Einen Teenager heute verstehen

Hikikomori sind Japaner, die den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren

Als Till nicht zur Matura zugelassen wird, beginnt er mit seinem Rückzug aus der Welt. Er beschließt sich so lange in seinem Zimmer einzuschließen, bis er weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll.

Seine Eltern - ein anthroposophischer, golfspielender Schönheitschirurg und eine liberale, Veltliner-schlürfende Raumdesignerin - meinen anfangs, ihm diese Entwicklungsphase gönnen zu dürfen. Der Rückzug in sein Zimmer, das er schrittweise zu einem Kokon verwandelt, nimmt jedoch bedrohliche Ausmaße an. Seine Verbindungen zur Außenwelt sind die Lebensmittellieferungen der Mutter und die Game-Community im Internet. Diese Separatwelt funktioniert nach seinen Regeln - so lange, bis seine Lebensader gekappt wird.

Als Hikikomori (jap. "sich einschließen", "gesellschaftlicher Rückzug") werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich in der elterlichen Wohnung einsperren und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. Das Phänomen wurde Ende der 90er-Jahre vom Psychologen Tamaki Saito beschrieben. Schätzungen zufolge leben in Japan hunderttausende Hikikomori. Auch in Europa ist diese Art von Rückzug nicht unbekannt, zumeist wird sie als "Sozialphobie" diagnostiziert.

Kevin Kuhn hat einen Debütroman von beklemmender Realitätsnähe geschaffen. Sein authentischer Blick auf eine Welt des Erwachsenwerdens zwischen Realität und Virtualität, zwischen Freiheit und Erfolgsdruck, zwischen der Sehnsucht nach Nähe und Abgrenzung geht wirklich unter die Haut. (afri, DER STANDARD, 17.12,2012)

Kevin Kuhn
Hikikimori
Berlin-Verlag, 223 S. 15,50 Euro

  • Till beschließt sich so lange in seinem Zimmer einzuschließen, bis er weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll.
    foto: derstandard

    Till beschließt sich so lange in seinem Zimmer einzuschließen, bis er weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll.

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