Daniel Inouye: Ein US-Pionier sagt Aloha

Porträt |

Vom potenziellen Feind zum Kriegshelden und Senator: Einer der vielschichtigsten US-Politiker ist mit 88 Jahren gestorben

Die Rollen, die Daniel Inouye in seinem Leben spielte oder spielen musste, waren vielfältig: Feind der USA, Kriegsheld der USA, Pionier der US-Politik, Reformer der US-Geheimdienste, Aufdecker in US-Skandalen und zusammengefasst einer der einflussreichsten US-Senatoren der letzten Jahrzehnte. Nun ist Daniel Inouye am Montag im Alter von 88 Jahren gestorben.

Inouye wurde am 7. September 1924 in Honolulu als das älteste von vier Kindern geboren. Seine Eltern emigrierten zuvor aus Japan auf die damals von den USA annektierte Inselgruppe Hawaii. Nach dem Highschool-Abschluss bereitete er sich an der Universität von Hawaii auf das Medizinstudium vor, er wollte Chirurg werden.

Inouye, der "feindliche Ausländer"

Im Laufe des Jahres 1941 - die USA wahrten formal noch ihre Neutralität im Zweiten Weltkrieg - reagierte Washington auf die globalen Aggressionen Japans mit restriktiven Maßnahmen gegenüber japanischstämmigen Einwanderern. Unter anderem wurde ihnen der Eintritt in die US-Army verweigert.

Um seine Loyalität gegenüber den USA unter Beweis zu stellen, arbeitete Inouye in Pearl Harbor als freiwilliger Sanitäter und erlebte so auch den japanischen Angriff am 7. Dezember 1941 mit. Was folgte, waren der offizielle Kriegseintritt der USA und Umsiedlungen bzw. Zwangsinternierungen von japanischstämmigen Einwanderern an der Westküste der Vereinigten Staaten. Zudem wurden sie von der US-Regierung als Sicherheitsrisiko, als "feindliche Ausländer" eingestuft. Das betraf trotz aller vorgelebten Loyalität zu den USA auch Inouye.

Im Jahr 1943 wurde der Bann der US-Army gegen japanischstämmige Einwanderer aufgehoben, Inouye unterbrach sein Studium und trat sofort bei. Er wurde Mitglied des 442. Infanterieregiments, das ausnahmslos aus Soldaten mit asiatischen Wurzeln bestand. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs avancierte dieses Regiment zur am höchsten ausgezeichneten Einheit der US-Army. Und Inouye trug dazu einen maßgeblichen Teil bei.

Inouyes Heldentat

Das Regiment wurde nach Europa geschickt und agierte vor allem in Italien und Frankreich. Im April 1945, kurz vor Kriegsende, ereignete sich, was Inouye später höchste militärische Orden einbrachte: Bei einem Angriff in Italien geriet sein Platoon unter Beschuss von drei deutschen Stellungen mit Maschinengewehren. Obwohl bereits in der Magengegend angeschossen, kämpfte sich Inouye den Erzählungen zufolge vor und zerstörte zwei der Stellungen. Mit einer Granate in der rechten Hand kroch Inouye in Richtung letzte Stellung, als feindliches Feuer seinen rechten Arm durchlöcherte. Dieser, schilderte Inouye einmal, hing nur mehr regungslos an seinem Körper, nicht mehr fähig, die Granate wegzuwerfen. Mit der linken Hand schließlich habe er die Granate ergriffen und sie auf die feindliche Stellung geschleudert. Danach fiel er in Ohnmacht. 

Zu sich kam Inouye wieder in einem Militärkrankenhaus. Sein rechter Arm musste amputiert werden, insgesamt verbrachte er nach seiner Heldentat zwei Jahre in Spitälern. Als Belohnung wurde ihm das Distinguished Service Cross verliehen, das im Jahr 2000 zur Medal of Honor aufgewertet wurde, der höchsten militärischen Auszeichnung in den USA.

Der Einstieg in die Politik

In seiner Zeit in medizinischer Behandlung lernte Inouye einen gewissen Bob Dole kennen, ebenfalls Kriegsveteran und Jahrzehnte später, genauer gesagt 1996, erfolgloser Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Inouye schloss Freundschaft mit Dole, und durch ihn kam erstmals der Gedanke auf, in die Politik zu gehen. Inouyes ursprünglicher Plan, Chirurg zu werden, war mit nur noch einem Arm schließlich nicht mehr realisierbar.

Zurück in den USA, studierte Inouye zunächst Jus an der George-Washington-Universität. Nach seinem Abschluss kehrte er nach Hawaii zurück und verdiente sich seine ersten politischen Sporen im dortigen Abgeordnetenhaus.

Politischer Pionier Inouye

Das Jahr 1959 wurde schließlich ein Meilenstein sowohl für Hawaii als auch für Inouye. Die Inselgruppe wurde zum 50. Staat der USA erklärt, und Inouye war ihr erster vollberechtigter Abgeordneter im Washingtoner Repräsentantenhaus. Drei Jahre später wurde er in den Senat gewählt, dem er bis zu seinem Tod fast 50 Jahre lang angehören sollte. Nebenbei wurde Inouye so zum ersten japanischstämmigen Politiker in den beiden Häusern des US-Kongresses.

In diesem fast halben Jahrhundert agierte Inouye als bescheidener, kompetenter Senator, der nicht gerne das Rampenlicht suchte, dann und wann fand es aber ihn. Etwa im Jahr 1968, als er auf dem Demokratischen Parteitag in Chicago die Keynote Speech halten durfte und danach sogar als Vizepräsidentschaftskandidat gehandelt wurde.

Oder im Jahr 1973, als er Teil des Watergate-Untersuchungsausschusses war und sich als kompetenter und hartnäckiger Fragensteller in den vom Fernsehen landesweit übertragenen Sitzungen einen entsprechenden Ruf erarbeitete.

Der CIA-Reformator

Auch im Jahr 1976 leistete er von allen geschätzte Arbeit, als er maßgeblich dazu beitrug, die in die Kritik geratenen Nachrichten- und Geheimdienste zu reformieren. Zuvor war bekannt geworden, dass CIA und Konsorten ihre Kompetenzen überschritten hatten.

Im Jahr 1987 schließlich spielte er eine tragende Rolle in jenem Untersuchungsausschuss, der die Iran-Contra-Affäre aufarbeitete. Dabei kam ans Tageslicht, dass ranghohe Militärs und Politiker entgegen der offiziellen US-Politik Waffen an den Iran verkauft hatten. Mit den Einnahmen wurden die Rebellen in Nicaragua im Kampf gegen die sandinistische Regierung unterstützt.

Zum Abschied ein "Aloha"

2010 schließlich verstarb Robert Byrd, der Senator mit der längsten Amtszeit der bisherigen US-Geschichte (51 Jahre, 5 Monate und 26 Tage). Inouye rückte dadurch zum dienstältesten und somit ranghöchsten Politiker im Senat auf, dem sogenannten President pro tempore. Der liegt nach dem US-Vizepräsidenten und dem Sprecher des Repräsentantenhauses an dritter Stelle in der Nachfolgeregelung des Präsidenten, sollte dem etwas zustoßen. Wenige Monate später wurde Inouye in seine neunte Amtszeit im Senat wiedergewählt.

Nun, etwa zwei Jahre später, starb Daniel Inouye an den Folgen von Atembeschwerden, einem Leiden, für das er schon mehrmals in Behandlung war. US-Präsident Barack Obama würdigte ihn als "wahren amerikanischen Helden". Von seiner Ehefrau und seinem Sohn verabschiedete er sich am Sterbebett mit einem "Aloha". (Kim Son Hoang, derStandard.at, 19.12.2012)

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