Das Programmbuch der Unruhe

17. Dezember 2012, 17:13
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Die Wiener Festwochen geben sich 2013 politisch

Wien - Demonstrativ gut gelaunt nimmt Festwochen-Intendant Luc Bondy 2013 Abschied von Wien. Er hätte im Verein mit seinen Mitarbeitern "eine gute Zeit" gehabt, sagte er im Café Prückel. Bondy möchte das Festival " auf der Höhe der Vergänglichkeit" verlassen. Nichts ist schließlich flüchtiger als die Gegenwart des jeweiligen szenischen Kunstwerks.

Das Festwochen-Programm 2013 (10. Mai bis 16. Juni) ist ein dezidiert politisches. Das Kernstück des Schauspielkatalogs bildet ein Performance- und Ausstellungsparcours unter dem Titel Unruhe der Form / Entwürfe des politischen Subjekts, der zwischen der Secession, der Akademie der bildenden Künste und dem Museumsquartier hin- und herswitcht. Heimische Autoren von Franzobel bis Franz Schuh halten 15-minütige Reden aufrührerischen Inhalts. Künstler von Tim Etchells bis Schorsch Kamerun erproben "Ästhetiken des Widerstands".

Überhaupt stellt das Schauspielprogramm heuer das Theater als politische Praxisform auf den Prüfstand. Regisseur Nicolas Stemann schließt sich in Kommune der Wahrheit mit einer Handvoll Schauspieler im Museumsquartier ein, um 120 Stunden lang ununterbrochen den Weltnachrichten zu lauschen. Christoph Marthaler okkupiert mit dem Musiktheaterprojekt Letzte Tage. Ein Vorabend den historischen Sitzungssaal des Parlaments.

Martin Kusej inszeniert die Schauspieltrilogie In Agonie von Miroslav Krleza. Bondy selbst nimmt sich des Molière'schen Tartuffe an (in einer Neufassung, u. a. mit Joachim Meyerhoff und Gert Voss) und importiert seine Pariser Aufführung von Harold Pinters Le Retour (mit Bruno Ganz).

Aufträge der Festwochen ergingen an Angelica Liddell, Mariano Pensotti oder Bruno Beltrao, Robert Lepage kehrt ebenso zurück wie Romeo Castellucci, der Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn im Burgtheater zeigt.

Nicht anwesend bei der Programmpräsentation war Musikdirektor Stéphane Lissner, er habe "wohl seinen Flug verpasst", orakelte Bondy. Das Musikprogramm umfasst Werke von Verdi, Franz Koglmann und George Benjamin. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 18.12.2012)

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