... dann wäre der Spekulationszauber vorbei

Kommentar der anderen | Stephan Schulmeister, 17. Dezember 2012, 18:32

Würden die Industrienationen Wechselkurse und Zinssätze nicht dem freien Markt überlassen, gäbe es keinen Grund mehr zum Spekulieren

Der Salzburger Finanzskandal lässt die Köpfe rauchen. Die einen wollen Spekulation durch staatliche Stellen verbieten, die anderen verlangen eine bessere Aufsicht, wieder andere verspotten die dummen Staatsorgane. Das Einfache bleibt ungesehen: Könnte man nicht Spekulation ebenso wie Absicherungsgeschäfte unnötig machen? Bei festen Wechselkursen und stabilen Zinssätzen wäre der ganze Zauber entbehrlich.

Rückblende eines gealterten Wirtschaftsforschers: Wenn ein Unternehmer in den 1960ern einen langfristigen Investitionskredit zu fünf Prozent aufnahm, musste er sich nur um eines kümmern: dass sein Projekt genügend Ertrag bringt, um den festen Zins zu zahlen. Absicherungen, Swaps und dergleichen waren überflüssig. Das gleiche galt für den Wechselkurs, der Unternehmer konnte sich auf die Qualität seiner Exportprojekte konzentrieren.

Wenn sich das Gewinnstreben nur in der Realwirtschaft entfalten kann und "Bankbeamte" (daher) das Sparen der Haushalte an möglichst erfolgreiche Unternehmer weiterreichen, dann passiert, was passiert ist: Wirtschaftswunder.

Diese Erfahrung beherzigt die chinesische Politik seit 30 Jahren: Die Bildung von Zinssätzen und Wechselkursen wird nicht "dem Markt" überlassen. Denn diese beiden Preise sind die wichtigsten für florierendes Unternehmertum, sie vermitteln zwischen der realen und der finanziellen Sphäre der Wirtschaft - der Zins in der Zeit, der Wechselkurs im Raum.

Auch die anderen aufstrebenden Schwellenländer wie Indien oder Brasilien haben aus der Performance der Industrieländer gelernt: Auf die "realkapitalistische" Prosperitätsphase mit regulierten Finanzmärkten folgt seit den 1970er-Jahren eine "finanzkapitalistische" Phase. Die manisch-depressiven Schwankungen von Wechselkursen, Rohstoffpreisen, Aktienkursen und Zinssätzen schädigen das Unternehmertum und fördern die Finanzakrobatik, "Bankbeamte" mutieren zu "Bankern", in Schritt eins destabilisieren sie die wichtigsten Preise, in Schritt zwei bieten sie Produkte zur Absicherung an.

Diese Spielbedingungen generieren Finanzkrisen, lassen das Wirtschaftswachstum sinken, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung steigen. Also muss der Staat sparen. Doch die Unternehmer sind nicht bereit, ihre Realinvestitionen auszuweiten, die Sparpolitik vertieft daher die Krise. Genau dies passiert in Europa.

Aber wie soll das gehen - Zinssätze und Wechselkurse stabilisieren? "Die Märkte" sind doch übermächtig! Das ist Teil des neoliberalen Mythos. Die Märkte sind kein Subjekt, die Akteure auf den Märkten haben - wie die Politik - die Orientierung verloren, es verbleiben nur relativ wenige Finanzalchemisten à la Goldman Sachs, Deutsche Bank und ein paar Hedgefonds, die sich weniger nicht auskennen als ihre Geschäftspartner.

Allerdings: Mit Übernahme der neoliberalen Weltanschauung hat sich die Politik selbst entmündigt. Doch Finanzalchemie und Sparpolitik desavouieren diese Ideologie (wieder einmal). Warum sollte die Politik nicht langsam den Kant'schen Ausgang aus der selbstverschuldeten Marktreligiosität finden?

Kann man überhaupt Zinssatz und Wechselkurs durch das Sytem Politik steuern? Nichts leichter als das (wenn man die Notwendigkeit kapiert hat).

Beispiel Zinsen: Ein "Europäischer Währungsfonds" (EWF) stellt den Eurostaaten als gemeinsame Finanzierungsagentur Mittel durch Ausgabe von Eurobonds zur Verfügung. Sie genießen eine unbeschränkte Garantie aller Eurostaaten und die "Rückendeckung" der EZB. Dies ermöglicht es dem EWF, das Zinsniveau festzulegen, und zwar etwas unter der nominellen Wachstumsrate (die USA erreichen dies durch Anleihenkäufe ihrer Zentralbank).

US-Bonds und Eurobonds

Die Kreditvergabe an die einzelnen Euroländer wird an strikte Bedingungen geknüpft ("Konditionalität"). Weltweit gäbe es nur mehr zwei Arten von Staatsanleihen mit großem Volumen, US-Bonds und Eurobonds. An Nachfrage wird es nicht mangeln. Großanleger wie China halten nämlich die Realwirtschaft der EU für leistungsfähiger als jene der USA, nur ihre Finanzen kann die EU (bisher) nicht managen.

Beispiel Wechselkurse: Es genügt, wenn die Notenbanken der USA, Japans, Chinas und die EZB Wechselkursziele für ihre Währungen festlegen und diese innerhalb enger Bandbreiten stabilisieren. Dies hat in Europa zwischen 1986 und 1992 gut funktioniert (bis die Bundesbank "ausstieg"). Kürzlich zeigte die Schweizer Notenbank, wie das geht.

Und woran sollten sich die Zielgrößen von Zins und Wechselkurs orientieren? Natürlich an den Fundamentalwerten der Gleichgewichtstheorie (Zins = Wachstumsrate, Wechselkurs = Kaufkraftparität). Nicht die Lösungen der Theorie sind das Problem, sondern dass "die Märkte" sie systematisch verfehlen.

Blockiert wird eine Rückkehr zur praktischen Vernunft durch den Lernwiderstand der (ökonomischen) Eliten. Wenn wirklich die freiesten Märkte systematisch manisch-depressive Schwankungen generieren, also falsche Preise setzen, dann wären 40 Jahre Restaurationsarbeit an der alten "Laissez-faire-Theorie" umsonst gewesen. Die Unternehmervertreter müssten erkennen: Mit dem Neoliberalismus haben sie aufs falsche Pferd gesetzt, dieser war immer schon eine Theorie im Interesse des Finanzkapitals, nicht des Realkapitals. Die ehemaligen Großparteien müssten sich vom "Geiz-ist-geil-Christentum" bzw. von der "Reform-Sozialdemokratie" verabschieden - mit Aussicht auf Wiedergewinnung ihrer Identität.

Derweil betreibt China mit Bedacht seinen Aufstieg zum Hegemon in der globalen Realwirtschaft. (Stephan Schulmeister, DER STANDARD, 18.12.2012)

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien.

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bissl naiv, aber lieb gemeint :)

Komische Logik

Die Politiker spekulieren, niemand hat sie beauftragt.
Es gibt ein Problem, deshalb verbietet man es und glaubt es ist gelöst.

Würden sie auch die Nacht verbieten um die Kosten für die Nachtbeleuchtung zu sparen?
Ich würde es ihnen zutrauen.

Sie sehen das Problem an der falschen Stelle, die Unfähigkeit der Politiker ist das Problem.
Niemand hat einen Politiker gezwungen am Finanzmarkt mitzuspekulieren.

...sondern nur willkürliche festsetzungen der kurs (siehe china) zum vorteil des jeweiligen staates

Dr. S. S.: wieder mal Äpfel mit Glühbirnen verschnitten - und sein Stammpublikum johlt begeistert...

wer noch größere, inhomogenere Wirtschaftsräume mit fixen Wechsellkursen aneinanderschweißt schafft nur noch mehr von dem dzt. Euroraum-Wahnwitz. Ob diese Währungen weltweit dann im Detail EUR, USD Muscheln oder Glasperlen sind ist völlig egal, sie repräsentieren einen Fixwährungsraum ohne wirtschaftliche Koordination der erforderlichen übrigen Stellgrößen ....
Kennen wir all das nicht mittlerweile von wo?...
Wehe übrigens es käme dann einmal eine "plötzliche" Anpassung an die Realitäten, die Märkte würden tagelang vor erf. Umschichtungen und Panik verrückt spielen...

(Und beim Zinssatz ist es übrigens sinngemäß das Gleiche. Solange bis - wie jüngst - die Banken/Gläubiger bei einigen Schuldnern so richtig Bedenken und Angst bekommen....)

argumente

das ist so wie wenn an einem moerder erzaehlt er soll sich einen doppelten schuhknoten machen, dann wird er nicht so boese...

es ist aber auch wichtig zu sagen, dass in china die rendite erwartung eine andere ist. die unternehmen bekommen mit provinzen haftungen, jedoch deutlich günstiger und langfristiger. eine limitierte welt kann einfach nicht erwarten das rendite und zins immer und ewig bestehen bleibt, dazu fehlen die 'easy fruits' ressourcen...

How to boil a frog

im englischen gibt es eine redewendung: How to boil a Frog" Was übersetzt heißt, dass wenn nur langsam genug die temperatur erhöht wird, dann springt der frosch nicht aus dem topf. wir werden durch den fetisch rendite und wirtschaftswachstum unsere erde zum kochen bringen! http://www.resilience.org/stories/2... ale-energy wir brauchen einen dringenden abschied vom wachstum und zins bzw. rendite etc.

Sehr geehrter Herr Schulmeister,
Herzlichen Dank für Ihren überaus interessanten und intelligenten Kommentar. Ich würde ihn als Pflichtlektüre wärmstens unseren Politkern empfehlen die wohl schon lange den Durchblick verloren haben.
P.S.: lassen Sie sich bitte nicht durch die Kommentare der Neoliberalen Volksfront von Judäa in diesen Forum irritieren.

das mit den fixen Wechselkursen ist Unsinn

schauen sie sich die Geschichte des European Exchange Mechanism an.

das finden eigentlich auch die ganzen Neo-Keynesianer wie Mishkin und Co. Unsinnig

na, für polititiker ist der artikel nix. man müsste ihn noch runterredigieren.

Wirtschaftswunder?

Es ist natürlich richtig die Finanzmärkte wieder zurückzudrängen und zu regulieren, hochriskante Spekulationen zu verbieten, etc.

Der lange Aufschwung der 50er, 60er erklärt sich aber nicht über das "Fehlen", oder die geringe Bedeutung der Finanzmärkte, wie Schulmeister meint: "Wenn sich das Gewinnstreben nur in der Realwirtschaft entfalten kann dann passiert... [ein] Wirtschaftswunder."

Gerade das Entstehen der auswuchernden Finanzmärkte kann über die Rückkehr der Krisen Anfang der 70er Jahre erklärt werden.

http://www.linkswende.org/1686/Marx... igerjahren

Das haben wir doch schon alles!

Wechselkurse: Entstehen durch die zirkulierenden Geldmengen der Währungen, und diese werden von den Zentralbanken festgelegt. Diese sprechen sich dabei international ab.

Zinssätze: Werden ebenfalls von den ZBs diktiert, nur die Zinsen auf die Staatsanleihen sind Verhandlungssache, bei zu niedrigen Zinsen bleibt der Staat eben auf seinen Anleihen sitzen. Aber der Staat kann sich seine Anleihen doch selbst abkaufen...

Wir haben bereits ein vollsozialistisches, politisch dirigiertes Geldsystem- dessen Scheitern wir jetzt erleben!

In der Planwirtschaft gibts keine Probleme;-)

Den Außenhandel muß man halt unterbinden, aber wer braucht denn den schon.
Sollen die Leute halt Äpfel statt Bananen essen;-)

Der Autor ist "Wirtschaftsforscher", soso, sehr aufschlußreich. Hätte zwar eher auf "Literat" getippt, aber bitte.

Das beste Beispiel dafür, welches Aussenhandelsdesaster ein manipulierter Wechselkurs anrichten kann, ist China...

Dieser Kommentar geht derart an der Wahrheit vorbei, ...

... dass man fast schon Absicht dahinter vermuten muss. Die beiden Blasen des letzten Jahrzehnts, nämlich die dotcom- und die Immoblase, wurden maßgeblich durch niedrige Zinnssätze befeuert, die von den Notenbank völlig willkürlich festgesetzt wurden. Somit genau in dem System, das Schulmeister hier fordert (weg mit dem Markt, her mit "Experten-Entscheidungen"). Hätten wir einen freien Zinsmarkt, wären viele Krisen möglicherweise im Ansatz abgewendet worden, weil die Kreditausweitung zu höheren Zinssätzen geführt hätte. Ebenso wären Gebietskörperschaften nie auf die Idee gekommen, riskante Veranlagungen einzugehen, wenn die risikolosen Zinssätze nicht künstlich niedrig gehalten worden wären.

Und der clevere Markt wuerde natuerlich auch nie deutsche und griechische Anleihen nahezu gleich bewerten oder in ueberhitzte Immobilienmaerkte in Europa (Spanien, Irland, London) investieren!

Der Markt ist von Solidarität zwischen den Euro-Staaten ausgegangen, und hat damit letztlich Recht behalten.

Gäbe es keine Zentralbank, die die Zinsen niedrig hält, hätte die ausgeweiteitet Kreditnachfrage in Folge überhitzter Immo-Investments schon längst höhere Zinssätze zur Folge gehabt. Natürlich geht das nicht ohne Regulierung der Banken. Diese agieren nicht unbedingt rational, weil sie quasi keine Eigentümer haben. Daher werden Regulatorien wie Basel III ja erst benötigt. Eine Bank in Händen eines physischen Großaktionärs bräuchte kein Basel III, sie würde auch so den langfristigen Aspekt ihres Handelns nicht in den Hintergrund stellen.

Naja, wenn ich mir die "freiwillige" griechische Umschuldung so anschaue, koennte man durchaus diskutieren, ob der Markt dabei Recht hatte.

Dass Eigentuemer immer so langfristig und rational handeln, glauben Sie hoffentlich selber nicht ernsthaft! Dann sollte es naemlich deutlich weniger Konkurse aller Art geben!

Richtigerweise kann der Markt natürlich nicht alles prognostizieren, sonst gäbe es ja auch keine "gefallenen Engel" bei den Aktien bspw.

Die Bewertung hängt in großem Ausmaß von der aktuellen Nachrichtenlage ab. Vor 2008 ging der Markt davon aus, dass die schwachen Euro-Staaten von den starken im Zweifel gestützt werden. Im Zuge der Krise kamen Zweifel an dieser These auf, weshalb die Kurse für südländische Anleihen gesunken sind.

Das von Schulmeister hier propagierte Modell würde aber keinerlei Verbesserungen bieten. Die griechischen Anleihen wären seit dem Euro-Beitritt auch in diesem Modell hoch bewertet gewesen. Der Unterschied wäre jedoch, dass die Reaktion auf neue Gegebenheiten viel langsamer von Statten gegangen wäre.

Man kann ueber Schulmeister's Ideen durchaus geteilter Meinung - manches geht mir auch zu weit.

Andererseits bin ich voellig seiner Meinung, dass man derzeit bei zu vielen Dingen sagt, da kann man nichts machen, das ist der Markt.

Das Funktionieren von Maerkten haengt meist von den Gesetzen und der Anwendung dieser Gesetze ab. Und viele Maerkte funktionieren mE nicht (gut), weil der Staat nicht regelnd eingreift!

Ich verstehe uebrigens nicht woher Sie wissen, dass sein Vorschlag nicht funktionieren wuerde. Griechische Anleihen wuerde es ja dann nicht mehr geben (nur Eurobonds) und ueber die anderen Bedingungen schreibt er ja fast nichts!

Schulmeisters Modell ...

... beruht darauf, dass der "EWF" die Zinsen für "Eurobonds" willkürlich festlegt - und somit die Preise für die Anleihen. Somit würden diese nicht durch Angebot und Nachfrage reguliert, sondern in Sitzungen eines Gremiums. Wie man von den Sitzungen betr. Euro-Rettungsschirm weiß, sind solche Sitzungen sehr mühsam und produzieren kaum brauchbare Ergebnisse. Im Fall der "Eurobonds" würde es dazu führen, dass die Zinsen künstlich niedrig und folglich die Preise künstlich hoch gehalten werden würden. Was das für Folgen bspw. auf Immobilienpreise und Mieten hat, sieht man jetzt schon auf Grund des EZB-Leitzinses, der ja auch künstlich niedrig gehalten wird. Abgesehen davon: Eurobonds mit solidarischer Haftung sind schlecht für die Zahlungsmoral

Und glauben Sie ernsthaft, dass zB die Preise fuer US Treasury Bonds Marktpreise sind?

Die Fed kauft einfach soviele Bonds bis sie mit dem Preisniveau zufrieden ist. Wo sehen Sie den Unterschied (ausser in den Institutionen)? Schulmeister's Modell ist nur transparenter.

Und wie Sie ja selbst sagen die EZB Zinsen sind ohnehin schon niedrig.

Wenn Sie Recht haben, dass es kuenstlich niedrig ist (koennte man diskutieren, da die Banken das Kreditgeschaeft zurueckfahren, gibt's auch deflationaere Tendenzen), zeigt das nur die Grenzen des jetzigen Systems. Ist auch nicht wirklich ein funktionierender Markt - auch wenn die vom System begunstigten Marktteilnehmer das konsequent wiederholen.

Das Anleihenkaufprogramm der Fed ...

... ist genauso ein Tabubruch, der nie hätte passieren dürfen. Ausgerechnet das kapitalistische Vorreiterland USA vergreift sich zu derart planwirtschaftlichen Methoden. Ein Anleihenkauf durch Notenbanken ist mit dem Drucken von Geld gleichzusetzen, mit aus meiner Sicht unabsehbaren Folgen.
Wir müssen die Amis nicht überall nachäffen. Die deutsche Bundesbank hat die Fed auch nicht nachgeäfft, und wir sind immer gut gefahren damit.

Sie haben Recht, dass der derzeitige Markt nicht funktioniert. Schulmeisters Modell würde die Fehler des Markts aber noch vervielfachen.

Mein Vertrauen in Maerkte ist scheinbar etwas geringer als Ihres ;-).

Tabubruch:
Ich denke, wir sind in einer Situation wo keiner so richtig weiss, was zu tun ist. Daher sind mE unkonventionelle Varianten uebelegenswert. In diesem Zusammenhang habe ich kuerzlich einen sehr interessanten Link gesehen:
http://www.youtube.com/watch?v=4... udIk&gl=BE

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