Syriens Vizepräsident fordert Assad heraus

Vizepräsident Faruk al-Sharaa, einer der engsten Weggefährten der Assads, kritisiert in einem Interview das Regime

Assad habe nie Interesse an einem politischen Dialog mit der Opposition gehabt. Dieser sei jedoch der einzige Weg, um Syrien zu retten.

 

Damaskus/Istanbul/Wien - Die Spatzen in Damaskus pfiffen es seit Monaten von den Dächern, dass Faruk al-Sharaa nicht mehr auf Regimelinie liegt, auch wenn sich Gerüchte über seinen Absprung stets als falsch herausstellten. Nun ist der syrische Vizepräsident in der libanesischen Zeitung Al-Akh bar mit einem Interview an die Öffentlichkeit gegangen, in dem er die militärische Lösung, die der "Herr Präsident" suche, offen verurteilt.

"Viele in der Partei (...) und im Militär" seien immer davon überzeugt gewesen, dass es eine ausgehandelte Lösung der Krise geben müsse. Es müsse eine syrische Lösung sein, aber unter Einbeziehung der wichtigen Regionalstaaten und des Uno-Sicherheitsrats. Sharaa betont, dass er selbst nicht als Übergangspräsident zur Verfügung stehe - wie es die Arabische Liga und die Türkei favorisieren.

Es gehe nicht "um das Überleben eines Individuums oder eines Regimes", sondern um die Existenz Syriens, sagte Sharaa. Offenbar fürchtet er wie andere den Zerfall des Landes, etwa wenn sich das Regime und seine Anhänger in das Territoriums des ehemaligen "Alawiten staats" zurückziehen.

"Wenn das Regime nicht die Initiative ergreift, den Wechsel einzuleiten, wird er ihm aufgezwungen werden", sagt Sharaa. Aber auch die Opposition könne nicht in Anspruch nehmen, der einzig legitime Stellvertreter des syrischen Regimes zu sein.

Das Interview war als "Initiative" Sharaas angekündigt worden. Eine Reaktion des Regimes stand einstweilen noch aus.

Der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan soll Anfang des Monats dem russischen Präsidenten Wladimir Putin bei dessen Besuch in Istanbul den Vorschlag mit Sharaa als Übergangslösung gemacht haben, berichtet die türkische Tageszeitung Radikal. Putin hatte bei einer anschließenden Pressekonferenz von "neuen kreativen Ideen" zur Lösung der Syrienfrage gesprochen, wollte aber keine Einzelheiten preisgeben.

Michail Bogdanow, einer der russischen Vizeaußenminister, signalisierte Moskaus Wende im Syrienkrieg: Der Sieg der Rebellen gegen Assad sei wahrscheinlich, räumte Bogdanow ein. Laut Radikal sandte Lawrow dann einen Brief nach Ankara, in dem er offenbar weitere Aufklärung über den Transitionsplan mit Sharaa haben wollte. Türkischen Vorstellungen zufolge soll Assad innerhalb der nächsten drei Monate abtreten und die Macht an Sharaa und die Oppositionskoalition übergeben. Die Zeitung, die sich offensichtlich auf eine Quelle aus dem Außenministerium in Ankara stützt, gab allerdings eine pessimistische Einschätzung wieder: Es sei unwahrscheinlich, dass Assad diesen Plan annehme.

Es wurde vermutet, dass Erdogan am Montag dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadi-Nejad, der zu einem kulturellen Besuch in der Türkei erwartet wurde, seinen Plan nahebringen wollte. Ahmadi-Nejad sagte jedoch seinen Besuch kurzfristig ab. Die Iraner haben indes ihren eigenen Sechs-Punkte-Plan für eine Konfliktlösung präsentiert. (Markus Bernath und Gudrun Harrer/DER STANDARD, 18.12.2012)

Share if you care