"Keine Hinweise, dass Reise-Neugier nachlässt"

Interview16. Dezember 2012, 17:04
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Martin Bachlechner, im Vorstand des Verkehrsbüros für Reisen zuständig, sieht kein Ende des Fernwehs

STANDARD: Vom Winter in den Sommer zu fliegen war früher wenigen vorbehalten. Das hat sich radikal geändert. Warum?

Bachlechner: Das hat primär mit der Preisentwicklung zu tun und mit mehr Angebot. Klassische Ferndestinationen im Winter wie Thailand oder Mauritius sind immer schon gut gegangen. Neu dazugekommen ist in den letzten Jahren Ägypten. In 3,5 Flugstunden ist man in Sharm el-Sheik oder in Hurghada, hat schönes Wetter, kann tauchen - und das alles zu sehr attraktiven Preisen. Oder die Emirate mit Dubai, wo man in 4,5 Stunden ist. Oder auch Oman, wo von Wien ein Direktcharter hingeht. Das alles hat einen Nachfrageschub ausgelöst.

STANDARD: Ägypten leidet derzeit wohl eher unter Gästeschwund.

Bachlechner: Leider - auch bei uns liegen die Buchungen für den Winter um 15 Prozent zurück. Dabei bekommt man von den Protesten und Demonstrationen, die sich auf Teile Kairos beschränken, gar nichts mit, wenn man in einem der Badeorte urlaubt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist sehr gut.

STANDARD: Mehr Angebot als Erklärung dafür, dass vermehrt auch Familien über Weihnachten und Neujahr in die Ferne schweifen, statt wie früher üblich Ski zu fahren?

Bachlechner: Das hat auch damit zu tun, dass die Österreicher generell weniger Ski fahren. Der Skispaß für Familien ist auch sehr teuer geworden. Speziell in urbanen Gebieten geht die Lust auf Urlaub im Schnee zurück.

STANDARD: Sind die weiter entfernten Destinationen gefragter als Ziele im Mittelmeerraum?

Bachlechner: Ja. Wir verkaufen zwar auch die Türkei und Tunesien, aber eher im kleinen Rahmen. Obwohl - Spanien ist nach Umsatz und Passagieren das beliebteste Winterreiseziel, auch Dank der Kanarischen Inseln.

STANDARD: Welche Länder noch?

Bachlechner: Hinter Spanien kommen heuer Thailand, die Malediven, an vierter Stelle trotz Rückgangs Ägypten, dann die USA. Dominikanische Republik und Kuba erfreuen sich ebenfalls starker Nachfrage - eine direkte Folge der Nonstopflüge, die Condor dorthin ex Wien macht. Dann folgen noch die Emirate und Mauritius.

STANDARD: Was heißt das für Österreichs Wintertourismus, wenn immer breitere Bevölkerungsschichten der Kälte den Rücken kehren?

Bachlechner: Der Heimmarkt ist wichtig. Ich bin aber überzeugt, dass Rückgänge bei inländischen Gästen durch gezielte Bearbeitung ausländischer Märkte kompensiert werden können. Der russische Markt etwa bietet ein großes Potenzial für Österreichs Tourismus. Auch der rumänische Markt erholt sich. Ich sehe für Österreichs Wintertourismus jedenfalls nicht schwarz.

STANDARD: Wie schaut es bei den gebuchten Urlauben im Winter aus, fallen die im Schnitt kürzer, gleich oder länger aus als im Sommer?

Bachlechner: Eher länger. Zwei Wochen Urlaub im Sommer sind ja nicht mehr die Regel. Wer eine Fernreise unternimmt, macht meist zwölf bis 15 Tage, sonst zahlt sich das nicht aus. Außer Mittelstrecken wie Oman oder Dubai, das geht auch in einer Woche.

STANDARD: Einer der wichtigsten Treiber der Urlaubsindustrie war immer die Neugier. Nun gibt es schon viele Menschen, die sehr viel gesehen haben. Lässt diese Triebfeder etwas nach?

Bachlechner: Man muss unterscheiden zwischen Badeurlaub und echten Besichtigungstouren. Bei Badereisen will man dem Wetter entfliehen. Wenn es bei uns neblig oder gatschig ist, fliegt man halt irgendwohin, wo es schön ist. Bei Besichtigungsreisen ist es anders. Vielleicht fährt man nicht mehr so weit weg, sondern besinnt sich auf die Schönheiten, die es in Europa gibt. Ich habe jedenfalls keine Hinweise, dass die Neugier nachlässt. Reisen ist ein ewiges Thema, nicht nur am Stammtisch.

STANDARD: Wie verändern neue Technologien das Reiseverhalten?

Bachlechner: 2012 war es so, dass die klassischen Reisebüros und die Internetplattformen gleichmäßige Steigerungen verzeichnet haben. Der Trend, nur über Internet zu buchen, ist in Europa gebremst, in den USA schon wieder rückläufig. Dort hat das klassische Reisebüro wieder höhere Zuwächse. Auffällig ist, dass die Kunden meist bestens informiert sind, wenn sie ins Reisebüro kommen.

STANDARD: Was heißt das für die Reisebüros?

Bachlechner: Dass die Mitarbeiter gut geschult werden müssen, um auf Augenhöhe mit den Kunden sein zu können. Zweitens spielt Technik eine wichtige Rolle. Wer da firm ist, wird sich letztlich durchsetzen. Wir selbst geben viel Geld aus für Mitarbeiterschulungen und technische Ausstattung.

STANDARD: Wie stark beeinflussen politische Ereignisse Ihre Branche?

Bachlechner: Sehr stark. Wir hatten beispielsweise immer ein gutes Syrien-Geschäft. Durch Syrien hat man jetzt auch ein Problem mit dem Libanon. Und Jordanien leidet mit, auch wenn es dort ruhig ist, weil es meist im Doppelpack mit Syrien verkauft wurde.

STANDARD: Was sind die Lehren?

Bachlechner: Wenn es eine Warnung des Außenministeriums wie jetzt für Syrien gibt, macht man so und so nichts mehr dort. Wenn aber nicht gerade ein Bürgerkrieg im Gang ist, sollte man doch versuchen, den Ländern durch Kontinuität in den Geschäftsbeziehungen über die schwierige Zeit hinwegzuhelfen - sofern die Sicherheit garantiert ist.

STANDARD: Wie sieht es mit den Buchungen gegenwärtig aus?

Bachlechner: Wir haben knapp drei Prozent mehr als vor einem Jahr, wobei insbesondere Thailand mit plus 35 Prozent hervorsticht. Dort hat es aber im vorigen Winter hochwasserbedingt kräftige Einbrüche gegeben. (Günther Strobl, DER STANDARD, 17.12.2012)

Martin Bachlechner (60) ist Vorstandsmitglied des Verkehrsbüros, Österreichs größtem Tourismuskonzern. Er ist für die Geschäftsbereiche Freizeitreisen, Geschäftsreisen und Kongress sowie IT zuständig. Zuvor war der aus Zell am See gebürtige Vielreisende Vorstandsdirektor der Ruefa Reisen AG, die im Herbst 2004 vom Verkehrsbüro übernommen wurde.

  • Schwitzen in Dubai, tauchen auf den Malediven oder Affen schauen in einem 
Naturpark in Florida: Immer mehr verzichten auf Schnee und jetten über 
Weihnachten in die Ferne.
    foto: epa/rhona wise

    Schwitzen in Dubai, tauchen auf den Malediven oder Affen schauen in einem Naturpark in Florida: Immer mehr verzichten auf Schnee und jetten über Weihnachten in die Ferne.

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