Not mit den Notfällen

17. Dezember 2012, 07:53
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Zu den Feiertagen werden die Notfallambulanzen wieder überrannt - Ein neues Konzept soll die Situation verbessern, langfristig setzt man auf die Stärkung niedergelassener Ärzte

Ein fiktiver Patient, ein fiktives Problem: Donnerstagfrüh wacht Frau S. auf, hat ein rotgeschwollenes Augenlid. Weil der Tag recht dicht verplant ist, entscheidet sie sich vorerst für einen Besuch in der Apotheke. Dort bekommt sie eine Salbe, aber auch den Rat, den Hausarzt aufzusuchen, wenn sich die Situation nicht bessert. Freitagfrüh: Das Auge tut weh, doch der Hausarzt hat freitags keine Ordination. Der im Internet gefundene Augenarzt hat eine volles Wartezimmer. Bleibt als einzige Option also nur das Krankenhaus. Sie hofft, dort rasch behandelt zu werden und wenn nötig, auch gleich zum richtigen Experten zu kommen.

Für Michael Moser, den leitenden Oberarzt der zentralen Notaufnahme am Landeskrankenhaus Klagenfurt, sind solche Fälle tagtäglich Realität. Er und sein Team rüsten sich für die Weihnachtszeit, denn zu den Feiertagen sind die niedergelassenen Praxen noch weniger besetzt, und den Patienten bleibt nur das Krankenhaus.

Die Zentrale Notaufnahme wurde mit dem Neubau des Spitals erst vor zwei Jahren in Betrieb genommen und soll helfen, Patientenströme zu entflechten, Wartezeiten zu verkürzen und die ärztlichen Teams freizuspielen für echte Notfälle, erzählt Moser. Vor wenigen Tagen trafen sich in Wien Notfallmediziner aus ganz Österreich und diskutierten neue Strategien. Die Frage, die auch Gesundheitspolitiker auf anderer Ebene beschäftigt: "Wie kann man in Spitalsambulanzen den Strom von Patienten mit akuten Problemen von jenem Strom trennen, der mit Terminen, etwa zur Nachbehandlung, oder zu ambulanten Eingriffen kommt", skizziert Moser das Problem. "Planbare Behandlungen sollen andere Wege gehen, und diese Wege und Patientenströme sollen sich möglichst nicht kreuzen."

Das ist nicht simpel. Tatsächlich nimmt die Zahl der Ambulanzbesuche laufend zu. "Die Patienten strömen in die Ambulanzen, weil sie das System dort hindrängt", sagt Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte. Grund seien fehlende Strukturen im niedergelassenen Bereich sowie unnötige Überweisungen niedergelassener Ärzte dorthin, ist er überzeugt. Als Ursache für die Fehlsteuerung ortet er falsche finanzielle Anreize. "Etwa die Inhalte der Kassenverträge mit 15 Wochenstunden sowie Pauschalierungen und das fehlende verbindliche Tätigkeitsprofil für Kassenvertragsärzte. Zudem sind die veralteten Honorierungssysteme auch bundesländerweise unterschiedlich."

Engpass Hausarzt

Konkret bedeutet das, dass es in manchen Ländern Verträge gibt, denenzufolge Ärzte ab einer bestimmten Zahl an Patienten kaum noch verdienen - also sperren sie lieber zu und gehen auf Urlaub. Die Ärztekammer wünscht sich als Lösung und zur Verlagerung aus den teuren Spitalsambulanzen rund 1000 Kassenstellen zusätzlich. Dadurch könnten 75 Prozent der derzeitigen Ambulanzbesuche durch niedergelassene Ärzte aufgefangen werden, sagt Ärztekammer-Vizepräsident Johannes Steinhart. Experten sehen darin allerdings eher eine Zementierung der bestehenden Honorarsysteme und Öffnungszeiten.

Für Notfallmediziner Moser ist das jedoch nicht das Hauptproblem für überfüllte Spitalsambulanzen. Er sieht die gesamtgesellschaftlichen Änderungen. "Die Öffnungszeiten in den Ordinationen sind heute nicht anders als vor 30 Jahren. Der Alltag der Menschen hat sich aber verändert. Arbeits- und Zeitdruck nehmen zu." Viele hätten einfach nicht die Zeit, lange beim Hausarzt zu sitzen und dann zur Abklärungen erst recht zum Facharzt und dann wieder zurückgeschickt zu werden, vermutet er. "Natürlich wissen die Menschen, dass sie auch in den Spitalsambulanzen warten müssen - sie vergleichen aber die Bereiche und entscheiden sich aus Pragmatismus fürs Spital."

Emergency-Room

Dazu komme, dass Spitalsambulanzen jeden Patienten untersuchen müssen, sagt Susanne Drapalik, Leiterin des Medizinmanagements im Wiener Krankenanstaltenverbund. "Es gibt Menschen, die mit Problemen kommen, die wirklich leicht im niedergelassenen behandelt werden könnten. Es gibt aber auch welche, die sich nicht gut fühlen und tatsächlich etwas Dramatisches haben. Wir kennen auch sogenannte Selbsteinweiser, die zu Fuß in der Ambulanz eintreffen und einen Herzinfarkt haben."

Als Ausweg setzt man vielerorts auf die Organisation in sogenannten zentralen Notaufnahmen für Akutpatienten. Das Konzept dieses Emergency-Rooms hat sich in den USA bewährt. Das Prinzip dabei: Nicht Patienten werden herumgeschickt, sondern der richtige Arzt kommt nach einer Erstbegutachtung zum Patienten. Das spart Zeit und verbessert die Versorgung. In Wien gibt es solche Notaufnahmen schon im Krankenhaus Hietzing und im Wilhelminenspital.

Erst vor wenigen Wochen hat auch im Salzburger Landeskrankenhaus eine neue zentrale Notaufnahme den Betrieb aufgenommen. "Es gibt dort zwei Schalter: einen für geplante und einen für ungeplante Patienten. Für die ungeplanten, also die Notfälle, gibt es einen genauen Ablaufplan", berichtet der Leiter der zentralen Notaufnahme, Thomas Michalski. Nach dem Erstkontakt und der Einschätzung der Behandlungsdringlichkeit durch eine Pflegekraft wird der Patient je nach Beschwerden einer Fachrichtung zugeteilt. "Die Erstbehandlung erfolgt ohne lange Wartezeiten, und gleichzeitig werden die Notfallstrukturen entlastet."

Fälle ohne jede Not

Früher gab es 13 Anlaufstellen für akute Beschwerden im Landeskrankenhaus Salzburg. In der neuen und zentralen Notaufnahme werden alle zusammengeführt. Auch Michalski berichtet: "Es kommt sehr oft vor, dass Patienten zu uns kommen, ohne vorher einen niedergelassenen Arzt konsultiert zu haben. Wenn also jemand wegen Hustens da ist, wird er nach einer Untersuchung mit Behandlungsvorschlag an seinen Hausarzt verwiesen. So können wirkliche Notfälle, bei denen oft jede Minute zählt, sofort und effizient versorgt werden."

Michael Moser von der Klagenfurter Notaufnahme wünscht sich neben neuen Konzepten aber auch im niedergelassenen Bereich andere Strukturen. Sein Steckenpferd: "Toll wären Nahtstellenordinationen mit langen Öffnungszeiten und räumlicher Nähe zur Notaufnahme oder eine Struktur, in der Ärzte und Apotheken zusammenarbeiten." Die neue Gesundheitsreform mit der besseren Abstimmung zwischen Spitälern und Krankenkassen könnte hier vielleicht neue Tore öffnen. (Martin Schriebl-Rümmele, DER STANDARD, 17.12.2012)

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    Wenn der Hausarzt nicht ordiniert, bleibt nur der Weg ins Krankenhaus, die Notaufnahme als Anlaufstelle.

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