Gelehrten-Betthupferl in Palast und Plattenbau

16. Dezember 2012, 17:46
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Opernregisseur Peter Konwitschny inszeniert die beiden Teile von Goethes "Faust" als stark gekürztes Deklamationstheater

Ein Versmaß-Schreckgebilde, das seine gedanklichen Leerstellen mit Bilderreichtum zu kompensieren sucht.

Graz - Immer wieder erliegen Regisseure der halsbrecherischen Verlockung, beide Teile der Faust-Tragödie in einem Aufwasch zu inszenieren. Der Erfolg ist meist mäßig. Als die üppigste Variante der 130-jährigen Aufführungsgeschichte (seit Otto Devrients Uraufführung " als Mysterium in zwei Tagwerken" in Weimar 1876) muss wohl Peter Steins ungekürzte Fassung mit 33 Schauspielern in 15 Nettostunden aus dem Jahr 2000 gelten. Und sogar Stein hat in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel später überaus selbstkritisch einbekannt: "Du gehst in die dritte oder vierte Vorstellung und siehst, was das für ein Schrott ist."

So weit muss man nicht gehen, auch in Graz nicht, wo Peter Konwitschny am Schauspielhaus soeben das jüngste Mammutprojekt dieser Sorte stemmte. Aber in einer artverwandten Weise blechern war auch seine auf dreieinhalb Stunden eingedampfte Inszenierung von Der Tragödie Erster Teil und Der Tragödie Zweiter Teil, nur durch eine Pause getrennt.

Während Teil eins mit der Gretchentragödie zu den Dauerbrennern des Repertoiretheaters zählt (soeben war das um ein Komplementärstück von Elfriede Jelinek erweiterte FaustIn and out aus Zürich in St. Pölten zu Gast; das Volkstheater beherbergt seinerseits in dieser Saison einen famosen Urfaust), so hält man zu Faust II gebührend Sicherheitsabstand. Zu dem, was man an ihm seit jeher als "unspielbar" betrachtet, gehören die sorglose Verschränkung deutscher Klassik mit antiker Mythologie, das dafür nötige immense Allegoriepersonal und ein Plot, der jeden Hollywood-Produzenten in die Verzweiflung treiben würde: Zaubereien, Höllenstürze, Luftfahrten, die am Theater die Bühnentechnik heißlaufen lässt. Das Burgtheater hat sich für seinen Faust II (2009) mit Multimedia-Projektionen beholfen.

Peter Konwitschny - und das ist löblich - setzt ganz auf Deklamationstheater. Er versucht das große Ding, doch die Verse plätschern ungehört dahin. Die Sätze verpuffen meist im Nichts. Es gelingt den Schauspielern nicht, das Gewebe dieser kunstvollen Sprache aufzuschließen. Mit der Ausnahme des "göttlichen Mephisto" von Udo Samel (Zuschauerzitat) wurden Sinn und Rhythmus im Gesprochenen kaum kenntlich. Da hilft es auch nicht weiter, dass die faustischen Themen bei einem Sechsertragerl Puntigamer besprochen werden:

An einem Stehtisch am linken Bühnenrand führt der Berliner Autor Ahne (bürgerlich: Arne Seidel) seine sonst im Radio bekannten telefonischen Zwiegespräche mit Gott ("Ja, am Apparat"). Sie reden über Selbstmord ( Faust I, Studierzimmer), den Jugendwahn (Faust I, Fausts Verjüngung) oder über Kapitalismus und Bereicherung (Faust II, Erfindung des Papiergelds zur Rettung des Kaiserreichs). Das ist durchwegs charmant, hilft aber der Inszenierung nicht auf die Beine.

Schon Teil eins lahmt trotz Kürzungen und war von Konwitschny ohnehin nur als Vorspiel gedacht. Doch wozu? Dieser Faust (Jan Thümer) hat sichtlich kein Problem mit seiner bei Gretchen (Katharina Klar) aufgeladenen Schuld (Sie endet hier im Bordell). Fröhlich geht es im zweiten Teil weiter mit dem Betthüpfen der Kurfürsten auf der kaiserlichen Reichsmatratze (ein Bett im Gulliver-Format). Dann die Helena/Paris-Illumination mit Stehleitern und Nebelkanonen, gefolgt von einer Walpurgisnacht mit Goldlamettavorhang wie aus dem Cesar's Palace in Las Vegas: Sirenen mit Megafonen, Phorkyaden mit Goldphalli und Schlauchbootlippen, und dämonische Lamien tanzen mit Herman Munster (Bühne, Kostüme: Thomas Leiacker).

Im Taumel dieser bilderreichen Inszenierung gerät Faust samt seiner Mission impossible ganz in Vergessenheit. Inhaltlich geht der Abend flöten. An Bildern aber ist er reich. Als umständlich inszenierte Fußnote auf seinem Teufelsritt erweist sich etwa die Ehe mit Helena (Birgit Stöger), einem blonden Hollywood-Trugbild, die als Plattenbau-Nachbarin auf Diane Kruger macht. Man fragt sich am Ende: So einem Deppen widmet man gleich mehrere Stücke? (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, 17. 12. 2012)

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    Traurig, aber wahr: Gretchen ist im Bordell gelandet, wo Mephisto (Udo Samel, im Tumult seiner Freudenmädchen) das Sagen hat. Und Faust (Jan Thümer, li.) kann da nur traurig schauen.

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