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"Die psychosozialen Belastungen und Anforderungen an Kinder und Jugendliche sind in den letzten Jahrzehnten gestiegen", sagt die Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin Silke Brigitta Gahleitner.
STANDARD: Nach dem Amoklauf von Newtown in den USA sitzt der Schock tief. Welche Hinweise gibt die Traumaforschung, um mit solchen Ereignissen umgehen zu können?
Gahleitner: Zunächst einmal muss man zwischen der Akutversorgung nach Katastrophen und der stationären Versorgung komplex Traumatisierter unterscheiden. Im Akutfall gibt es bereits eine Reihe tragfähiger Forschungsergebnisse zu den Behandlungsmöglichkeiten, wie Debriefings - das sind standardisierte Gesprächsmodelle - oder Fokaltherapien, eine Form der Kurzpsychotherapie. Eine Zeitlang hat man etwa Debriefings direkt nach dem Ereignis serienmäßig durchgeführt, davon ist man aber wieder abgekommen. Jeder muss seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Form finden, das Geschehene zu verarbeiten. Dafür ist es sinnvoll, verschiedene Hilfen anzubieten, aber nicht aufzuzwingen.
STANDARD: Die verschiedensten Formen von Gewalt, Missbrauch, Entführung oder auch Verlust der Heimat gelten als traumatische Erlebnisse. Wann spricht man von einem Trauma?
Gahleitner: Eine Belastung wird zum Trauma, wenn es eine unüberbrückbare Diskrepanz gibt zwischen dem, was bei dem traumatisierenden Ereignis auf einen zukommt, und dem, was man zu seiner Bewältigung mitbringt. Ein dauerhafter Kopfschmerz kann auch sehr belastend sein, aber man hat Strategien, ihm zu begegnen. Bei Todesangst, Kontrollverlust, Ohnmacht oder ähnlichen Erfahrungen entsteht aber eine unlösbare Diskrepanz.
STANDARD: Wann wird das Trauma zur Krankheit?
Gahleitner: Wenn eine posttraumatische Belastungsstörung auftritt. Betroffene entwickeln über Monate hinweg immer wieder Bilder des Ereignisses, vermeiden gewisse Situationen und zeigen Übererregung. Nur: Haben Kinder sehr früh und viele schwere Traumata erlebt, so kommt es zu noch viel komplexeren Reaktionen.
STANDARD: Wie unterscheidet sich die Behandlung bei Kindern und Erwachsenen?
Gahleitner: Man möchte bei Kindern natürlich gerne so früh wie möglich eingreifen, damit Chronifizierungen vermieden werden. Doch die Behandlung ist komplexer, weil das Kind noch mitten in der Entwicklung steckt.
STANDARD: Inwiefern?
Gahleitner: Gerade bei Kindern und Jugendlichen liegt das Trauma häufig noch in einer Art Schlummerphase: Sie dient dazu, das Trauma erst einmal von sich wegzuhalten, um sich weiterentwickeln zu können. Die Verarbeitung des Traumas bereits jetzt wäre zwar theoretisch optimal, aber sie geht bei Kindern nicht zu jedem Zeitpunkt gleich gut. Zudem gibt es Kinder, die sich gar nicht mehr an das Ereignis erinnern können. Daher muss vorsichtig abgeschätzt werden, ob, wann und wie man Kinder mit ihren traumatischen Erfahrungen konfrontieren sollte.
STANDARD: Was fühlt ein traumatisiertes Kind?
Gahleitner: In der frühen Kindheit traumatisierte Kinder haben große Schwierigkeiten, ihre Emotionen adäquat zu erfassen, zu verstehen und zu regulieren. Sie sind daher häufig überflutenden Gefühlen wie Angstzuständen oder tiefer Verzweiflung ausgesetzt, die mit dem Trauma im Zusammenhang stehen oder durch Schlüsselerlebnisse plötzlich aktiviert werden.
STANDARD: Was weiß man über das Ausmaß von Traumata bei Kindern?
Gahleitner: Im Missbrauchsbereich hat man international mittlerweile relativ stabile Daten. Hier geht man von jedem fünften bis sechsten Mädchen aus und jedem achten bis zwölften Jungen. Bei Misshandlung sind die Daten schwieriger zu erfassen. Aber bei Kindern in stationären Einrichtungen sind die Zahlen noch alarmierender: Bis zu 80 Prozent haben traumatische Erfahrungen in ihrem Leben gemacht.
STANDARD: Meldungen über Missbrauchsfälle, wie zuletzt in Kinderheimen, tauchen immer wieder auf. Trägt das zur Enttabuisierung des Traumas bei?
Gahleitner: Über das mediale Echo wird das Thema wachgehalten. Doch das Wort Trauma wird auch sehr inflationär gebraucht. Man muss zwischen seinen verschiedenen Formen unterscheiden. Und es gibt immer wieder Tabus, die nicht benannt werden. Zum Beispiel das Thema Täterinnen. Oder Jungen als Opfer.
STANDARD: Wächst der Bedarf an Hilfe für traumatisierte Kinder und Jugendliche?
Gahleitner: Der Bedarf steigt, ambulant wie stationär, und zwar quantitativ wie qualitativ. Das heißt, auch die Problembilder werden komplexer.
STANDARD: Was sind die Ursachen?
Gahleitner: Eine Ursache ist, dass sich das Krankheitsaufkommen ein Stück weit verschoben hat - stärker hin zu psychischen, sehr vielfältigen Krankheiten. Die psychosozialen Belastungen und Anforderungen an Kinder und Jugendliche sind in den letzten Jahrzehnten gestiegen, besonders für Kinder aus benachteiligten Bevölkerungsgruppen.
STANDARD: Welche Probleme stellen sich bei der Versorgung?
Gahleitner: Eine schlechte Abklärung zu Beginn der Hilfe führt häufig zu Abbrüchen. Es mangelt an Personal und an Zeit. Die Diagnostik kann gerade am Anfang nicht so komplex erfolgen wie nötig. Die Hilfen sollen zunächst möglichst günstig sein. Erst wenn das Kind dann schon fast in den Brunnen gefallen ist, geht man in die vollstationäre Intensivhilfe. Hier müsste man die Jugendwohlfahrtspraxis noch genauer unter die Lupe nehmen.
STANDARD: Was sind hier neue Ansätze?
Gahleitner: Für die stationär untergebrachten Jugendlichen zählt vor allem die Qualität der Betreuung im Alltag, also in den restlichen 23 Stunden - neben der Therapie. Sozialarbeiter und Erzieher vor Ort brauchen Trauma- und Bindungskompetenzen, um die Kinder zu verstehen, sie durch den Alltag begleiten und ihnen ein unterstützendes Beziehungsnetzwerk bieten zu können. Denn korrigierende Erfahrungen geschehen nicht nur in der Therapie. Es sind daher zusätzlich auch traumapädagogische Konzepte erforderlich. Und Strukturen, die eine qualifizierte Arbeit möglich machen.
STANDARD: Auch die Biomedizin beforscht das Trauma. Forscher konnten bereits zeigen, dass ein frühes Trauma Spuren im Erbgut hinterlassen kann. Wie fließen derartige Ergebnisse ein?
Gahleitner: Die Forschung zeigt mehr und mehr, wie Umweltverhältnisse unsere Gesundheit beeinträchtigen können. Leider fehlen aber Studien, welche genauen Umweltbedingungen dazu führen, dass diese biologischen Veränderungen eintreten.
STANDARD: Es braucht also mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit?
Gahleitner: Ja. Doch Interdisziplinarität wird an den meisten Universitäten immer noch zu wenig gefördert. Es gibt auch nur wenig Forschungsförderung dafür. Aber genau das wäre nötig. (Lena Yadlapalli, DER STANDARD, 19.12.2012)
Silke Brigitta Gahleitner, geb. 1966 in Mannheim, studierte Soziale Arbeit und promovierte in Klinischer Psychologie. Sie arbeitete langjährig als Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin. Seit 2006 ist sie als Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin und seit 2012 am Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit der Donau-Universität Krems tätig. Am 16. Jänner 2013 spricht sie im Rahmen eines "Mini-Med"-Vortrages an der Donau-Uni Krems über Trauma.
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"sind gestiegen"
klar, gute alte zeit. hitlergeneration und so, die waren ja alle gut drauf
welche? warum? nachkriegszeit? oder noch weiter?
wenn etwas gestiegen ist, dann die kompetenz der psychologen in dem bereich. aber sicher nicht die traumatisierten. im mittelalter z.b. war wohl jeder traumatisiert mit all den öffentlichen massakern
Hab ich mir auch gedacht....vielleicht meint sie, seit den 60er Jahren?? Da war es in Europa wirklich sicher und beispielsweise konnten Eltern davon ausgehen, dass ihre neugeborenen Kinder auch das Erwachsenenalter erleben. Das war ja seit Beginn der Menschheitsgeschichte nicht so. Durch Krankheiten und wilde Tiere und kriegerische Ausenandersetzungen etc sind ja die meisten vorher gestorben.
Immerhin, sehr erfreulich, dass es Hilfe für traumatisierte gibt.
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