Auch Europas Urwälder schrumpfen immer weiter

  • Ein beispielhafter rund tausend Quadratkilometer großer Ausschnitt aus einem Landsat-Satellitenbild von Nordrumänien. Die Farben zeigen den Waldverlust in unterschiedlichen Zeitperioden: blau 1988-89; gelb 1989-94; grün 1994-2002; orange 2002-2006; rot 2006-2009.
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    foto: humboldt-universität zu berlin

    Ein beispielhafter rund tausend Quadratkilometer großer Ausschnitt aus einem Landsat-Satellitenbild von Nordrumänien. Die Farben zeigen den Waldverlust in unterschiedlichen Zeitperioden: blau 1988-89; gelb 1989-94; grün 1994-2002; orange 2002-2006; rot 2006-2009.

Forscher weisen mithilfe von Satellitenbildern Abholzungen naturnaher Wälder in Rumänien nach - auch innerhalb von Naturschutzgebieten

Die Karpaten zählen zu den wichtigsten Biodiversitäts-Hotspots in Europa. Der Gebirgszug stellt als "grüner Korridor" die Verbindung zwischen Zentraleuropa und dem Schwarzen Meer dar und verfügt über Osteuropas größte, gemäßigte Waldregion; auch einige der letzten europäischen Urwälder sind in dieser Region zu finden. Die Auswertung aktueller und früherer Satellitendaten zeigen allerdings, dass der Anteil von Naturwäldern in den Karpaten allmählich zurückgeht.

"Der Naturschutz, und insbesondere die Errichtung von Naturschutzgebieten, sind wichtig zur Wahrung unserer natürlichen Lebensräume. In den Karpaten kam es in den letzten Jahren, nicht zuletzt dank der Osterweiterung der Europäischen Union, zu einer Ausweitung des Schutzgebietsnetzwerks. Es bleibt jedoch die Frage offen, inwiefern diese Schutzgebiete ihre Aufgabe wirklich erfüllen", sagt Jan Knorn vom Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschergruppe untersuchte deshalb das Ausmaß und die Ursachen der fortschreitenden Entwaldung in den Karpaten, insbesondere in Rumänien. Mithilfe von Satellitenbildern und einer neu entwickelten Methode zur großräumigen Kartierung von Veränderungen der Waldbedeckung konnten die Forscher zeigen, dass allein im letzten Jahrzehnt in Rumänien über 2700 Hektar wertvoller Naturwald abgeholzt wurde.

Besonders Besorgnis erregend ist, dass die Ergebnisse Abholzungen auch innerhalb von Naturschutzgebieten offenbaren. Als Hauptursachen hierfür sehen die Forscher institutionelle Umbrüche vor allem in der Zeit nach 1989 und rapide Veränderungen der Eigentumsverhältnisse. Die Enteignung privater Waldbesitzer nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Rumänien seit Beginn der 1990er Jahre stufenweise rückgängig gemacht. Knapp zwei Drittel des Staatsforstes wurden seitdem (und werden immer noch) ihren ehemaligen Besitzern zurückgegeben.

Natur und Kultur mehr denn je bedroht

Die Untersuchung verdeutlicht den gravierenden Einfluss sozioökonomischer Veränderungen auf den Naturschutz und die damit einhergehende Gefahr des Raubbaus an den natürlichen Ressourcen einer Region. Trotz umfangreicher Maßnahmen im Rahmen der EU-Osterweiterung scheint der Erhalt der Biodiversität und einzigartiger Ökosysteme an vielen Stellen mehr denn je gefährdet zu sein.

"Die Abholzung hat bedeutende Auswirkungen auf das Ökosystem der Karpaten, die weit über den Waldbestand als solchen hinausgehen", so Knorn. Über 125 Tier- und Pflanzenarten, darunter der Wolf, der Braunbär und der Luchs, sind stark bedroht. Bodenerosion und Hangrutschungen nehmen zu, die Gefahr von Überflutungen steigt nachweislich. Die Biodiversität und damit verbundene Ökosystemdienstleistung nehmen ab oder sind gefährdet. Nicht zuletzt ist der Karpatenraum auch ein Hort traditioneller Bräuche und Kulturen - es verwundert insofern nicht, dass der Verlust des Naturraums oft auch mit dem Verlust des Kulturraums einhergeht. (red, derStandard.at, 18.12.2012)

 

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