Sorgenfreier Hormonrausch im Salzkammergut

    16. Dezember 2012, 17:49
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    Volkstheater Wien gibt das Singspiel "Im weißen Rössl"

    Wien - Als Ralph Benatzkys Singspiel Im Weißen Rössl 1930 in Berlin uraufgeführt wurde, litt die Bevölkerung seit Jahren unter der Weltwirtschaftskrise. Es ist also nur konsequent, wenn Michael Schottenberg das Stück nun, fünf Jahre nach Beginn der Finanzkrise, am Volkstheater spielt.

    Die walzer- und foxtrottselige Geschichte von Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber, die nach den üblichen Irrungen und Wirrungen glücklich in den Armen des Oberkellners Leopold landet, spielt ausschließlich im Wirtshaus (Bühne: Hans Kudlich): Eine heile Nachkriegswelt in Pastell, realistisch-bieder bis hin zur Signatur der Heiligen Drei Könige über der Tür, die das Jahr 1956 schreibt. Hinter der Türe prasselt der Regen vom Schnürboden.

    Maria Bill gibt die resolute Wirtin, kompromisslos wie ein General. Hinter dieser völlig übersteuerten Arbeitswütigen ließe sich bisweilen das Drama einer verwitweten Frau erahnen, die allein für ihren Unterhalt sorgen muss. Die allseitige Aufgekratztheit aber lässt dafür wenig Raum. Mit stets leicht ironischem Zug um die Lippen begegnet dieser Günter Franzmeier als Oberkellner Leopold.

    Daneben finden breit grinsend und beherzt singend auch Ottilie (Nanette Waidmann) und Dr. Siedler (Patrick Lammer, auch musikalische Leitung) sowie Klärchen (Andrea Bröderbauer) und der schöne Sigismund (Matthias Mamedof) zueinander. Ruhender Pol inmitten des allseitigen Hormonrauschs: Christoph F. Krutzler als Piccolo mit trockenem Humor und großer Schimpflust.

    Vereinzelt bricht die Inszenierung den Schein von der sorgenfreien Tourismusidylle Salzkammergut. Da sind die amerikanischen Touristen (die Chorvereinigung Wien-Neubau), die das unvermeidliche Im Salzkammergut, da ka'mer gut lustig sein offensichtlich verständnislos vom Blatt singen. Oder der von den Touristen irrtümlich angehimmelte "Kaiser" Franz (Haymon Maria Buttinger), der eigentlich nicht Emperor, sondern Emperer heißt und an seiner Trinkfestigkeit zu zweifeln beginnt.

    Wirklich entlarvend oder böse aber wird es nie. Eher fühlt man sich an überdreht-biedermeierliche Komödien der Nachkriegszeit erinnert. Motto in Zeiten der Krise ist jenes aus dem Titellied: "Vergiss deine Sorgen!"  (Andrea Heinz/DER STANDARD, 17. 12. 2012)

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