Der Fußball und die Tiefe der Jahre

Porträt |
  • Hans Menasse kann noch anschaulich berichten von der großen Zeit des Wiener Fußballs.
    foto: corn

    Hans Menasse kann noch anschaulich berichten von der großen Zeit des Wiener Fußballs.

Hans Menasse ist einer der letzten Vertreter und Zeugen der Hohen Schule der wienerischen Fußballkunst: kurz, flach und fünf Zentimeter unter der Erd'. Aber nicht nur diesbezüglich erzählt er, Doderer gleich, aus der Tiefe der Jahre

Wien - Hans Menasse wurde nicht, er blieb, gewissermaßen jedenfalls. Dieser Umstand macht es ein wenig schwierig, dem Erzählauftrag dieser Serie nachzukommen, in der zu beschreiben wäre, wie das so ist in den Brotberufen nach der Sportlerkarriere. Auf diesen aber kann er auch schon ein Zeiterl zurückblicken. Will man also erzählen, was aus Hans Menasse wurde, muss man weit ausholen, um dann im Grunde bei dem zu bleiben, was den bald 82-Jährigen bis heute auszumachen scheint: Fußball, Fußball, Fußball.

"Ich war immer schon fußballnarrisch", sagt er. Das klingt, so hingeschrieben, etwas kokett, ist aber, wenn Menasse es sagt, etwas beinahe Literarisches. So wie Doderers "Strudelhofstiege" erzählt Menasse aus der Tiefe der Jahre. Und von dort aus über Wien.

Geprägt, später sogar gedrängt von seinem Vater, war er fußballnarrisch auf der Hohen Warte, wo ihm als Bub noch die goldenen Zeiten des Wiener Kickens gefangen nahmen. Als er drei Jahre alt war, 1933, gewann die Austria gegen Inter - damals faschistisch Ambrosiana - den Mitropacup. Mit sechs erlebte er die Wiederholung dieses Triumphs gegen die Prager Sparta. Sein Herz ist damals violett geworden. Und blieb es bis heute, weshalb es dem Hans Menasse nun auch häufig aufgeht, wenn er die aktuelle Austria spielen sieht. "Die wollen spielen, das merkt man, haben Freude daran."

Mit acht Jahren schickten die Eltern ihn und seinen Bruder nach England. " Halbjuden" hießen die Buben jetzt. Der Vater war "Volljude", die christliche Mutter aus "bei Brünn". Die Eltern ahnten das Bevorstehende, " ich habe natürlich nicht gewusst, was das alles bedeutet".

Im September 1939 eskalierte der Wahnwitz, was für die Kinder - Hans sprach rasch fließend Englisch - die Verlegung aufs Land bedeutete. "Da hat's genügend Gelegenheiten gegeben, Fußball zu spielen." Der kleine Hans tat das ansehenswert, absolvierte mit 15 ein Probespiel bei Derby County, kickte im Nachwuchs von Luton Town, erhielt mit 17 eine Einladung zu einem Probetraining bei Arsenal. "Den Brief hab ich heute noch."

Die Wiener Verwüstung

Aber das mit den Londoner Gunners wurde nichts. Sein Bruder und er waren da schon in Wien, das nicht nur handfest verwüstet war, sondern - mehr noch vielleicht - im übertragenen Sinn. Die Eltern hatten mit ungeheurem Massel überlebt, waren danach aber "so nervenzerrüttend, das kann man sich gar nicht vorstellen". Gewohnt haben sie "auf der Mazzesinsel", in der Leopoldstadt. Die Döblinger Wohnung war besetzt. Dort logierte nun, 1947, Karl Rainer, der rechte Back nicht nur der Vienna, sondern auch der des Wunderteams. "Ein Nazi war er nicht." Ein Nazi-Profiteur gleichwohl. "Er hatte im selben Haus ein Ledergeschäft." Den Ariseur hinauszukriegen hat man nicht versucht. "Die Wohnung hätten wir uns eh nicht leisten können."

Nicht nur ließ man den damals 40-jährigen Vienna-Altstar unbehelligt, der Vater "hat mich, kaum war ich wieder in Wien, bei der Vienna angemeldet, obwohl ich viel lieber bei der Austria gespielt hätte". Aber der alte Menasse war halt blau-gelb bis hin zur Missachtung des Sohneswillens, und der machte dem so lange entbehrten Vater die Freude, wurde auf dem rechten Spitz einer der feinsten, wenn man will: wienerischsten Spieler, welche die Vienna je gehabt hat - "Martin Harnik hat eine ähnliche Spielanlage". Fast zwölf Jahre war er auf der Hohen Warte, wurde einmal, 1955, Meister.

Im Team spielte er nur zweimal. 1953 debütierte er beim 1:1 in Budapest, war nominiert für den WM-Kader 1954, aus dem ihn eine Gelbsucht geworfen hat. Eine hartnäckige Krankheit entfremdete ihn auch der Vienna, die ihn 1959 ziehen ließ. Endlich konnte er sich den Wunsch erfüllen und sich bei der Austria ins Scheiberlspiel einklinken. Für zwei Jahre wenigstens, nach denen Menasse durch die unter Ligen tingelte. Als enger Freund von Joschi Walter ließ er sich dann - bei und für seine Austria - auch auf die andere Seite des Fußballspielens ziehen. Zehn Jahre saß er im Vorstand der Violetten.

Zeit für die Montagsrunde

Profi im heutigen Sinn war er nie, "ich war Vertragsamateur". Schon 1947 hat er einen Brotberuf ergriffen. "Ich konnte Englisch, das war damals, so kurz nach dem Krieg, keine Selbstverständlichkeit." Und so lernten die Amerikaner den jungen Wiener an im Filmverleihgeschäft. Menasse brachte - erst als Lehrling, "ich hab das von der Pike auf gelernt" - die Hollywoodfilme unter die auch diesbezüglich ausgehungerten Österreicher.

1995 ging er als Pressechef der United International Pictures in Pension. In Ruhestand freilich nicht. Die von Joschi Walter, dem legendären Austria-Chef, begründeten "Montagsrunden" drehen sich bis heute ums Ballesterische, auch wenn die älteren Herren - zum Beispiel: Werner Gregoritsch, Manfred Zsak, Ioan Holender - dort aktiv nun eher dem Tennis frönen. Irgendwo müsse sich auch ein Eintrag im Guinness-Buch finden. Die Ballesterer-Runde des Regie-Meisters Franz Antel hatte es geschafft, ein 1000-jähriges Team auflaufen zu lassen. Menasse war - no na - ein Teil davon.

Fragt man aber wirklich nach in dummer Hartnäckigkeit, was da nicht bloß geblieben, sondern schon auch geworden ist im Leben des Hans Menasse, dann hebt er das Tischtuch, klopft von unten auf die hölzerne Platte, als könnte er auch im Nachhinein noch etwas verschreien. Und sagt: "Ja, die Familie, die Kinder." Der streitbare Sohn Robert etwa, der unlängst erst Europa ordentlich die Leviten gelesen; oder die wunderbar erzählende Eva, die den Vater in den Roman mit dem auf der Hand liegenden Titel "Vienna" gerückt hat.

"Stolz?", fragt der STANDARD. Hans Menasse klopft noch einmal auf Holz: "Und wie!"(Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 17.12.2012)

Share if you care