Verhinderung von Amokläufen - eine echte Herkulesaufgabe

Leserkommentar |

Über die geheuchelte öffentliche Betroffenheit und die Normalität von regelmäßigen Massakermeldungen

Schon wieder einmal wird die Schachtel - sie hatte noch nicht einmal Zeit, Staub anzusetzen - mit den inzwischen arg verschlissenen und abgegriffenen "Spezial-Adjektiven"unfassbar, unvorstellbar, abscheulich und anderen geöffnet und der Inhalt reichlich über zutiefst betroffene Berichterstattung über eine unfassbare Untat ausgegossen.

Gewaltverbrechen an Unschuldigen

In Wahrheit ist etwas passiert, was auf diesem Planeten mit schöner Regelmäßigkeit passiert. Ein Mensch hat - aus Gründen, die man wohl nie schlüssig nachvollziehen können wird - die hauchdünne Zivilisationsschicht, von der wir alle inständig hoffen, dass sie uns umhüllen möge - durchbrochen und ein exzessives Gewaltverbrechen an - in diesem Fall - fast dreißig unschuldigen Menschen begangen.

So weit, so banal. Noch banaler allerdings sind die ebenfalls immer gleichen Reiz- Reaktionsschemata, die offensichtlich das einzige sind, wozu sich unsere moderne und aufgeklärte Gesellschaft angesichts dessen imstande fühlt.

"Her mit strengeren Waffengesetzen!" rufen die einen, "Mehr Waffen für alle!" fordern die anderen. Ja, wären die Lehrer in dieser Grundschule mit automatischen Gewehren ausgerüstet gewesen, dann hätten einige der getöteten Schüler überleben können - vielleicht.

Und schon wenige Sekunden nachdem die Schüsse verhallt und die ersten Tränen getrocknet sind, erfolgt die - ebenso banale - Zweitverwertung des Themas, immer auch komplett mit einem besonders schlauen Schlaumeier, der behauptet, man dürfe gerade dieses Ereignis nicht instrumentalisieren.

Schreckliche Normalität

Beinahe zeitgleich passierte andernorts, was andernorts mehr oder weniger zur Tagesordnung gehört. In Damaskus starben sechzehn Menschen, darunter sechs Kinder, bei einem der dort ortsüblichen Bombenanschläge. Allein die Betroffenheit und globale Erschütterung angesichts des Unfassbaren blieb vollständig aus. Nicht nur, weil zwanzig Kinder mehr sind als sechs, nicht nur, weil die Menschen in Syrien nicht so schön weiß und mittelklassig sind und nicht nur, weil der dort wohl herrschende Bürgerkrieg Bombenanschläge als so normal rechtfertigt wie andernorts Platzkonzerte.

Was uns an solchen Massakern wie dem in Newtown so begeistert (ja, begeistert, denn anders kann ich mir nicht erklären, warum wir wieder tagelang in penetranten "Analysen" und "investigativen Hintergrundberichten" baden müssen) ist, dass sie so selten passieren. Und das ist eine gute Nachricht!

Schießen ist kein Sport

Ich möchte dazu nur zwei erläuternde Ausdrücke meiner "Meinungsfreude" absondern.

  1. Ferntötungswaffen: In meinem Weltbild gibt es keinen Grund, warum Menschen privat mit Ferntötungswaffen hantieren (oder sie gar besitzen) dürfen sollten. Schießen ist kein Sport und das fragwürdige Privileg, Menschen ungestraft töten zu dürfen, sollte, wenn es schon unbedingt nötig ist, in einem funktionierenden Staat auf Polizei und Armee beschränkt bleiben. Die traurigen Beispiele deutscher "Amokläufe" sprechen hierbei eine deutliche Sprache. In quasi jedem Fall fand der angehende Massenmörder sein Werkzeug praktisch im eigenen Heim vorrätig gehalten.
  2. Maßnahmen: Die bei solchen Gelegenheiten stets geforderten "Maßnahmen" sind dümmster populistischer Unfug. Wer - um ein naheliegendes Beispiel zu nennen - kurz vor Weihnachten in einem größeren Einkaufszentrum oder - weniger flapsig - am Freitag Abend auf deutschen Autobahnen einen kühlen Blick auf das offen zur Schau gestellte, im Falle der Autobahn auch oft genug gemeingefährliche, Verhalten seiner Mitmenschen wirft, der wird bestenfalls erstaunt sein, dass angesichts der dort anzutreffenden Menge an Psychopathen nicht jeden Tag mehrere Massaker stattfinden. 

Ich finde, dass die Tatsache, dass uns solche Ereignisse immer weit mehr schockieren als beispielsweise der hohe Blutzoll, den unser Straßenverkehr alljährlich auch unter unseren eigenen Kindern fordert, zeigt, dass es sich dabei um wirklich singuläre Ereignisse handelt. So wenig die davon direkt Betroffenen das einsehen mögen, so scheint mir, dass solche Verbrechen die unvermeidlichen Kollateralschäden einer - wenigstens noch ansatzweise - freien Gesellschaft sind.

Wer etwas gegen "Amokläufe" unternehmen will, der muss bei den sozialen Umständen ansetzen, die es ermöglichen, dass normale Menschen - sei es durch Armut, Perspektivlosigkeit oder Mobbing - über das für sie erträgliche Maß hinaus belastet werden und dadurch die Selbstkontrolle verlieren. Dies allerdings ist einerseits ohnehin ein ethisch allgemein erstrebenswertes Ziel, andererseits natürlich eine wahre Herkulesaufgabe ohne Erfolgsaussicht und ohne erkennbaren Siegerpreis.

Es gibt für jedes Risiko-Szenario ein Restrisiko, das durch entsprechende Maßnahmen auf einen akzeptablen wert gebracht werden kann. Und dieser Wert kann niemals null werden, wenn uns auch nur der geringste Rest von persönlicher Freiheit bleiben soll. Es wird immer einen Massenmörder geben, der bis zu seiner Tat für den besten Nachbar und freundlichsten Mitmenschen gehalten wurde.

Deshalb - und nur deshalb ist es gut, dass die gesamte geheuchelte öffentliche Betroffenheit lediglich zur Selbstdarstellung und zur Verfolgung höchst eigennütziger Ziele instrumentalisiert wird und - wie immer folgenlos - nach wenigen Tagen im Sande verlaufen wird. (Christian Bucher, Leserkommentar, derStandard.at, 19.12.2012)

Christian Bucher (Jg. 1967), geboren in Kufstein, ist Diplomingeninieur für Elektrotechnik und seit 2003 bekennender Auslandsösterreicher und geschäftsführender Gesellschafter der AMADYNE GmbH für industrielle Automatisierungstechnik in Bühl, Baden-Württemberg.

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