior.com/case_of_n... he_cia.htm

http://www.maebrussell.com/Mae%20Bru... ssass.html

im falle der wirtschaftlichen verknüpfungen mit jenen konzernen/monopolisten die uns auch noch regieren und denen wir blind vertauen:

http://www.youtube.com/watch?v=lWdwtLJlKoE

www.profit-over-life.org

die unterlagen zu beiden fällen waren 60 jahre lang unter verschluss, zeigen aber sehr schön, daß die immaginär-ideologische seite der medaile von einer ganz realen, von wirtschaftsinteressen geprägten seite begleitet wurde, und die ist nach wie vor recht unbekannt

Goebbels Tagebuch 8. Mai 1943: … Die Judenfrage ist am allerschlechtesten von den Ungarn gelöst. Der ungarische ...

... Staat ist ganz jüdisch durchsetzt, und es ist dem Führer bei seiner Unterredung mit Horthy nicht gelungen, ihn von der Notwendigkeit härterer Maßnahmen zu überzeugen. Horthy ist ja selbst mit seiner Familie außerordentlich stark jüdisch verfilzt und wird sich auch in Zukunft mit Händen und Füßen dagegen srträuben, das Judenproblem wirklich tatkräftig in Angriff zu nehmen. Er führt hier durchaus humanitäre Gegenargumente vor, die natürlich in diesem Zusammenhang überhaupt keine Bedeutung besitzen.Dem Judentum gegenüber kann nicht von Humanität die Rede sein, das Judentum muß zu Boden geworfen . Der Führer hat sich alle Mühe gegeben, Horthy von seinem Standpunkt zu überzeugen, allerdings ist ihm das nur zum geringsten Teil gelungen...

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