Immer noch kein Saft in russischem Jo-Mobil

Putin hat seine Jungfernfahrt mit dem Elektroauto schon hinter sich, vom Band läuft das russische Zukunftsprojekt noch lange nicht

Wien/Moskau - Die vollmundige Ankündigung des "Jo-Mobils" stieß im Vorjahr auf internationales Interesse: Auch wenn Wladimir Putin bei der Jungfernfahrt mit dem E-Gefährt nicht eben gute Figur machte. Ob man denn damit auch wirklich ans Ziel komme, fragte der Autofan und nebenbei noch mächtigste Mann Russlands skeptisch, ehe er sich hinter das Steuer des hippen Zwergs setzte. Wohl war dem russischen Premierminister ganz offensichtlich nicht, als er im April die Vier-Kilometer-Fahrt zu Dmitri Medwedew nach Gorki bei Moskau im ersten Modell wagte.

Kein Wunder: In Russland sind Fahrzeuge mit alternativen Antrieben eher noch Exoten. Während etwa in West-Europas Städten schon viele Erdgasbusse unterwegs sind, ist die Autobusflotte in Moskau gut 30 Jahre alt, viele Autos auf den russischen Straßen erfüllen keine in der EU übliche Abgasnorm. Das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung ist noch recht dürftig ausgeprägt. Den internationalen autofreien Tag, der auch in Russland zelebriert wird, ignorieren die Autofahrer regelmäßig.

Novize im Autobau

Selbstverständlich kam Putin in der Residenz des russischen Präsidenten wohlbehalten an. Vermutlich nicht nur deswegen versprach er den Initiatoren des ersten russischen Hybridautos seine Unterstützung: Das Automobil ist ein Projekt von Michail Prochorow. Der Oligarch ist mit einem geschätzten Vermögen von 18 Milliarden US-Dollar der drittreichste Russe und im Autobau ein Novize. Sein Mischkonzern Onexim mischt in den Bereichen Bergbau, Strom, Immobilien, Banken, Versicherungen, Medien und Nanotechnologie mit. Die Kosten für die Serienproduktion des Jo-Mobils wurden mit rund 150 Millionen Euro beziffert. Geld, das Prochorow versprach zu investieren.

Mit der Serienproduktion sollte es heuer im Herbst losgehen. Der austro-kanadische Zulieferer Magna könnte Teile beisteuern, wurde hierzulande spekuliert. Das erste Werk in der Nähe Sankt Petersburgs würde mit einer potenziellen Produktion von 10.000 Autos im Jahr loslegen, mit der Option, die Kapazitäten später auf 40.000 bis 50.000 zu erhöhen. Das Stadtauto soll mit zwei Elektromotoren ausgestattet werden, die über einen gas- oder benzinbetriebenen Stromgenerator und einen Zwischenspeicher in Gang kommen. Die Konstrukteure versprechen einen Treibstoffverbrauch von 3,5 Litern auf 100 Kilometern. Mit umgerechnet rund 9.000 Euro wohlfeil ist es für den Exportmarkt gedacht. Fünf weitere Werke in ganz Russland sollten entstehen - so die ambitionierten Pläne.

Fabrik im Aufbau

Doch am St. Petersburger Fabriksgelände ist von zukunftsträchtigen Automobilen nichts zu sehen, wie das Nachrichtenmagazin Spiegel bei einem Vorort-Besuch Ende November feststellte: Auf dem Fabriksgelände wimmelten Wachen Interessierte ab, das Projekt liege auf Eis, teilte man den Besuchern mit. Ganz überraschend kann die Bestandsaufnahme der Spiegel-Redakteure nicht gewesen sein. Das Sankt Petersburger Unternehmen Jarowit Motors als technischer Partner hatte bereits im September kundgetan, dass man den Start des Jo-Mobil um zwei Jahre verschieben müsse.

Die Schuld liege bei anderen, versicherte Generaldirektor Andrej Birjukow damals internationalen Medien. "Uns hat unser amerikanischer Partner, der Zulieferer für Karosserien, im Stich gelassen. Deshalb wurde im Vorstand die Entscheidung über den neuen Zeitplan für die Produktion getroffen", sagte Birjukow - und gab seinen Rücktritt bekannt. Der Nachfolger, Chefkonstrukteur Andrej Ginsburg, will im nächsten Jahr einen fahrfähigen Prototypen vorstellen. Ob sich das ausgeht, wird man sehen. Dass an der potenziellen Produktionsstätte nichts, rein gar nichts passiert, stellten die Spiegel-Redakteure bei ihrem Besuch aber ohnedies nicht fest. Immerhin trafen sie auf zwei Männer. Ein deutscher Autozulieferer habe sie entsandt. Ihre Aufgabe: Den Aufbau einer 200 Tonnen schweren Presse zu überwachen, die Autobauer in spe Prochorow in Deutschland gekauft habe. (Regina Bruckner, derStandard.at, 18.12.2012)

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