Große Lücken in der Erinnerung

  • Der Historiker Dieter Pohl von der Uni Klagenfurt.
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    Der Historiker Dieter Pohl von der Uni Klagenfurt.

Verbrechen im Zweiten Weltkrieg: Bald 70 Jahre danach sind kritische Geschichtsbilder nicht selbstverständlich - Ein Historiker ist mit Verschweigen und Verherrlichen konfrontiert

Seit dem Frühjahr dieses Jahres steht in der 560-Einwohner-Ortschaft Kereki in Ungarn das Denkmal eines Antisemiten - von Rechtsradikalen errichtet, von der nationalkonservativen Regierung unter Viktor Orbán geduldet. Miklós Horthy heißt der Gehuldigte. Er stürzte 1919 die Räterepublik der Bolschewiken in seinem Land und war bis 1920 Befehlshaber des sogenannten "weißen Terrors" gegen Juden und Kommunisten.

Danach wurde Ungarn wieder ein Königreich, und Horthy, der sofort eine Art Numerus clausus für jüdische Studenten einführte, war bis zu seinem Sturz 1944 "Reichsverweser" und damit Stellvertreter des Königs. Sechs Jahre lang kollaborierte er mit Hitler, in der Hoffnung, dadurch die nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete wieder zurückzubekommen. Das ging bis zur Deportation jüdischer Ungarn nach Auschwitz. 400.000 Menschen sollen allein dabei ermordet worden sein.

Der Historiker Dieter Pohl von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt stieß bei seiner Arbeit über den Zweiten Weltkrieg und seine Vorgeschichte auch auf Horthy und auf den derzeitigen Zugang Ungarns zur eigenen Geschichte. Im Museum "Terrorhaus" in Budapest, das die Geschichte des Terrors im Land zeigen soll, wird die Horthy-Epoche nicht einmal erwähnt. Pohl: "Dort beginnt die Geschichte erst im Oktober 1944. Ein höchst bedenklicher Umgang mit der Vergangenheit."

Der Wissenschafter steht vor einer inhaltlichen Herausforderung: Eine Zeit wie der Zweite Weltkrieg, über die es bereits "Tonnen von Büchern" (Pohl) gibt, verlangt eine neue Sichtweise. Deswegen interessieren ihn die Zusammenhänge zwischen den Massenvernichtungsaktionen an verschiedenen Opfergruppen und damit auch Einblicke in die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Dabei kommt er zur Erkenntnis: "Oft waren die gleichen Täter am Werk." Ein Beispiel: Verbände, die Erfahrung mit der "Euthanasie" hatten, wurden für die Judenverfolgung rekrutiert.

Dünne Faktenlage im Osten

Das Problem bei Pohls Recherchen: Je weiter er mit seinen Forschungen Richtung Osten geht, desto dünner wird die Faktenlage. "Gut erforscht ist das Warschauer Ghetto, östlich davon wird es schwierig." Aber gerade jene Vorfälle, die bisher noch nicht im Zentrum der Forschung standen, will er darstellen. Zum Beispiel, dass es schon vor der Wannsee-Konferenz der Nationalsozialisten zu Massenmorden an Juden kam. In der Ukraine zum Beispiel wüteten schon früh die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA). Die OUN soll noch während des Einmarsches der deutschen Armee in Lemberg an Massakern an Juden, Polen und Kommunisten beteiligt gewesen sein. Am gleichen Tag rief sie den unabhängigen Staat Ukraine aus - allerdings nicht nach den Vorstellungen der Nazis -, und ihr Führer Stepan Bandera landete in einem Konzentrationslager. Und auch hier haben es kritische Geschichtsbilder schwer: Vor zwei Jahren wurde Bandera per Erlass wegen seines Kampfes gegen die Rote Armee zum Helden ernannt. Polen protestierte. Das Papier wurde zwar heuer durch die Regierung von Wiktor Janukowitsch außer Kraft gesetzt, die Denkmäler, die an Bandera erinnern sollen, stehen aber nach wie vor - unter anderem ausgerechnet in Lemberg. Intellektuelle applaudieren.

Pohl will das Thema Massenvernichtung aus mehreren Blickwinkeln betrachten - und nicht nur eine Geschichte der nationalsozialistischen Täter und ihrer Kollaborateure schreiben. "Man muss eigentlich Japan unter Kaiser Hirohito dazuzählen, wenn man die Großverbrechen dieser Zeit auflistet." Stalins Säuberungsaktionen gegen tatsächliche und vermeintliche politische Gegner seien ohnehin schon seit längerer Zeit ein Thema für die Geschichtswissenschaften.

Massaker von Nanking

Der japanische Krieg in China dagegen sei noch relativ unerforscht. Die bekannteste Gewaltaktion in dieser Zeit ist bei Historikern gleichzeitig die umstrittenste. Das Massaker von Nanking von 1937 soll nach Angaben der chinesischen Staatsführung 300.000 Todesopfer gefordert haben. "Das ist sogar in Stein gemeißelt - für die Touristen in Nanking sogar in englischer Sprache." Das in Büchern und Filmen beschriebene Verbrechen dauerte über mehrere Wochen an und wurde nach Berichten von Historikern auch medial begleitet. Japanische Offiziere lieferten sich einen grausamen Tötungswettkampf. Zeitungen berichteten, als wäre es eine Sportveranstaltung.

Die Opferzahl des Massakers ist freilich nicht eindeutig verifiziert. Pohl spricht von Untersuchungen, in denen von 30.000 bis 50.000 Ermordeten die Rede ist. "Was wirklich stimmt, werden wir wohl nur schwer feststellen können." Tatsache ist, dass neben dem spektakulären Fall von Nanking viele historische Fakten in China kaum Beachtung finden.

Pohl nennt den japanischen Anti-Partisanen-Kampf in Nordchina. "Dabei sind - glaubt man chinesischen Historikern - 2,7 Millionen Zivilisten ums Leben gekommen. Das wird kaum diskutiert", sagt er. Der Wissenschafter zieht einen Vergleich zwischen diesem Krieg und jenem des Deutschen Reichs gegen die Sowjetunion. "Im Partisanenkampf gibt es Parallelen. Auch im Umgang mit Kriegsgefangenen. Japan hatte damals kein Kriegsgefangenenwesen. Das heißt: Sie ließen die Chinesen entweder frei oder töteten sie."

Analytische Vergleiche

Aber darf man Kriege vergleichen? "Wenn der Vergleich allein analytischen Zwecken dient, ist nichts dagegen einzuwenden", sagt Pohl, abzulehnen sei er, wenn er politischen Zwecken dient, wie das nicht selten mit dem Holocaust passiert und einer Relativierung gleichkommt.

Diese Massenvernichtung wurde "nicht hermetisch geheim gehalten" (Pohl). SS-Offiziere prahlten bei Heimaturlauben mit ihren Gräueltaten und luden zu Diavorträgen ein. Erschießungen wurden vor Zaungästen in Badehosen durchgeführt. "Präzedenzlos" ist der Holocaust "aus historischer Sicht" aber vor allem deshalb, weil nirgendwo sonst ein Tötungsbefehl erfolgte, der auch Kinder miteinbezog. Und das hatte in der Logik der Nationalsozialisten einen Grund. Sie wollten, so SS-Chef Himmler, nicht eines Tages von Rächern verfolgt werden.

Pohl wird mindestens zwei Bücher über diese Forschungen schreiben. Eines davon soll 2013 erscheinen. "Das ist zumindest der Plan." (Peter Illetschko, DER STANDARD, 19.12.2012)

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