John Kerry: Obamas sanfter Mann fürs Grobe

18. Dezember 2012, 10:18
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Der gescheiterte Kandidat von 2004 dürfte der nächste Außenminister der USA werden - Auf ihn wartet viel Arbeit

Im Wahlkampf gab der Mann, den alle Auguren für den nächsten Außenminister der USA und Nachfolger von Hillary Clinton halten, noch den Sparringpartner für Barack Obama. Als sich der Präsident auf den Schlagabtausch mit seinem Kontrahenten Mitt Romney vorbereitete, mimte John Kerry (68) im Rollenspiel den Republikaner.

Dem Senator aus Massachusetts, 2004 selbst Kandidat der Demokraten, eilt der Ruf des ebenso konzilianten wie hartnäckigen Gesprächspartners voraus. Ein flexibler Diplomat und loyaler Botschafter seines Dienstherrn soll er sein, ein Vermittler, der sich in sein Gegenüber intensiver als andere einfühlen kann - um es dann mit dessen eigenen Waffen zu schlagen.

Niederlage gegen Bush

Nach der krachenden Wahlniederlage im November 2004 gegen George W. Bush wurde es eine Zeit lang ruhig um den Yale-Absolventen. Fast schien es, als hätten die Attacken der Republikaner - Stichworte Swiftboating und Flip-Flopper - dem linksliberalen Senator im aktuell 28. Dienstjahr das Streben nach noch höheren Weihen nachhaltig vergällt.

Kerry, dessen jüdische Großeltern vom niederösterreichischen Mödling aus 1905 die Reise nach New York antraten, widmete sich verstärkt der Arbeit im Senat, bis der damals frisch gewählte Präsident Obama sein außenpolitisches Geschick zu kanalisieren begann. 2009 folgte Kerry dem zum Vizepräsidenten beförderten Joe Biden als Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses im Senat nach. Schnell wurde der studierte Politikwissenschaftler Obamas Mann fürs Grobe.

Heikle Gesprächspartner

Ob Afghanistans Präsident Hamid Karzai nach der gefälschten Wahl oder Pakistans Armeechef Ashfaq Kayani nach der Tötung Osama Bin Ladens: Je heikler Gesprächspartner und -thema, desto schneller lief Kerry zu seiner Höchstform auf.

Kerry, der während des Vietnamkriegs Karriere in der US-Armee machte und später zum vehementen Kriegsgegner konvertierte, ist aber keineswegs eine Friedenstaube. 2011 gehörte er zu den vehementesten Befürwortern eines Militäreinsatzes gegen den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi. Auch die US-Invasion im Irak 2003 unterstützte Kerry zu Beginn, bevor er sich als einer ihrer lautesten Gegner hervortat. Kritiker werfen dem Demokraten zudem vor, allzu gute Kontakte zu Autokraten wie Ägyptens Hosni Mubarak gepflogen zu haben.

Gilt es in den kommenden Jahren, den Abzug der USA aus Afghanistan diplomatisch zu eskortieren, steht dem aristokratisch anmutenden 1,94-Meter-Mann nicht eben wenig Arbeit ins Haus. (flon, derStandard.at, 17.12.2012)

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    John Kerry, der wahrscheinlich nächste Außenminister der USA.

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