Forscher finden Ursache für Medikamenten-Resistenz bei Malaria

25. Dezember 2012, 18:55
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Was die Erreger gegen Artemisinin unempfindlich macht - WHO-Malaria-Bericht: Bekämpfung der Tropenkrankheit in Gefahr

Wien/Washington - Malaria zählt nach wie vor zu den weltweit gefährlichsten Krankheiten. Im Jahr 2010 erkrankten noch immer weltweit 219 Millionen Menschen daran, es gab rund 660.000 Todesfälle, davon die meisten bei Kindern im Alter unter fünf Jahren. Eine Studie der MedUni Wien, die Ende 2008 im "New England Journal of Medicine" erschienen ist, erbrachte die ersten Beweise für die Existenz von Resistenzen gegenüber dem wirksamsten und wichtigsten Malariamedikament im Westen Kambodschas - Artemisinin. Jetzt hat ein internationales Forscherteam bei den Erregern (Plasmodium falciparum) genetische Charakteristika identifiziert, die für eine Überwachung der Resistenzsituation geeignet sein könnten.

Shannon Takala-Harrison (Zentrum für Impfstoffentwicklung an der Universität von Maryland in Baltimore in den USA) und die Co-Autoren, unter ihnen Harald Noedl und sein Team von der MedUni Wien, berichten über ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift PNAS (online). Demnach konnten sie durch die Genotypisierung von Plasmodium falciparum-Parasiten insgesamt vier minimale Genomveränderungen (SNPs) auf Chromosom zehn, 13 und 14 der Malaria-Erreger identifizieren, die mit einem reduzierten klinischen Ansprechen auf die Therapie auf der Basis von Artemisinin in Verbindung zu bringen sind. Die Wissenschafter: "Die Mechanismen müssen erst verstanden werden. Aber zwei der SNPs (auf Chromosom 10 und 13 der Erreger) können Marker darstellen, mit denen man die Resistenzentwicklung in Südostasien überwachen könnte."

Siegeszug des Beifuß-Wirkstoffes

In der Behandlung der Malaria ist die derzeit wichtigste Gruppe der Medikamente jene der sogenannten Artemisinine. Diese werden aus einjährigem Beifuß (Artemisia annua) gewonnen, einer vor allem in Ostasien weitverbreiteten Pflanze. Dank ihrer hervorragenden Wirksamkeit haben die Artemisinine einen beispiellosen Siegeszug in der Therapie angetreten. Praktisch alle derzeit verfügbaren Malariatherapien basieren in irgendeiner Form auf einem Verwandten des Pflanzeninhaltsstoffes. Obwohl die WHO die Verwendung dieser Substanzen nur noch in Kombination mit anderen Wirkstoffen zulässt, um die Wahrscheinlichkeit einer Resistenzentwicklung zu reduzieren, kam es in den vergangenen Jahren zu einer zunehmenden Verschlechterung der Situation in Südostasien.

2006/2007 wurde unter der Leitung von Harald Noedl vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien im Westen Kambodschas eine groß angelegte klinische Studie durchgeführt. Diese war speziell auf die Untersuchung möglicher Artemisininresistenz ausgelegt - und belegte "erstmals ein deutlich schlechteres Ansprechen der Malariaparasiten auf Artemisinin und damit verbunden eine stark verzögerte Heilung der Patienten". Das publizierten die beteiligten Wissenschafter Ende 2008 im ?New England Journal of Medicine?.

Gefahren im Kampf gegen Malaria

Die Resistenz sei bisher auf einzelne Parasitenstämme und eine relativ begrenzte Region entlang der kambodschanisch-thailändischen Grenze beschränkt, berichtete der Wiener Tropenmediziner damals. Sollte sie sich aber verbreiten, sieht man eine große Gefahr für die Malaria-Bekämpfung. "Eine Ausbreitung könnte aus unserer Sicht eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Malariakontrolle im 21. Jahrhundert auslösen", stellten die Wissenschafter damals fest.

Aber nicht nur die zunehmende Resistenzenbildung ist problematisch: Die Bemühungen beim Zurückdrängen dieser Tropenkrankheit verringern sich insgesamt und die Finanzierung nimmt laut dem in dieser Woche in Monrovia (Liberia) und in Genf präsentierten Welt-Malariaberichtes der WHO ab.

"Nach einer schnellen Ausweitung zwischen 2004 und 2009 wuchs die Finanzierung von Präventions- und Maßnahmen zur Kontrolle der Erkrankung zwischen 2010 und 2012 zunehmend langsamer. Der Fortschritt bei der Versorgung mit lebensrettenden Gütern hat ein Plateau erreicht. (...) Zum Beispiel nahm die Auslieferung von lang wirksamen Insektizid-haltigen Moskitonetzen in den Staaten südlich der Sahara, in denen die Malaria weitverbreitet ist, von 145 Millionen im Jahr 2010 auf 66 Millionen im Jahr 2012 ab. Das bedeutet, dass viele Haushalte die alten Netze nicht mehr ersetzen konnten, und bringt viele Menschen in Lebensgefahr", schrieb die Weltgesundheitsorganisation in einer Aussendung.

Auch bei den Programmen zur Bekämpfung der Moskitos in Haushalten durch Insektizide in den afrikanischen Staaten mit der größten Verbreitung der Tropenkrankheit gab es eine Stagnation. Dort konnten nur elf Prozent der betroffenen Bevölkerung von 77 Millionen Menschen in den Jahren 2010 und 2011 von diesen Maßnahmen erfasst werden.

Größte Malaria-Gefahr in 14 Staaten

Die größte Malaria-Gefahr ist in 14 Staaten der Erde gegeben. Dort treten rund 80 Prozent der Todesfälle auf. Nigeria und die Demokratische Republik von Kongo sind in Afrika die am meisten betroffen Staaten. In Südostasien ist es Indien. Zwar sind 50 Staaten der Welt weiterhin auf dem Weg, die Neuerkrankungsrate bis 2015 um 75 Prozent zu reduzieren. Doch gibt es nur rund drei Prozent der jährlich geschätzten Neuerkrankungen.

Neben der Prävention von Malariainfektionen setzt die Weltgesundheitsorganisation auf die Versorgung der Gefährdeten in den am meisten betroffenen Staaten mit Test-Kits zum Nachweis der Erkrankung, auf die Bereitstellung von Arzneimitteln und auf die Nachbeobachtung. Hier gab es in der jüngeren Vergangenheit Erfolge: Die Zahl der ausgelieferten Test-Kits konnte von 88 Millionen im Jahr 2010 auf 255 Millionen im vergangenen Jahr gesteigert werden, die Zahl der bereitgestellten Therapien (auf der Basis von Artemisinin-Präparaten in Kombination mit anderen Mitteln) von 181 Millionen im Jahr 2010 auf 278 Millionen im Jahr darauf. (APA/red, derStandard.at, 25.12.2012)

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    Pakistanische Tagelöhner schlafen in Islamabad unter einem Moskitonetz zwischen den Fahrbahnen. Der aktuelle WHO-Bericht malt ein düsteres Bild über den weltweiten Kampf gegen die Tropenkrankheit.

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