Frank Stronach: Weihnacht und Wirtschaft

Als politischer Erlöser muss man schon ziemlich weltfremd sein, um im durchkommerzialisierten, durchkorruptionierten österreichischen Advent "Stille, Besinnung und Freude" zu verspüren

Lange hat Frank Stronach sein Versprechen, nur in ihm und seinen Wahnideen zugeneigten Medien inserieren zu wollen, nicht durchgehalten. Weihnachten, das Fest der Tränendrüse, war der Anlass, der ihm als Weihnachtsmann die Rentiere durchgehen und auch Blättern großflächige Einschaltungen zukommen ließ, die seinem Alleinbesitzanspruch auf die Wahrheit ebenso skeptisch wie respektlos gegenüberstehen. Er ist den von ihm befehdeten Politikern in diesem Ritual nicht nur zeitlich zuvorgekommen, sondern auch, was die spirituelle Tiefe seiner Botschaft und den Platz, auf dem sie verbreitet wurde, betrifft. Begnügt sich die etablierte Politik seit vielen Jahren damit, in knappen Worten den jeweiligen Konsumenten eines Mediums das Übliche zu wünschen, trumpfte der gütige Onkel Frank gleich anfangs mit der Meinung auf: "Weihnachten ist die Zeit der Stille, der Besinnung und der Freude." Was die Frage provoziert: Wo lebt der Mann? Ist er gegen eine Punschhütte gerannt? In Kanada, in Florida oder in der Schweiz mag das ja so sein, aber als politischer Erlöser muss man schon ziemlich weltfremd sein, um im durchkommerzialisierten, durchkorruptionierten österreichischen Advent "Stille, Besinnung und Freude" zu verspüren. Man weiß daher auch nicht, ob der nächste Satz Anlass zu Hoffnung oder eher zu Skepsis gibt: "Auch für mich ist diese Zeit etwas ganz Besonderes, um in mich zu gehen und über das Leben nachzudenken."

Nicht auszudenken, was aus seinem Parlamentsklub werden könnte, wenn er diese Ankündigung wahrmacht. Aber wenn die "Zeit der Stille, der Besinnung und der Freude" vorbei und er wieder aus sich heraus- und auf Normalbetrieb gegangen ist, werden wir schon merken, was sein Nachdenken "über das Leben" gebracht hat. Was er familiär für den Abend des 24. Dezember plant, verheißt nicht viel. "Unter einem schönen Tannenbaum, der im Kerzenlicht erstrahlt, halte ich dann eine kurze Weihnachtsansprache und sage zu meinen Kindern und Enkelkindern: 'Ihr seid sehr begünstigt vom Schicksal. Denkt an eure Mitmenschen. Wenn alle Menschen, denen es möglich ist, einen kleinen Beitrag leisten würden, gäbe es keine Armut und keinen Hunger mehr auf der Welt.'"

Dass Predigten dieser Art seit Jahrtausenden Armut und Hunger nicht einmal zu beseitigen vermochten, wenn sie unter Drohung ewiger Verdammnis von Kanzeln herab gehalten wurden, ist nur zu offenbar. Wenn er solcherart als großer Wirtschaftstheoretiker in die Geschichte eingehen will, wird er sich ein bisschen mehr anstrengen müssen, denn auf dem Sektor neoliberaler Wohltätigkeit ist die Konkurrenz groß, wie diese Woche "Profil" zu entnehmen ist.

Dort tut der Chefredakteur von einem ehemaligen Kollegen über eine Doppelseite so, "als habe sein Markt-Fimmel den Autor zu einem veritablen Kapitaliban verkauzen lassen". Dabei hat Christian Ortner nur in einem Büchlein zusammengefasst, was er seit Jahren unter anderem in der "Presse" als Kolumnist verkündet, nämlich dass schmarotzende "Kevins" und " Jessicas" die Demokratie "zwingend in die Pleite und zur Ausbeutung der Leistungsträger" führen, weil sie Letztere armfressen - eine Untergangsfantasie, die den armen Mann seit Jahren quält und aktuell den Schwung des Maya-Kalenders nutzt, der zwar nur den Untergang der Welt prophezeit, dafür aber wenigstens nicht "Kevin" und "Jessica" verantwortlich macht.

Mit dieser Leistung ist er, eben weil an seinen Zahlen und Behauptungen nur wenig stimmt, ein Wegbereiter von Typen wie Frank Stronach, auch wenn dieser, wie "Profil" vermutet, "nicht seine Zielgröße sein dürfte, wenngleich Ortner wie dieser der Idee nachhängt, man könne politisches Personal ja vielleicht von einem Zufallsgenerator bestimmen lassen." Dass "die Veranstalter der diversen Finanzkrisen und Bankpleiten" - weil "Leistungsträger" - bei Ortner nicht vorkommen, war da schon ein überflüssiges Postskriptum des Rezensenten.

Auch wenn sie sich in einem gewissen demokratiepolitischen Herrenmenschentum finden, ist Stronach sogar einem Ortner als "Zielgröße" zu klein. Dabei könnte Onkel Frank etwas theoretische Nachhilfe durchaus brauchen. Umso mehr, als ein weihnachtlich gestimmter Arnold Schwarzenegger in der "Krone bunt" Stronach wissen ließ, "er würde ihn im Wahlkampf nicht unterstützen, 'weil ich mich in die österreichische Politik nicht einmischen will.'" Endlich einer, der zu Weihnachten Gutes tut. (Günter Traxler, DER STANDARD, 18.12.2012)

Share if you care