Tief in die Augen schauen

  • Was wie eine Sonne aussieht, ist das Bild einer durch Makuladegeneration 
geschädigten Netzhaut, Patienten erleben die Erkrankung als "blinde Flecken".
    foto: archiv

    Was wie eine Sonne aussieht, ist das Bild einer durch Makuladegeneration geschädigten Netzhaut, Patienten erleben die Erkrankung als "blinde Flecken".

Am 1. 1. 2013 startet an der Med-Uni Wien ein Christian-Doppler-Labor zur verbesserten Auswertung von optischen Kohärenztomografien - Das Ziel: Therapieverbesserung bei Makuladegeneration

Die Geräte sehen aus wie bei jedem Optiker. Ein an ein Mikroskop erinnerndes Gestell mit einer kleinen Kinnablage. Christian Simader, Augenarzt an der Universitätsklinik des Wiener AKH, stellt bei einem Patienten gerade den richtigen Abstand zwischen Kinn und Augen ein. " Nicht blinzeln", sagt er, und was dann passiert, ist die hohe Kunst technischer Lichtbrechung und Interferenz. "Wir schicken Lichtwellen ins Auge, die von den verschiedenen Schichten der Netzhaut jeweils unterschiedlich zurückgeworfen werden", erklärt er.

Der Patient, Jahrgang 1928, ist einer von 125.000 Betroffenen in Österreich, die an fortgeschrittener, altersbedingter Makuladegeneration (AMD) leiden. Jährlich kommen zwischen 3000 und 4000 Neuerkrankungen dazu. Die Krankheit ist zwar einfach zu diagnostizieren, allerdings wollen die Forscher der Med-Uni die unterschiedlichen Formen der Erkrankung und ihre Verlaufsformen besser verstehen, um zielgerichtet Maßnahmen ergreifen zu können.

Durchblick mit Technik

Die optische Kohärenztomografie (OCT) ist eine Methode, die nicht nur die Netzhaut an sich, sondern auch ihre einzelnen Schichten bildlich darstellt. "Wir erfassen Gewebe bis in die Tiefe", erklärt Simader, dessen Aufmerksamkeit ganz auf den Bildschirm gerichtet ist. Das Ergebnis einer OCT-Untersuchung sieht aus wie tektonische Schnitte durch eine Landschaft. Simader sucht nach Flüssigkeitseinschlüssen, Zysten und Narben, die sich als unterschiedliche Helligkeitswerte darstellen. "Die hellste breite Linie ist die Fotorezeptorenschicht, man erkennt deutlich, dass sie immer wieder unterbrochen ist", sagt er, als der Patient das kleine Untersuchungszimmer in der Ambulanz für Augenheilkunde im AKH verlassen hat. Solch detaillierte Befunde einer AMD seien aus zwei Gründen wichtig.

Erstens: In der Augenheilkunde geht es darum, verschiedene Formen und Grade der AMD zu bestimmen und zweitens: diesem exakten Befund entsprechend, angepasste Therapien zu verabreichen. Und noch etwas ist entscheidend: Mit OCT lässt sich der Erfolg einer laufenden Therapie beobachten. Nur dann, wenn die Medikamente, die direkt ins Auge appliziert werden, wirklich helfen, ist es sinnvoll, sie zu verabreichen. Das ist wichtig, denn die heute zur Verfügung stehenden Medikamente haben selten, aber doch auch Nebenwirkungen und sind teuer: mit OCT wird eruiert, zu welchem Zeitpunkt Patienten von welcher Dosis profitieren.

"Die Diagnose AMD ist kein Synonym für Erblindung mehr, wie viele glauben", sagt Ursula Schmidt-Erfurt, Vorsteherin der Wiener Augenklinik und Leiterin des Projekts. Durch Methoden wie OCT kann die Erkrankung frühzeitig erkannt werden, also bevor die Sehfähigkeit zerstört ist. Im aktiven Frühstadium einer AMD wirken Medikamente besser. So konnte mit bildgebenden Verfahren die Erblindungsrate bei der aktiven Form der AMD von 20 auf zwei Prozent gesenkt werden.

International vernetzt

Hinter diesem Fortschritt liegen Systematik und gewaltige Rechenleistung. "Wir betreiben eigene Server", sagt Simader, in riesigen Datenbanken werden OCT-Bilder aus zahlreichen Studien gesammelt. Für die Forscher an der Augenklinik geht es vor allem auch um die Auswertung dieser Bilder - sowohl jedes einzelnen Patienten im Verlauf einer Therapie als auch, was allgemeine Mustererkennung bei AMD betrifft.

Telemedizin ist in der Forschung der Augenheilkunde zu einem Schlüsselbegriff geworden. 2005 initiierte Schmidt-Erfurth das Vienna Reading Center (VRC), das, heute vernetzt mit 400 Augenzentren rund um den Globus, multizentrische Studien durchführt. "Von Beginn an, also auch damals, als die OCT-Technologie noch nicht so weit verbreitet war, war es uns ein Anliegen, dass all unsere Abläufe digital sind, vom Sammeln der Daten bis zur Begutachtung", sagt Simader. Worum es bei diesem kollektiven Datenauswerten geht? Die Computer-Algorithmen so weit zu verbessern, dass das System automatisch quantitative Parameter wie die Dicke einzelner Netzhautschichten erfasst und auch sämtliche morphologische Parameter quantifiziert werden. Ziel ist, aus den Millionen von Bildern relevante Muster für die Prognose von Krankheitsverläufen erstellen zu können.

Das VRC geht nun in die nächste Runde. Am 1. 1. 2013 startet an der Wiener Augenklinik in Kooperation mit dem Zentrum für medizinische Physik und biomedizinische Technik der Universitätsklinik für Radiodiagnostik und einem der führenden US-Institute im Bereich Imaging ein Christian-Doppler-Labor unter der Leitung von Schmidt-Erfurth. Gemeinsam haben das Bundesministerium für Wirtschaft und Novartis drei Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Offizieller Auftrag: " ophthalmologische Bildgebung und -verarbeitung, Self-Learning-Systeme und populationsbasierte Analysen der häufigsten Netzhauterkrankungen unserer Zeit". OCT liefert auch bei der Untersuchung der Netzhaut von Diabetikern wichtige Hinweise. (Karin Pollack, DER STANDARD, 19.12.2012)

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