Design Miami: Miami heiß

27. Dezember 2012, 11:44
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Die Design Miami ist die kleine Schwester der Kunstmesse Art Basel - Gezeigt werden ausgewählte Designstücke - Heuer zum Beispiel die Installation von Architekt Asif Khan für Swarovski

Winter in Miami. Schnee bedeckt die Landschaft, die Sonne steht tief am Horizont. Das Bild, mit dem Swarovski für seinen jüngsten Crystal Palace wirbt, ist wie eine Antithese zu den 30 Grad, die es derzeit in Florida hat. Flipflops und Shorts bevölkern die Straße, doch bei Swarovski regieren die Eiskristalle.

Bereits seit zehn Jahren errichtet das Unternehmen aus Wattens alljährlich seinen "Crystal Palace". All das, was man mit Kristallen so anstellen könnte, wenn man sie nicht gerade zu Häschen und Schweinchen formen würde, darf hier gemacht werden. Ein Experimentierfeld für Gestalter. Ron Arad war bereits dabei, auch Zaha Hadid, Tom Dixon oder Ross Lovegrove. Vorgaben gibt es so gut wie keine. Heuer ist der Brite Asif Khan dran. Er hat im Rahmen der parallel zur Art Basel stattfindenden Messe Design Miami ein kleines Haus in das strahlend weiße Zelt vor das Convention Center gestellt. Was auch sonst? Schließlich ist Asif Khan gelernter Architekt. Häuser zu bauen ist aber nicht wirklich sein Hauptinteresse. Zumindest keine "normalen Häuser".

"Manche sagen, ich sei ein Künstler", sagt er, nachdem er lange überlegt hat, "aber das trifft es auch nicht wirklich. Mich interessieren Emotionen." Der gerade einmal 33-jährige Shootingstar aus London lehnt an dem strahlenden und glitzernden und funkelnden Stahl- und Glasgebilde, das er nach monatelanger Tüftelei errichten ließ, und erzählt von der Frau, die Tags zuvor inmitten seiner Installation Tränen vergossen hat. "Ist das nicht großartig?", fragt er, weiß danach aber selbst nicht zu sagen, ob es vielleicht einfach nur das gleißende Licht gewesen ist, das der Dame die Tränen in die Tränen getrieben hat. Wie auch immer. Tränen sind geflossen. Das kann nicht jedes Kunstwerk, Pardon, Designstück von sich sagen.

1,3 Millionen Kristallen

Ob es sich bei Asif Khans Miniaturhaus eher um Ersteres oder doch um Letzteres handelt, darauf will in Miami niemand eine Antwort geben. Installation, darauf könne man sich einigen. Mit 1,3 Millionen Kristallen hat Khan laut Angaben von Swarovski sein Häuschen bestückt, er selbst spricht sogar von 1,4 Millionen. Auf jeden Fall sind es ziemlich viele, die meisten sind weiß, die anderen funkeln bläulich-rötlich und wurden von Christian Dior höchstpersönlich in den 1950ern entwickelt. "Auf die richtige Anordnung der unterschiedlichen Kristalle kommt es an", sagt der Londoner Designerarchitekt, der im Vorjahr mit einem Musikpavillon für Coca-Cola bei den Olympischen Spielen viel Aufsehen erregte. Nur dann können Halos entstehen.

Darum geht es hier nämlich. Die Lichteffekte, die durch Reflexion und Brechung von Licht an Eiskristallen entstehen, kommen normalerweise nur in großen Höhen von acht bis zehn Kilometer vor. Es bilden sich teils weißliche, teils farbige Kreise, Bögen, Säulen oder Lichtflecken. In Winterlandschaften wie auf jenem Bild, mit dem Swarovski für Khans Installation wirbt, passiert das öfter. Doch im subtropischen Miami, nein da sind Halos keine alltägliche Erscheinung. Umso länger sind die Menschenschlangen, die sich vor dem Eingang der Installation bilden.

Gemeinsam mit dem Messestand von Audi, in der die Entwicklung eines Sitzes aus dem Leichtbaurennwagen und Le-Mans-Sieger R18 nachgezeichnet wird (siehe RONDO vom 12. 10. 2012), ist Swarovskis Crystal Palace das Schmuckstück der diesjährigen Design Miami. Seit zwei Jahren wird diese von einer Österreicherin, der Wienerin Marianne Goebl geleitet. Und das mit einem geschickten Händchen.

Von einer Krise spüren wir hier relativ wenig

Wenn Anfang Dezember alljährlich die vereinigte internationale Kunstwelt Miami Beach flutet, bleibt für andere Veranstaltungen als der Art Basel selbst (und natürlich den vielen Partys) wenig Zeit. "Es geht darum, nicht nur dem Design-, sondern auch dem Kunstpublikum ein Angebot zu machen", ist Goebl überzeugt. So wirklich auseinanderdividieren ließe sich das eine vom anderen meist sowieso nicht. Also hat Goebl heuer aus dem Eingangsbereich der Design Miami vom New Yorker Studio Snarkitecture eine riesige aufblasbare Röhrenlandschaft bauen lassen. (Das Studio ist in der Messe auch mit seinen "ramponierten" Möbelstücken vertreten.) Wer zur Art Basel will, dem fallen die Röhren unweigerlich ins Auge.

Sie führen in eine von sechsunddreißig Galerien bevölkerte Ausstellungslandschaft, in der die klassische Designmoderne genau so vertreten ist wie das zeitgenössische Experiment. Um 25 Prozent mehr Galerien stellen heuer aus. "Von einer Krise spüren wir hier in Miami relativ wenig", erzählt Goebl, "allenthalben bei den Fragestellungen, mit denen sich die Designer beschäftigen." Industriematerialien stehen etwa im Zentrum der Arbeiten der Industry Gallery aus Washington. Jens Praets Möbelstücke sind aus geschredderten Dokumenten, Boo aus Eindhoven stellt eine seifenblasenwerfende Glühbirne aus LEDs vor, Maarten de Ceaulaer transformiert für das italienische Modehaus Fendi Lederstücke in Möbel.

Die Hauptrolle auf der Design Miami spielen dieses Mal aber französische Designer, kaum eine Galerie, die keinen Prouvé oder Royére im Angebot hat. Die Gallerie Patrick Seguin (Paris) stellt Möbel aus, die Le Corbusier und Pierre Jeanneret für ihre Planungen von Chandigarh in Indien entworfen haben, flankierend dazu zeigt man im Showroom von Cassina im Design District eine Rekonstruktion des Interiors von Le Corbusiers Strandhütte Cabanon in Cap-Martin. Die Galerie Demisch Danant (New York) setzt wiederum auf eine Einzelausstellung des wenig beleuchteten Designers Pierre Guariche. "Mein Anspruch wäre", sagt Marianne Goebl, "dass man in der Messe die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts durchwandern könnte. In Basel haben wir das geschafft, hier wird es noch ein bisschen dauern." Bei Swarovski hat man zumindest schon einmal den Sommer zum Winter gemacht. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 21.12.2012)

  • Seine Mutter stammt aus Afrika, sein Vater aus Pakistan. Aufgewachsen ist Asif Khan aber in London, wo er eines der vielversprechenden Architekturbüros der Stadt betreibt.
    foto: parhelia by asif khan for swarovski crystal palace, steve benisty

    Seine Mutter stammt aus Afrika, sein Vater aus Pakistan. Aufgewachsen ist Asif Khan aber in London, wo er eines der vielversprechenden Architekturbüros der Stadt betreibt.

  • Das New Yorker Studio Snarkitecture hat den Eingang der Design Miami in eine riesige Röhrenlandschaft verwandelt.
    foto: markus haugg, steve benisty

    Das New Yorker Studio Snarkitecture hat den Eingang der Design Miami in eine riesige Röhrenlandschaft verwandelt.

  • Das Miniaturhaus von Asif Khan, in dem er durch 1,4 Millionen Swarovski-Kristallen Halos erzeugt - und das obwohl es in Miami nicht 30 Grad minus, sondern plus hat.
    foto: markus haugg, steve benisty

    Das Miniaturhaus von Asif Khan, in dem er durch 1,4 Millionen Swarovski-Kristallen Halos erzeugt - und das obwohl es in Miami nicht 30 Grad minus, sondern plus hat.

  • Die Wienerin Marianne Goebl leitet seit zwei Jahren die Messe "Design Miami".
    foto: courtesy of design miami

    Die Wienerin Marianne Goebl leitet seit zwei Jahren die Messe "Design Miami".

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