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Jana Podbelsek gewann beim "Wiener City Literaturfestival".
Wenn ich mit meiner Oma rede, sitze ich auf ihrem Schoß. So war es immer, so wird es immer sein. Ich liebe diese alte Frau mit ihren Runzeln und Falten und den milchig-blauen Augen. Meine Oma ist blind. Sie war es immer und wird es immer sein. Sie hat noch nie die Farbe der Blätter im Garten gesehen, sie hat noch nie das strahlend rote Licht des Sonnenuntergangs genießen können, sie konnte noch nie die Schönheit der Sterne bewundern. Und dennoch kennt sich diese Frau, der ungewollt so Vieles entgeht, besser als jeder andere mit Menschen aus.
Wenn ich die Tür zu ihrem kleinen, alten Häuschen öffne, weiß sie, noch bevor ich in ihr Zimmer gelange, dass ihre Enkelin kommt, und in welcher Stimmung ich gerade bin. Sie weiß, was sie tun muss, um mich aufzuheitern, wenn ich traurig bin; sie weiß, wie sie sich verhalten muss, wenn ich überdreht bin, kann mit mir lächeln, herumalbern, lachen und weiß mir zu helfen, wenn ich keinen Weg in die Zukunft sehe.
Als ich kleiner war, erzählte sie mir von einem fernen Ort, einem Ort, an dem alles perfekt ist, alles erreichbar. Sie sagte mir, dieser Ort sei überall und nirgendwo, für jeden anders und doch immer gleich, und eines Tages finde ihn jeder auf seine Art und Weise. Sie nannte ihn Utopia.
Oft malten wir uns gemeinsam aus, wie es dort wohl sein mag. Ich saß auf ihrem Schoß, sie hielt mein Gesicht in ihren Händen. Ich erzählte und erzählte, von Einhörnern, Elfen und Nixen. Wenn ich fertig war, bat mich meine Großmutter, ihr die Farben zu beschreiben, denn ihr Utopia quoll nur so über von wundersamsten Farbkreationen.
Es ist nicht einfach einem Blinden etwas zu beschreiben, da er es noch nie gesehen hat; umso schwerer ist es eine Farbe zu beschreiben, denn Farben sind so vielfältig. Grün kann frisch sein wie das erste Blatt eines jungen Baumes, aber auch verfault und alt wie Schimmel. Und für jeden sind die Farben anders! Eine Farbe kann mir gefallen und für dich abstoßend sein. Sie kann warm oder kalt wirken und meine Oma sah die Welt durch meine Augen. Wir teilten sie uns. Manchmal strich sie über mein Gesicht, fuhr vorsichtig die Konturen meiner Augen entlang und sagte lächelnd: "Meine kleinen, süßen Fenster ... ich wette, ihr seid wunderschön."
Zwar war sie von meinen Empfindungen, den Erfahrungen, die ich mit Farben gemacht hatte, abhängig, doch ich hörte nicht auf, meiner Oma die Farben der Welt zu beschreiben, ich erzählte ihr von saurem Gelb, saftigem, satten Rot und unendlich weitem Blau, von Kaffebraun, Zartrosa, Giftgrün, von warmen und von kalten Farben, von traurigen und aufgeregten, von stumpfen und spitzen, von weichen und von rauen Farben. Sie lauschte mir stundenlang, und ich konnte sehen, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.
Einmal flüsterte sie kaum hörbar: "Was würde ich dafür geben zu sehen." Sie beschwerte sich nicht, sie klagte nicht. Es war einfach nur ein Wunsch, aus tiefstem Herzen gesprochen.
An jenem Tag ging ich betrübt nach Hause. Meine Oma war eine Kämpferin, trotz ihrer Blindheit hat sie so viel erreicht und sie war ein so guter Mensch... Wieso ist es eben den Besten, jenen, die alles geben, um richtig zu handeln, wieso wird genau ihnen ein so simpler Wunsch wie die Gabe zu Sehen verweigert? Ich konnte es nicht begreifen.
In meinen Träumen sah ich sie immer wieder. Wie sie dasaß, in ihren Augen dieser eine Wunsch, diese eine Enttäuschung. Mitten in der Nacht stand ich auf, nahm mein altes Diktafon und mein Lieblingsbuch: der kleine Prinz. Ich las. Legte mein ganzes Herzblut in diese Aufnahme. "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
Am nächsten Tag spielte ich es ihr vor und beobachtete, wie sich ihre Augen mit Tränen der Rührung füllten. "Danke mein Schatz. Du hast mir sehr geholfen."
Die Jahre vergingen, ich wurde älter, meine Großmutter gebrechlicher. Ich saß immer noch auf ihrem Schoß, sie bestand darauf, ich bestand darauf. So war es immer und so wird es immer sein. Immer noch hielt sie mein Gesicht in den Händen, während ich redete, auch das änderte sich nie. Doch sie bat mich nicht mehr, ihr von den Farben zu erzählen. Wir redeten über meinen Abschluss, den Jungen, den ich kennengelernt hatte, den Unfall, der letztens auf der Hauptstraße passiert war. Wir diskutierten, witzelten, träumten, sprachen über alles Mögliche, nur Utopia schien sie vergessen zu haben.
Meine Großmutter führte ein langes, glückliches Leben und immer wenn ich zurückblicke, war sie an meiner Seite, wenn es darauf ankam. Sie lebte einfach gerne, doch irgendwann merkte sie, dass die Zeit reif war ...
Sie rief mich an. Das tat sie sonst nie. Meine Großmutter war kein Freund der modernen Technik. So war es immer und wird es auch immer sein. Als ich ankam saß sie draußen im Garten. "Komm zu mir, Kind. Setzt dich auf meinen Schoß. Lass uns reden." Gerne tat ich, worum sie mich bat. "Weißt du, ich habe ein gutes Leben geführt, ein langes, mit vielen Abenteuern. Aber jetzt, Schatz, kann ich hier keine mehr finden. Ich habe sie alle ausgelebt ... alle bis auf eines ... Ich möchte die ganzen wundervollen Farben sehen, die du mir immer beschrieben hast." "Aber wie? Wie willst du das schaffen, Oma?" "Ich habe es gefunden, Utopia, mein eigenes Utopia." Ihr Atem begann schneller zu werden. Langsam dämmerte mir, was da vor sich ging. "Nein ... Geh nicht! Wenn du gehst, ist alles vorbei!" "Na, jetzt sei doch nicht dumm, Kind." Ein Lächeln machte sich auf ihren Lippen breit. "Es ist doch nur ein neuer Weg. Ein Weg in die Zukunft." Sie schloss die Augen. "Ich kann sie sehen, Schatz!"
Als meine Oma zum letzten Mal mit mir redete saß ich auf ihrem Schoß. So war es immer, so wird es immer sein. (Jana Podbelsek, DER STANDARD, 18.12.2012)
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Ich verstehe Ihre Frage.
Aber die Zeiten haben sich geändert - Sie können doch nicht glauben, dass es in Zeiten der allgemeinen Verblödung durch den ganzen neoliberalen Wahnsinn sozusagen Biotope gibt, wo sich der Mensch kritisch und kompetent entfaltet. Und wenn es solche Biotope gäbe, dann würden diese Menschen ganz sicher keinen Preis bei solchen Wettbewerben erhalten.
Das Mädchen kann nichts dafür, es ist das Produkt seiner Zeit und seiner Gesellschaft. Und ein Thomas Bernhard konnte auch nichts dafür, dass er zu einem echten Klassiker der Weltliteratur wurde, den man in 200 Jahren noch kennen wird.
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