Untergehende Sonne

Kommentar | Christoph Prantner
17. Dezember 2012, 19:46

Mit Shinzo Abes Rezepten sind Japans Strukturprobleme nicht zu lösen

Auf den ersten Blick erscheint der Erdrutschsieg der Liberaldemokraten bei der Unterhauswahl vom vergangenen Sonntag als beeindruckendes Mandat für eine neue, starke Regierung in Japan. Dem kommenden Premierminister Shinzo Abe falle nach seiner ersten Amtszeit 2007 die Chance auf ein fulminantes Comback zu, meinen einige Beobachter.

Ein zweiter Blick allerdings relativiert die Dinge einigermaßen: Die Wahlbeteiligung war mit nur 59 Prozent auf einem Rekordtief, von einem starken Mandat kann kaum die Rede sein. Und jene verzagten Wähler, die zu den Urnen gingen, stimmten statt für einen Wandel mehrheitlich für altbackene Rezepte. Reformen, die Nippon so dringend nötig hätte, sind von Abe kaum zu erwarten.

Seit 20 Jahren ist Japan in einer strukturellen Krise. Und seit 20 Jahren finden japanische Regierungen keinen Ausweg daraus. Wie Abe jetzt haben schon viele seiner liberaldemokratischen Vorgänger versucht, das Land mit enormen Investitionspaketen auf Pump wieder flottzumachen. Fahrt hat der Supertanker Nippon dadurch nie wirklich aufgenommen, er ist nur dümpelnd über Wasser geblieben. Dafür haben sich die Staatsschulden des Landes seit 1991 vervierfacht, ein Viertel des Budgets muss inzwischen in den Schuldendienst investiert werden. Hat das einen Nutzen? Eher nicht. Derzeit steckt Japan in der vierten Rezession seit dem Jahr 2000.

Seine Exportweltmeisterschaft hat Tokio sukzessive durch die Konkurrenz in Taiwan, Südkorea und vor allem China eingebüßt. Eine schwerfällige, aufs Engste mit Großkonzernen verflochtene Bürokratie hat ein effizientes Gegensteuern im übergroßen Staatssektor immer wieder verhindert. Dazu kommen erlahmende Innovationsfreude, so gut wie keine Immigration und eine rasch alternde Gesellschaft. Ein Viertel der Japaner ist heute über 65 Jahre alt, im vergangenen Steuerjahr schrumpfte die Bevölkerung der Inseln um gut 260.000 Menschen.

Japans Problem ist vor allem ein übersättigter Binnenmarkt, der kaum noch ohne Staatshilfe und hochtourig laufende Gelddruckereien der Bank of Japan Nachfrage generieren kann. Doch selbst die investitionsintensive Chance auf eine Energiewende nach Fukushima scheint die kommende Regierung in Tokio nicht wahrnehmen zu wollen.

Angesichts dieser Ausgangslage und Abes Politikansätzen ist es - trotz einer vieles ermöglichenden "Supermehrheit" der Liberaldemokraten im Unterhaus - sehr unwahrscheinlich, dass sich in Japan in naher Zukunft etwas Substanzielles ändern könnte. Stattdessen darf sich die Region auf eine Art Kompensationspolitik einstellen: Wer im Inland nicht reformieren kann, nimmt außenpolitische Profilierungsmöglichkeiten gern an.

Doch auch dort werden Abe und seine Minister ihre Grenzen finden. Den Streit mit China um die Diaoyu/Senkaku-Inseln können sie nur begrenzt eskalieren. Peking ist der wichtigste Handelspartner Tokios und hat zuletzt schon große antijapanische Demos zugelassen, die der empfindlichen japanischen Wirtschaft durchaus geschadet haben.

Genauso erscheint die Reform der japanischen Verfassung, die Tokio mehr außen- und sicherheitspolitischen Spielraum schaffen soll, wie eine Art Placebo. Denn die Debatte dar über lenkt bestenfalls davon ab, dass Japans Sonne derzeit nicht auf-, sondern eher untergeht. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 18.12.2012)

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18 Postings
was da alles geschrieben wird ...

... fakt ist, dass in japan die wirtschaft (noch), die wissenschaft und die kuenste wirklich erstklassig sind - die politik dagegen letztklassig. das gilt seit rd. 25 jahren. nur - die welt wird zur kenntnis nehmen muessen, dass die japaner selbst bei der letzten wahl die letztklassigsten wieder "an die macht" zurueck brachten = besser das halbwegs berechenbare chaos
als das voellig unberechenbare ...

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in der internationalen presse ist es einfach zur gewohnheit geworden von japan so zu schreiben als stuende das land kurz vor dem abgrund.
dabei sollte nicht vergessen dass japan ein bislang insgesamt staerkeres post-lehman bip wachstum hatte als die eu oder die usa, die lebensqualitaet kann sich mindestens mit der der großen europaeischen laender messen. und dann bleibt die frage der einwanderung, so als sei wenig einwanderung etwas schlechtes.
das ist der aus der perspektive der im westen herrschenden ideologie (diversity ist eine staerke) der fall, aber objektiv ausgesprochen fragwuerdig. japaner bekommen genau so wenig kinder wie deutsche, geringfuegig weniger als indigene franzosen oder briten

nicht am abgrund

japan steht nicht am abgrund, sondern einfach im nirgendwo. wohlstand ist durchwegs auf sehr hohem niveau, die absicherung der bevölkerung auch.

nur wie im artikel erwähnt, es ist praktsich alles auf schulden finanziert, die bevölkerung überaltert stark, der öffentliche bereich ist massive aufgeblasen und dient nur mehr zum selbstzweck. die politik ist visionslos und leider ebeneso große teile der bevölkerung. es ist ein schleichender prozess, der über jahrzehnte geht, irgendwann wird sich schon etwas tun, nur wan?

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die ueberalterung ist aber nicht gravierender als in anderen indutrielaendern auch, nur in den westlcihe industrielaendern wird der effekt durch zuwanderung ueberdeckt. meiner meinung nach mildert die zuwanderung aber nicht die negativen folgen der niedrigfertilitaet sondern verstaerkt sie noch, bzw. es kommen neue problem hinzu.
doch noch zuwanderung zuzulassen geht immer, zuwenig zuwanderung ist nie das problem. jedes industrieland koennte innerhalb eines jahres mehrere dutzend millionen neuankoemmlinge aus afrika anlocken, aber wenn die zuwanderung einmal passiert ist rueckgaengig zu machen, das ist schwer

Wobei man nicht vergessen darf: 90 Prozent der Staatsschulden hat Japan im Inland. Der Schuldendienst fließt daher gleich wieder an die Bevölkerung zurück. Im Notfall kann einfach weginflationiert werden.

"Wie Abe jetzt haben schon viele seiner liberaldemokratischen Vorgänger versucht, das Land mit enormen Investitionspaketen auf Pump wieder flottzumachen. Fahrt hat der Supertanker Nippon dadurch nie wirklich aufgenommen, er ist nur dümpelnd über Wasser geblieben. Dafür haben sich die Staatsschulden des Landes seit 1991 vervierfacht, ein Viertel des Budgets muss inzwischen in den Schuldendienst investiert werden. Hat das einen Nutzen?"

Seltsam, dabei propagieren soch so viele Politiker und Medienkommentatoren ganau das als ideale Lösung für Europa.

tja

ist immer die frage, in was man investiert!
die straßen 4x neu teeren, die brücken in kürzeren abständen neu bauen, ......

japan hat bereits eine top infrastruktur! eine reform im öffentlichen bereich hätte sich ausbezahlt (kostet auch ein haufen)

detto

Einige der Probleme Japans kennen wir Österreicher ja aus eigener Erfahrung.
Eine Politik alter Parteien ohne neue Rezepte,....
Wobei ich auch zugebe, dass neue Ideen bei der Bevölkerung oft nicht gut ankommen und die die den Gesang - ist eh alles gut - belohnt werden.
Erinnere mich da noch gut an Vranitzkys Pensionistenbrief.

Japan wurde im 19. Jahrhundert von den damaligen Großmächten zur Öffnung gezwungen, eine weitere Änderung erfolgte dann unter McArthur nach dem verlorenen 2. WK.
Vielleicht reagiert Japan wirklich nur wenn es von außen gezwungen wird und kommst selbst gegen den eigenen kulturell bedingten "Ruhezustand" nicht an.

Ist wohl wie in der Physik mit der Masseträgheit und erst eine äußere Kraft bedingt Bewegung.

Etwas mehr Respekt täte uns hier gut!

Wie überheblich wir Okzidentalen immer und überall mit weisem Rat aus dem Fundus unserer politischen Hellsichtigkeit zur Stelle sind!
Schon die essentiellen Anforderungen an den Durchschnittsbürger eines so bevölkerungsdichten, dabei aber heute inmitten der hochentwickelten Staaten zu härtester Bewährung gezwungenen Landes würden fast jeden von uns mangels mindest nötiger Selbstdisziplin scheitern lassen. Für einen Politiker gilt es dort zudem, sicher über all jene Klüfte hinweg zu manövrieren, die von den Eigenheiten bodenständiger Traditionen und deren Bruchlandung in der Völkergemeinschaft von heute hinterlassen worden sind. Trotzdem ist Japan als Ganzes märchenhaft reich!
Nachhilfe aus der volkswirtschaftlichen Sonderschule?

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und ich wage zu bezweifeln dass die mittlerweile heterogenen europaeischen bevoelkerungen so eine katastrophe wie den tsunami 2011 ebenso bewundernswert friedlich und zielstrebig bewaeltigt haette. man denke an die pluenderungen in den usa nach ungleich weniger schweren katastrophen, oder den krawallen von london, paris, etc.

Wenn ein reiches Land mit einer gebildeten

Bevölkerung wie Japan seit Jahren in einer Krise steckt, dann wären wohl völlig neue Ideen angebracht. Nach der Katastrophe von Fukushima drängt sich für das Land, das keine eigenen Öl- und Gasvorkommen hat, zum Beispiel eine Energiewende auf. Gerade die geologisch unsichere Lage der Inseln im Pazifik bietet die Chance auf industrielle Nutzung der Erdwärme. Gemeinsam mit Sonne und Wind gäbe es die Möglichkeit, das Land von Energieimporten weitgehend unabhängig zu machen. Und über den Wachstumsimpuls der dafür nötigen Investitionen endlich wieder Schwung in die Wirtschaft zu bringen.
Japanischen Ingenieuren und Designern fielen wohl noch weitere Möglichkeiten ein, das Problem von einer ganz anderen Seite zu lösen...

darauf hat der Autor bereits eine Antwort gegeben: "Eine schwerfällige, aufs Engste mit Großkonzernen verflochtene Bürokratie hat ein effizientes Gegensteuern (...) immer wieder verhindert". Ein Anpacken schwerwiegender politischer und ökonomischer Themen wird nie stattfinden, weil das Unter-den-Teppich-Kehren und darauf hoffen, dass sich die Probleme von selbst lösen, ein wesentlicher Teil der japanischen Realität ist. Also werden die alten Herren wieder ernst dreinschauen, Geldgeschenke an die Baulobby, die sie füttert, verteilen, diese wird noch ein paar unnötige Tunnels und Schnellstrassen bauen, ändern wird sich nichts. In einem Jahr ist Abe wieder Geschichte.

Japans Bevölkerung ist gebildet?

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http://derstandard.at/135320871... enschaften
bei schulvergelcieh schneiden sie sehr gut ab, sie haben die hoechste zahl von patenten pro kopf von allen groeßeren industrienationen, die unis sind nachwievor aeußerst leistungsstark - ja sie sind es

Ich lebte vier Jahre dort und erfuhr das Gegenteil.

....wenn sie jetzt noch ein Erfolgsrezept für die EU oder Ö haben?

Schauen sie Griechenland hat eine Staatsverschuldung gemessen am BIP von ca 170 %, bei Japan schauts schon ein bisschen kritischer aus, nämlich ca. 230 % BIP, glauben Sie im Ernst das ihre Vorschläge daran etwas änderen?

http://de.statista.com/statistik... odukt-bip/

ihr kommentar greift zj kurz

Gr nimmt frisches Geld am freien Markt auf,jp seitjeher von der eigenen Bevölkerung

Als Österreicher fragt man sich immer: Warum sind die Ausländer so blöd erkennen nicht wie falsch sie für ihr eigenes Land wählen

Schade dass nicht die ganze Welt Österreichische Medien konsumiert, dann wären alle Probleme gelöst

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