Bürgerbewegung gegen die Waffenverrücktheit

Kolumne | Hans Rauscher
18. Dezember 2012, 18:11

Schusswaffen sind Teil der amerikanischen Psyche und Folklore

Barack Obama konnte die Tränen nicht zurückhalten. So wie jeder, der sich vorstellt, an der Bahre sechsjähriger Kinder zu stehen, die von einem Geistesgestörten mit Kriegswaffen niedergemetzelt wurden.

Präsident Obama sagte auch vage, das könne nicht so weitergehen. Sicher, in seiner Amtszeit hatte er bereits drei ähnliche Massaker zu betrauern. Was er genau tun wird, weiß er aber nicht, denn er hat nicht nur eine Mehrheit im Kongress gegen sich, sondern auch die der Amerikaner, die von ihren Schießeisen nicht lassen wollen.

Schusswaffen sind Teil der amerikanischen Psyche und Folklore. Die Nation hängt noch im 21. Jahrhundert Mythen aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges und der Eroberung des Landes nach. Entgegen allen Statistiken glaubt die Mehrheit, mit der Waffe im Haus (oder in der Schule, auf dem Campus, im Restaurant, in der U-Bahn, auf dem Highway) könne man sich gegen Verbrecher schützen. Um die 90 Prozent aller Waffen im Haus werden aber nicht gegen Räuber und Mörder eingesetzt, sondern gegen eigene Familienmitglieder bzw. in immer kürzeren Abständen von Geistesgestörten im öffentlichen Raum gegen jeden, der gerade da ist.

In jedem Land der Welt ist ein bestimmter Anteil der Bevölkerung geistes-und verhaltensgestört. In den USA drückt man diesem Prozentsatz aber Schnellfeuergewehre mit 100-Patronen-Magazinen in die Hand. Die Waffenverrückten sagen, das wäre alles nicht passiert, hätten die Lehrer Schusswaffen gehabt. Ja, warum nicht auch die Erstklässler?

Die mit "freedom" begründete Waffenverrücktheit der Amerikaner ist Teil eines nationalen Realitätsverweigerungssyndroms. Sie glauben immer noch, "the greatest nation on earth" zu sein und negieren Dritte-Welt-Zustände bei der Kindersterblichkeit, der Bildung, der Infrastruktur oder der Armutsrate.

Obama selbst kam in seinem ersten Wahlkampf in Schwierigkeiten, als er ungeschützt etwas von den deklassierten Unterschicht-Weißen sagte, die "sich an ihre Gewehre und die Religion klammern".

Die Waffenverrücktheit wurden in den letzten zehn, zwölf Jahren durch einen allgemeinen Ruck zur durchgeknallten Rechten gefördert. Unter Bill Clinton wurden die Schnellfeuerwaffen verboten. Das wurde unter George W. Bush wieder aufgehoben, gleichzeitig gerieten weite Teile der Politik und der öffentlichen Meinung in Geiselhaft der Waffenlobby und der rechter Fundamentalisten. Obama hat sich bisher nicht mit denen angelegt. Er scheut harte Auseinandersetzungen.

Dennoch sind in den USA die Voraussetzungen für eine Gegenbewegung da. Das Land ist immer noch ein gutes Biotop für einen Bürgersinn, der sich einfach selbst ermächtigt. US-Kommentatoren weisen darauf hin, dass eine Mutter, die ihre Kinder durch einen betrunkenen Autofahrer verloren hat, mit einer Bürgerinitiative unter dem konservativen Ronald Reagan strenge Gesetze durchboxte. Die Bürger selbst müssen in einem langen, zähen Kampf die Feigheit der Politik überwinden. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 19.12.2012)

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Ein wichtiger aber gleichzeitig veralteter Text hält die USA zurück ... ein andere Zugang zu dem für uns unverständlichen "Waffen-Gesetz" Circus

http://www.guardian.co.uk/commentis... intcmp=239

Massaker von Nerwport

Schon am Presseecho auf den "arabischen Frühling" war ich über die Unkenntnis der Geschichte der Journalisten erstaunt. Kreisk's Bonmot "Lernen Sie Geschichte" blieb offenbar wirkungslos. Denn zu glauben, daß auf einen bewaffneten Volksaufstand der "demokratische Rechtsstaat" folge, offenbart eine ersttaunliche Unkenntnis solcher "Revolutionen" : Die Folge war und ist im "arabischen Frühling" eine dramatische Verschlechterung der Sicherheistlage - ovr allem der Christen und ein Massenelend. Und zu glauben, daß eine Regierung, die bedenkenlos "gezielt tötet" und blind aus Drohnen auf Zivilisten schießt, die Gewaltverbrechen mit einer zahnlosen Verschärfung der Waffengesetzgebung, verhindert, ist töricht. "Il n'a pas de loi sans foi!"

Was nützt ein schärferes (scharfes) Gesetz

wenn es keiner umsetzt?
Das ist die erste Frage.
Die viel wichtigere ist zu bremsen, wenn ich will und das Geld dafür habe dann bekomme ich die Waffe welche ich will!!!
Was soll dann die Augenauswischerei?
Zuerst MÜSSTE geprüft werden ob der jeweilige Kunde waffentauglich ist.
Das Loch zu den oben angegebenen dunklen Kanälen beibt allerdings immer weiter bestehen.
Also im Endefekt politische Reklame!

von einem generellem Waffenverbot halte ich gar nichts - die Welt wird dadurch eher unsicherer als sicherer

allerdings:

Sturmgewehre mit zerfetzender Mnition braucht wirklich niemand.
Der moderne Infanterist ist, im Gegensatz um Zivilisten, durch Schußwesten und Keflar-Helme zumindest "teilgepanzert" - er wird nur mit einem Teil der Zerstörung konfrontiert.

Natürlich braucht "man" taumelnde Munition...

Wie soll man es denn sonst anstellen, dass es in Newtown fast nur Tote und kaum Verwundete gibt? So ein dünner und schwächlicher Jugendlicher braucht einfach taumelnde Hochrasanzmunition in kleinem Kaliber, sonst kann er sie nicht tragen und es geht sie ihm vielleicht unterm Massaker noch aus - und das kann doch niemand wollen, die NRA am allerwenigsten.

Und das beschriebene Taumeln von Vollmantelgeschoßen wie sie u.a. von den Armeen verwendet werden tritt zwar tatsächlich auf, hat aber im Vergleich zur Alternative (der erwähnten Hohlspitzmunition) relativ geringe Auswirkungen auf Körper. Vor allem tritt dieses Taumeln erst nach einigen Zentimetern im Zielobjekt auf, nachdem das Geschoß Geschwindigkeit verloren hat. Und so grauslich das jetzt auch klingen mag, aber im Fall von kleinen Kindern ist das Geschoß wohl in der Regel schon "durch" bevor es so weit wäre...

Vor dem Problem stand die US Armee zuletzt in Afghanistan: Da waren "die Taliban" durch die Bank alle zu dünn, als dass die Geschoße volle Wirkung entfaltet hätte - deswegen musste neue Munition entwickelt werden...

Alle zu dünn?

Dann müssen die Vietnamesen damals durch die Bank alle ziemliche Wonneproppen gewesen sein, denn bei denen wirkte die 5,56 mm-Munition des M-16 wahre Wunder.

Die gleiche Problematik gab es zweifelsohne auch in Vietnam - allerdings wurde damals die Kombination M16/5.56 gerade erst eingeführt und die Infanterie hatte ganz andere Sorgen damit, als sich über die mangelnde Wundballistik aufzuregen. Lesen Sie doch einmal nach wie "beliebt" die Waffe damals war...

Und wenn Sie gerade beim nachlesen sind, werfen Sie doch auch einmal einen Blick darauf welche unglaubliche Menge an Bomben und anderem Kriegsmaterial die USA damals eingesetzt haben - durch amerikanische M16 kamen mit Sicherheit eine Minderheit der Vietnamesen ums Leben.

Wenn Sie's dann noch immer nicht glauben wollen, Google ist Ihr Freund: Die Studien der US Armee zu Effektivität der bisher verwendeten Munition sind alle frei verfügbar.

Nachdem sich beim Standard leider ständig die Ahnungslosen unterhalten und gegenseitig bestärken...

Hohlspitzmunition welche hier vermeintlich verwendet wurde, wird hauptsächlich zur Jagd benötigt - wenn das Geschoß nicht expandieren würde, geht die Kugel einfach auf der gegenüberliegende Seite wieder heraus und "nix" passiert. Auch für Polizei und Selbstverteidigung verwendet man ähnliches, einfach um Durchschüsse zu vermeiden, wo die Kugel dann "irgendwohin" weiter geht.

Gerade das Militär setzt hingegen nicht (!) solche Munition ein, weil diese u.a. teurer ist, gegen "kugelsichere" Westen vergleichsweise wirkungslos, aus strategischen Gründen nachteilig und nicht zuletzt dem Militär auch völkerrechtlich verboten ist.

Waffen töten nicht, Menschen töten!

Ich hatte nach 2 verlorenen Autos in Polen und nach einer absolut lebensgefährlichen Situation bei der zweiten "Autoübergabe" den Rat der polnischen Polizei befolgt, einer Waffe und eine Alarmanlage angeschafft.
Zwei Wochen nach der zweiten Aktion der Kriminellen hatte ich etwa um 0100 Uhr Besuch zu Hause. Ich hatte nach dem Alarm meine Magnum in der Hand. Aber ich konnte im Gegensatz zu den österreichischen Polizisten nicht auf den im Garten davonlaufenden Mann schießen. In den Rücken? Auf einen abhauenden Kriminellen? Ich konnte nicht einmal Warnschüsse in meine Wiese abgeben, wegen der Steine und der möglichen Abpraller.
Untersucht die Psyche der Amerikaner! Das wäre die Lösung.
Justizopfer

Uninformiert und nicht trainiert hilft das alles nichts.

Warnschüsse gibt man meist in die Luft ab!
Kommt auch auf Ihre Munition an.
js

Warnschüpsse in die Luft sind nicht ungefährlich in bewohntem Gebiet,

da auch lediglich mit Eigenbeschleunigung stürzende Projektile Menschen verletzen können; gab es in den letzten Jahren zu Silvester mehrere Fälle.

Ja, sicher, kommt halt aufs Gebiet an. Wenn er tatsächlich

eine Magnum hatte, ist die passende Munition mit einem Weichblei Softtip ausgestattet und deshalb Abpraller bei einem halbwegs steilen Winkel (er braucht sich ja nicht gleich in den Fuss schiessen) höchst unwahrscheinlich und eher ein Lottotreffer. Wann war der letzte Fall, wo jemand zu Silvester von einer herabfallenden echten Kugel oder aus 2-3 Km Entfernung (geht sogar mit .22LR und Gewehr) getroffen wurde?
js

Zitat von Jeff Cooper:

The media insist that crime is the major concern of the American public today. In this connection they generally push the point that a disarmed society would be a crime-free society. They will not accept the truth that if you take all the guns off the street you still will have a crime problem, whereas if you take the criminals off the street you cannot have a gun problem.

http://de.wikipedia.org/wiki/Jeff_Cooper

ist richtig, was der Colonel sagt,

aber der würde auch nicht jedem eine Bushnell .223 überlassen.

Stimmt!

Aber zwischen 'nicht jedem' und 'niemandem' ist halt viel Platz.
Und 'niemandem' hat Jeff Cooper sicher nicht gemeint.

Kriminelle veranstalten aber keine Massenmorde. Das machen nur Geistesgestörte.

Sollte man sich dann nicht genauso um die Geistesgestörten kümmern wie um die Kriminellen?

Das Prinzip ist das gleiche!

Genau!

Die Wahrheit ist: Niemand weiß warum dies gehäuft passiert aber Gesellschaft/Politik schreien trotzdem nach Erklärung und ReACTION

und deshalb greifen die einen nach den Waffen-Gesetzen , die anderen nach den Videospielen wieder andere nach der Verauung der Sitten andere nach zu liberalen Umgang mit sogenannten "Geistesgestörten".

Ich persönlich bin grundsätzlich für strenge Waffengesetze, aber lösen werden sie das Problem nicht (siehe Schweden oder UK). Im Gegenteil wenn nun so hysterisch singular causal diese Sau durchs Dorf getrieben wird, wird sich genau nichts ändern.

(Politisch Kleingeld daraus zu schlagen wie Rauscher ("durchgeknallten Rechten") ist überhaupt geschmacklos niederträchtig)

die welt ist nun mal nicht schwarz-weiß - somit gibt es keine perfekte lösung - aber wenn der typ nicht so leicht an so viele und große (automatische?) waffen gekommen wäre wärs halt ned so schlimm gekommen das ganze - dass der typ trotzdem ausgezuckt wäre sollte auch klar sein - aber es ist ein unterschied ob 20 oder 2 kinder dabei sterben

rauscher hat aber trotzdem recht, auch wenn er auch für meinen geschmack um eine spur übertreibt

Nettes Detail am Rande zur US-Amerikanischen Waffenverrücktheit.

Das es bei dem Ganzen um Big Bussines geht kann man schon daraus ermessen, daß es in den USA 130.000 lizensierte Waffengeschäfte und 144.000 Tankstellen gibt.

Ich frage mich, welches Industrieland braucht nahezu gleich viel Waffengeschäfte wie Tankstellen?

Irgendwo ist da der Wurm drin.

Herr Rauscher scheint nicht zu verstehen

worum es bei der Einstellung der grossen Mehrheit der Amerikaner zu Waffen geht: Freiheit! Warum gab es denn hier keinen Hitler, Stalin, Mussolini oder Mao? Genuegend wahnwitziges progressives Gedankengut hat es hier in den 20er und 30er Jahren auch gegeben, aber regierungsnahe Schlaegertruppen waeren hier eben nicht weit gekommen, weil sie nicht lange ueberlebt haetten.

Und wie man Waffenbesitzrechte mit irgendwelchen Verkehrsregeln vergleichen kann, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Wahrscheinlich nur, wenn man sich mit dem Thema nicht wirklich befasst hat und nur so vor sich hinschreibt. Um beim Waffenrecht etwas fundamental aendern zu koennen muesste Genosse Obama die Verfassung aendern. Fat chance!

Ich fühle mich auch ohne Waffe frei.

Und hätte es in D um 1930 derart verbreiteten Waffenbesitz gegeben wie in den USA heute, wäre die Geschichte wohl eher beschleunigt worden denn verhindert (man stelle sich vor, die 100tsenden SA-Typen wären auch noch bewaffnet gewesen).

Rechte Schlägertruppen gibt es seit jeher

und der KKK regierte Dixie einige Jahrzehnte praktisch unverhohlen mit.

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