Südtiroler Schnalstal: Auszeit in der Eiszeit

  • Anreise: Wer nicht über den Brenner, Bozen und Meran ins Schnalstal anreist, sondern über Osttirol, also Lienz, Innichen und das Pustertal kommt, kann einen lohnenden Zwischenstopp auf der italienischen Seite einlegen: Das Biathlonzentrum im Antholzer Tal lockt mit einem Loipennetz von 30 Kilometern inklusive Schnupperkursen an den Schießständen im Stadion. Besonders stimmungsvoll ist eine Loipenrunde am Stattler Sattel oder über den zugefrorenen Antholzer See.
    vergrößern 645x430

    Anreise: Wer nicht über den Brenner, Bozen und Meran ins Schnalstal anreist, sondern über Osttirol, also Lienz, Innichen und das Pustertal kommt, kann einen lohnenden Zwischenstopp auf der italienischen Seite einlegen: Das Biathlonzentrum im Antholzer Tal lockt mit einem Loipennetz von 30 Kilometern inklusive Schnupperkursen an den Schießständen im Stadion. Besonders stimmungsvoll ist eine Loipenrunde am Stattler Sattel oder über den zugefrorenen Antholzer See.

  • Unterkunft in Karthaus: Eine Nacht im Hotel Zur Goldenen Rose
 kostet zwischen 72 und 111 Euro. Das Hotel verfügt über Sauna und 
Wellnessbereich. Die Appartements ein paar hundert Meter weiter sind mit
 Kaminen ausgestattet und dienten dem STANDARD als Stützpunkt für die 
Recherche.
    vergrößern 645x430
    foto: hotel zur goldenen rose

    Unterkunft in Karthaus: Eine Nacht im Hotel Zur Goldenen Rose kostet zwischen 72 und 111 Euro. Das Hotel verfügt über Sauna und Wellnessbereich. Die Appartements ein paar hundert Meter weiter sind mit Kaminen ausgestattet und dienten dem STANDARD als Stützpunkt für die Recherche.

  • Auf die Schutzhütte zur Schönen Aussicht kommt man im Winter 
mit Skiern, gleich vor der Haustür beginnt die Abfahrt. Die Hütte hat 
sowohl Lager als auch Zimmer sowie eine Außensauna - zudem ist die 
Nächtigung im Iglu möglich.

Weitere Info: www.schnalstal.com
    vergrößern 645x430
    foto: hotel zur goldenen rose

    Auf die Schutzhütte zur Schönen Aussicht kommt man im Winter mit Skiern, gleich vor der Haustür beginnt die Abfahrt. Die Hütte hat sowohl Lager als auch Zimmer sowie eine Außensauna - zudem ist die Nächtigung im Iglu möglich.

    Weitere Info: www.schnalstal.com

Im Südtiroler Schnalstal lockt ein wunderbar stilles Gletscherskigebiet. Idealer Stützpunkt ist das bildhübsche Karthaus

Auf dem Dorfplatz in Karthaus vor dem Hotel Zur Goldenen Rose steht ein Paar Schuhe. Wanderschuhe meistens, und sind sie da, an die Hausmauer gelehnt, unter der Bank, dann wissen Eingeweihte: Paul Grüner ist daheim. Ist der Platz leer, dann ist der Hausherr auf dem Berg, auf 2854 Meter Höhe.

"Oben macht es natürlich Spaß", sagt der Hotelier, der im Tal ein Viersternehaus und auf dem Berg die fast ganzjährig bewirtschaftete Hütte Zur schönen Aussicht führt. "Als Hüttenwirt musst du nicht nur Gastronomie und Hotellerie kennen, sondern auch technisch versiert sein, musst dir selbst zu helfen wissen, weil nicht alles in fünf Minuten da ist", sagt Grüner. Das bedeutet: Abenteuer inklusive. Beim Weg hinunter auf Skiern ins Tal riss ihn bereits eine Lawine mit: "Intuitiv habe ich die Bindung geöffnet und bin mitgeschwommen." Er stand trotzdem bis zum Hals im Schnee. Berufsrisiko.

Karthaus, Hauptort im Südtiroler Schnalstal, liegt in bester Lage auf 1327 Meter mit Blick auf die Texelgruppe sowie den Similaun-Gletscher und ist im Sommerhalbjahr Ausgangspunkt sowohl für gemütliche Wanderungen als auch für Hochalpintouren. Jetzt, im Winter, ist es das Eingangstor in ein schneesicheres Gletscherskigebiet fern jeglicher Halligalli-Kultur und von Rambazamba-Flair. 35 Kilometer Pisten warten, neun Liftanlagen bringen erholungsuchende Skifahrer auf bis zu 3200 Meter hinauf. Dort oben findet man Ruhe und eine fantastische Bergkulisse. "Vorgarten der Gletscherwelt" nennt sich das in Broschüren, und es stimmt.

Die Schönheit des Ortes wussten bereits Mönche zu schätzen. 1326 stiftete Heinrich, Graf von Tirol, das Kartäuserkloster in "Snals". Nach einem Brand 1924 sind davon nur Reste übrig, darunter ein wunderschöner Kreuzgang und die Mauern des Anwesens. Zwölf Mönche fanden im Kloster Raum für Kontemplation und Meditation. Zwei Laienbrüder kümmerten sich um die praktischen Dinge des Lebens, als Kellermeister und Apotheker organisierten sie das Leben der Einsiedler. Prior, Vikar und Prokurator verwalteten. Dazu kam jede Menge Dienstpersonal, denn die Besitztümer mussten betreut werden.

Zweimal jährlich ereignet sich im Schnalstal ein Spektakel der Extraklasse. Jeweils am ersten Samstag im Juni und im September machen sich rund 4000 Schafe auf den Weg, um die Ötztaler Alpen zu überqueren. Blökend trippeln sie ihres Weges, angetrieben von wachsamen Hunden und aufgeweckten Hirten, um im Frühjahr die satten Weiden an den Nordhängen zu erreichen und im Herbst zu den heimatlichen Höfen zurückzukehren. Es ist kein Spaziergang, der da auf Tier und Mensch wartet. Inklusive dreier Pässe sind auf 45 Kilometern rund 5000 Höhenmeter zu bewältigen.

Der große Marsch über die Alpen reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück, als reiche Schnalstaler Weiderechte im Ötztal erwarben und seitdem die Tiere über Sattel und Joch treiben. Transhumanz nennt sich die Prozedur, jene im Schnalstal ist seit heuer Unesco-Weltkulturerbe, was inzwischen auch trittfeste Touristen anlockt, die sich dem Zug der Schafe anschließen.

Fünfzig Wochen ohne Auftrieb

Aber keine Sorge: So bevölkert wie an diesen beiden Wochenenden ist das Schnalstal das ganze Jahr über nicht. Als wohltuend stiller Flecken ist es in diesen Tagen ein Fluchtpunkt vor nach Erholung drängenden Urlauberhorden. Die stauen sich sommers wie winters draußen durch den Vinschgau in Kolonnen Richtung Reschenpass oder Meran. Mögen sie auch in Zukunft ungehindert weiterfahren.

Zurück in Karthaus erlaubt die Goldene Rose Entspannung vom Freizeitangebot. Rundum locken Tiefschneehänge für Tourengeher und Wanderwege, über die selbst im Winter einige Bergbauernhöfe erreichbar sind. Zu Fuß kommt man auch zu Reinhold Messners Schloss Juval. Der Sommersitz des Extrembergsteigers ist gleichzeitig ein sehenswertes Museum mit Exponaten aus aller Welt.

Die Goldene Rose am Hauptplatz von Karthaus war im 13. Jahrhundert ein Wirtshaus für das Gesinde, das außerhalb der Klostermauern lebte und sich nicht an die karge Diätküche der Kartäusermönche halten musste. Bis ins 20. Jahrhundert - die Mönche waren längst fort - war Karthaus ein lebendiges Örtchen. "Mehr als 50 Kinder gingen in die Schule, sie kamen von überall her", erzählt Rosa Grüner, Pauls Mutter. Sie war Lehrerin und erlebte Jahr für Jahr, wie im Frühling die Kinder plötzlich ausblieben: "Im Mai waren sie schon weg, sie mussten daheim mithelfen, auf die Almen, hüten", sagt Frau Grüner. Zurück kamen sie erst im November.

36 Jahre unterrichtete sie, während ihr Mann mit der Schwester das Hotel Zur Goldenen Rose führte. Zur Hotellerie kam sie wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde. Ein Unglücksfall erforderte ihren vollen Einsatz. "Allein konnte er's nicht machen, also musste ich mich entscheiden. Ich sagte: Verkauf's, verschenk's, ich geh da nicht hin", erinnert sich Rosa Grüner. Ein schwerer Entschluss: "Ich dachte, ich schaffe das nicht. Ich hatte davor noch nie in einem Gasthof gearbeitet." Aber der Mann sagte: "Das geht, du wirst sehen." Also machte sie es.

Die Liebe zum eigenen Dorf

Heute halten Paul und seine Ehefrau Stefania das Werkl mit pfiffigen Einfällen am Laufen. Sie ist gebürtige Schnalstalerin, lebte und arbeitete in Meran und kam zurück der Liebe wegen - und wegen eines Sprichworts, das der Hausherr kannte und schätzte: "Donne e buoi dei paesi tuoi." Oder: Ochsen und Frauen sollen immer aus dem eigenen Dorf sein. "Das ist am sichersten", lacht Paul Grüner.

Wenn er zum "Knödel-Degustationsmenü" ruft, möchten Verkoster am liebsten vor Ehrfurcht niederknien. Serviert werden Knödel in allen Variationen: als Vorspeise mit Steinpilzen oder Trüffeln, in der Suppe, als Hauptgericht mit Rind und Rosmarin-Rotwein-Sauce oder als Dessert mit Schokolade und Birnen-Amarena-Sauce.

Mit der Kosmetiklinie Glacisse erfreuen die Grüners vor allem die weibliche Kundschaft. Die Salben und Cremen entstehen auf Basis von Gletscherwasser, dessen Qualität geprüft ist. Dieses Wasser gilt als absolut rein, weil es seit Jahrhunderten keinerlei Umwelteinflüssen ausgesetzt war. Verwendet wurde es bei Kuren immerhin schon in den 1830er-Jahren.

"Wenn man etwas mit Leib und Seele macht, dann kommt etwas Schönes dabei heraus", so Stefania Grüner. Gut möglich, dass sich sowohl auf dem Berg als auch im Tal eine Menge von beidem befindet. (Doris Priesching, DER STANDARD, Album, 15.12.2012)

Share if you care