Führe uns in Versuchung

28. Dezember 2012, 16:30
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Verführerische Posen, nobles Handwerk, theoretische Erkundungen: Bücher über Mode schmücken jeden Gabentisch - Gregor Auenhammer und Stephan Hilpold sichteten die besten Neuerscheinungen

Die Ernte der Tränen

Ihr erstes großes Fotoshooting - im Alter von 15 Jahren mit Richard Avedon und Mark Wahlberg für Calvin Klein - endete mit einem zweiwöchigen Nervenzusammenbruch, weil sie dem Druck und der Forderung nach kompletter Nacktheit nicht standhalten konnte, gestand Kate Moss kürzlich gegenüber Vanity Fair. Sie habe sich in ihrem Körper eigentlich nie wohlgefühlt. Erstaunliche Offenbarungen für ein Model, das gerade für ihre explizite wie offensive Körperlichkeit - als natürliche Antithese zu Hochglanz-Pin-up-Supermodels - berühmt wurde. Vor diesem Hintergrund ließe sich die von der heute 37-Jährigen zusammengestellte Monografie als grandios inszenierter Fotoroman interpretieren, als Soap-Opera mit theatralisch-dramatischen Inszenierungen. Hocherotisch und über-sinnlich. Wie auch immer. Auf jeden Fall macht das opulente Opus magnum die Metamorphose des grazil-androgynen, scheuen Rehs zum selbstbewussten Vamp augenscheinlich. Der Heroin-Chic sei ihr nur angedichtet worden. Geschadet hat ihr "to be different" allerdings nie. Genährt hat sie derlei Spekulationen auch aufgrund ihrer Partner und des Nimbus von Sex, Drugs & Rock 'n' Roll sowie ihrer öffentlich zelebrierten Rollenspiele. Ein Kompendium über die schöne Oberflächlichkeit unserer Zeit.

"Kate Moss". € 80,- / 448 Seiten. Schirmer/Mosel-Verlag, München 2012

Der Charme des Internet

Seit wann gibt es eigentlich Modeblogs? Wer bei dieser Frage die Stirne runzelt, für den hat William Oliver in Style Feed eine Antwort. Bis zurück in die Steinzeit des Modebloggings, sprich: ins Jahr 2005, listet er in seinem Buch die wichtigsten Blogs auf, inklusive kurzer Selbsterklärungen und vieler Style-Bilder, die dort erschienen sind. Am Anfang des Bloggings steht Diane Pernet und ihre Seite "A shaded view on fashion", am Ende die hübsch arrangierten Accessoire-Bilder aus "The Coveteur". Und dazwischen tummeln sich all jene bloggenden Zeitgenossen, die in den vergangenen sieben Jahren die Mode ins Internet gebracht haben. Zwischen Buchdeckeln machen sie sich auch nicht schlecht.

William Oliver: "Style Feed". € 19,95 / 320 Seiten. Prestel-Verlag 2012

Die Ernte des Experimentierens

Einst gehörte Plissieren zur hohen Kunst der Profession des Schneiderns. Zum artifiziellen Erreichen dauerhafter Faltenwürfe entwickelte Issey Miyake eine eigene Technik, designte ein originäres Material. Die Geschichte dieses Prozesses inklusive kunstvoller Kollaborationen mit Tanz, Theater, in Kombination mit Industrie und Werbung zeigt dieses farbenprächtiges Buch.

"Pleats Please - Issey Miyake". € 30,- / 576 Seiten. Taschen-Verlag 2012

Der Charme der Theorie

Modetheorie hat in unseren Gefilden einen schweren Stand. Anders als in englischsprachigen Ländern, in denen Fashion Studies fest etabliert sind, sind viele der maßgeblichen Texte kaum (oder zumindest nicht auf Deutsch) verfügbar. Sonja Eismann kommt der Verdienst zu, Grundlagentexte von Veblen bis Bourdieu zu versammeln, gruppiert werden sie rund um die Themen Klasse, Distinktion, Utopie und Abweichung. Dazu gibt es jeweils erhellende Einführungen der Autorin.

Sonja Eismann (Hrsg.): "Absolute Fashion". € 18,- /222 Seiten. Orange Press Freiburg 2012

Die Ernte der Träume

Sie prägen unser kollektives Bewusstsein, sie visualisieren unsere Wunsch- und unsere Albträume. Obwohl sie nur im Hintergrund die Fäden ziehen, sind Stylisten wesentliche Kräfte im Modebusiness. Die Modejournalistin Katie Baron bittet diese "stillen Helden" der Industrie vor den Vorhang. Anhand ausgewählter Designs und ausführlicher Interviews porträtiert sie die Meister der Inszenierung. Noch Unbekannte sowie prägende Persönlichkeiten wie Katie Grand, Anna Dello Russo, Katy England, Christiane Arp oder Nicola Formichetti, der für Lady Gagas Stil verantwortlich zeichnet.

Katie Baron: "Stylisten". € 41,10 / 208 S., Coll. Rolf Heyne München 2012

Der Charme des Doubleface

St. Gallen liegt weitab von den Zentren der Modewelt, dennoch hat diese kleine Stadt in der Ostschweiz eine jahrhundertelange Textiltradition. Das bekannteste Modelabel der Stadt ist Akris, das heuer sein 80-jähriges Jubiläum feierte. Die amerikanische Modetheoretikerin Valerie Steele hat dazu einen schönen, von Peter Bäldle übersetzten Band herausgegeben, samt vieler Musterbeispiele, Inspirationsquellen und Hintergrundinfos.

Valerie Steele: "Akris 1922-2012". € 105 / 186 Seiten. Assouline 2012

Die Ernte der Tradition

Im Florenz des ausklingenden 19. Jahrhunderts verbrachte ein Bub die Samstage damit, über die Via de Tornabuoni zu bummeln und Geschäfte zu bestaunen. Vor allem feines Tuch und Lederwaren hatten es ihm angetan. Jahre später ging der Junge namens Guccio Gucci nach London, arbeitete als Gepäckträger im Hotel Savoy und träumte davon, zu Hause ein Geschäft für noble Lederwaren zu gründen. Gesagt, getan. Der Rest ist Geschichte. Designerin Frida Giannini wirft in Gucci - The Making of einen Blick hinter die Kulissen der Marke.

Frida Giannini: "Gucci - The Making of". € 100,80 / 384 Seiten. Collection Rolf Heyne, München 2012

Der Charme der Chronologie

Seitdem sich Alexander McQueen das Leben nahm, sind einige Bücher über ihn erschienen. Eine chronologische Sichtweise auf seine einzelnen Kollektionen nimmt jetzt jenes von Modehistorikerin und McQueen-Freundin Judith Watt ein. Ein detaillierter und kundiger Blick auf das Zentrum seines Schaffens, die einzelnen Kreationen, von denen Watt Verbindungslinien zu seinem Leben (und Leiden) zieht.

Judith Watt: "Alexander McQueen". € 39,90 / 224 Seiten. Collection Rolf Heyne, München 2012

(Gregor Auenhammer, Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 21.12.2012)

  • Momentaufnahmen eines öffentlich zelebrierten Lebens: Kate Moss als personifizierte Versuchung - einmal jugendlich wie Eva im Paradies - einmal als gereifter Vamp.
    foto: schirmer/mosel-verlag

    Momentaufnahmen eines öffentlich zelebrierten Lebens: Kate Moss als personifizierte Versuchung - einmal jugendlich wie Eva im Paradies - einmal als gereifter Vamp.

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