Gorkis "Sommergäste": Eine Landpartie als Geisterstunde

17. Dezember 2012, 17:57
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Alvis Hermanis inszeniert das Stück an der Schaubühne als kreisendes Theater der Ermattung. Sehr körperlich wird da Lebenssinnsuche als drastische Nahkampfübung zelebriert

Am Anfang scheitert ein Selbstmordversuch, am Ende fällt der Satz: "Kein Mensch wird sterben". Mit Optimismus hat beides nichts zu tun. Denn was an diesem langen Abend vor allem offenkundig wird, ist, dass sie allesamt schon längst nicht mehr leben. Jedenfalls nicht richtig. In seinen Sommergästen von 1904 blickt der spätere Heroe der Sowjetliteratur, Maxim Gorki (1868-1936), nicht in eine imaginäre sowjetische Zukunft, sondern zurück in das Russland Tschechows. In dessen Meisterwerken zieht es eine gelähmte Gesellschaft notorisch von der Stadt aufs Land. Um sich dort aneinander zu ermatten und sich vor allem am Leben vorbeizureden. So ähnlich ist das auch bei dem ziemlich tschechowschen Stück des Nachtasyl-Verfassers. Gorki hatte da allerdings die inzwischen längst gescheiterte Utopie einer anderen Gesellschaft noch vor sich.

Der inzwischen eingetretene Utopieverlust wird zwar nicht direkt zum Thema des lettischen Vergangenheitsbeschwörers Alvis Hermanis. Aber er schwingt mit. Denn er lädt nicht zu einer melancholischen Landpartie, sondern zu einer Geisterstunde in eine postsowjetische Villenruine, die, für sich genommen, ganz so wie in Wien bei seinem Platonov, hochatmosphärisches Charisma entfaltet. Diesmal ist es naturalistischer Verfall einstiger Pracht vom Feinsten: Mit blätterndem Putz und wucherndem Efeu an den Wänden, einer Wanne, Stühlen, zerfledderten Büchern und einem Sofa in der Mitte. Hier könnte höchstens der gemütlich stumme Golden Retriever leben, der auch mitspielt. Selbst der reiche Onkel mit dem witzigen Namen Doppelpunkt (Ernst Stötzner) hat sein in Tüten gestopftes Geld wie ein Penner im Einkaufswagen dabei.

In diesem so passenden und zugleich unmöglichen Vergangenheitsambiente müssen die Gäste, denen Kristine Jurjane das 19. Jahrhundert auf den Leib geschneidert hat, gar nicht erst aus der Rolle fallen und die Contenance verlieren. Hier sind sie längst aus der Bahn geworfen, im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden gegangen. Genau da spielt sich diesmal viel ab: Jede Menge durchchoreografiertes Bodenturnen, aus sexueller Gier oder purer Verzweiflung. Alle sind immer da. Mal im Blickfeld, mal für sich allein. Sie kreisen um die Warwara Michailowna (Ursina Lardi), die auf ihrem Sofa viele gescheite Sachen sagt und am Ende als einzige ins Leben entkommt.

Als wären es Menschen

Bei Hermanis geht es diesmal sehr körperlich zu. Das ist Lebenssuche als Nahkampfübung. Doch der szenische Unterhaltungswert ist eher selten. Vor allem die Frauen bleiben sich zu ähnlich und drehen sich mit ihrem Dauergerede mit Vorliebe im Kreis, ohne rechten dramatischen Fortschritt. Hermanis lässt sie zwar alle in einem Tonfall reden, als wären es richtige Menschen von heute, aber er versteckt sie so gut, dass sie die ziemlich selbstverliebte Dunstglocke einer untergegangenen Welt nicht durchdringen können. Und so entfalten diese dreieinhalb Hermanis-Stunden russischer Landpartie eine ähnliche Wirkung wie fünf Stunden mit Frank Castorf bei seinen Ausflügen in diese Gegend, was mittlerweile auch eher eine Warnung als ein Qualitätssiegel ist. Peter Steins legendäre Birkenwäldchenversion der Sommergäste von 1974 gehört zum Kernbestand der Schaubühnenlegende. Als heuer der respektvolle Beifall verebbt war, ahnte man, warum diese Legende immer noch lebt! (Joachim Lange, DER STANDARD, 18.12.2012)

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