Das Schicksal von Windows Phone hängt an Google

  • Kann Windows Phone ohne Googles helfender Hand bestehen?
    vordergrund und hintergrund: apa / fotomontage: georg pichler

    Kann Windows Phone ohne Googles helfender Hand bestehen?

Der Liebesentzug aus Mountain View könnte dem Erfolg des Microsoft-Systems beträchtlich schaden

Dass Google keine Apps mehr für Windows 8 und Windows Phone entwickeln möchte - jedenfalls bis dort die Userbasis groß genug ist - könnte für letzteres System fatale Konsequenzen haben. Denn, so argumentiert Engadget-Autor Darren Murph, selbst für den Aufstieg des iPhone war der Support des Suchriesen von großer Bedeutung.

Nutzung für Murph nach drei Tagen unzumutbar

Zwei Jahre nach dem Start von Windows Phone befindet sich Microsoft nach wie vor in der Lage des abgeschlagenen Jägers. Der Marktanteil in vielen Ländern liegt im niedrigen einstelligen Bereich. Die Analysten von IDC haben ihre Vierjahres-Prognose für das mobile Betriebssystem vor kurzem deutlich gesenkt. Der Liebesentzug aus Mountain View kommt unpässlich.

Murph hat sich bemüht, Windows Phone 8 eine echte Chance zu geben und ist dabei sogar so weit gegangen, beim Testen des Lumia 920 sogar die SIM-Karte aus seinem iPhone und seinem Galaxy Nexus zu nehmen, um sich "komplett im Windows Phone-Universum bewegen" zu müssen. Eine Erfahrung, die seiner Ansicht nach innerhalb von drei Tagen jedoch unzumutbar wird.

Schwache Gmail-App

Ein Grund dafür ist die Gmail-Integration. Der Google-Dienst ist zwar als App vertreten, diese gleicht aber im Wesentlichen der normalen E-Mail-Software. Nur wenige der Funktionen des Google-Webmails sind überhaupt implementiert, und selbst das nicht ordentlich. Auf Features wie Nachrichten-Tagging muss man überhaupt verzichten.

Freilich, ein Problem, das nur Gmail-User betrifft. Doch derer gibt es mittlerweile 500 Millionen und Microsoft teilt sich seine Zielgruppe mit Android und iOS. Auch die native iPhone-App für Gmail ist laut Murph "eine Schande", jedoch wetzt Google hier die Kerbe mit einem Programm aus eigenem Hause aus. Auch andere Programme aus dem iTunes-Store liefern gute Nutzererfahrung in Verbindung mit Gmail.

Alternativ-Apps im Store sind "schrecklich"

Die Liste lässt sich fortsetzen: die YouTube-App auf Windows Phone ist nicht mehr als ein Link zur mobilen Webseite des Videodienstes. Ein Manko, das seit dem Start des Systems besteht. Auch Nutzer von Google Drive und Google Docs schauen in die Röhre und müssen mit dem Browser hantieren. Selbiges gilt bei Google Translate, Earth, dem Kalender und Currents, von neueren Diensten wie Latitude oder Wallet ganz zu schweigen.

Für manche der fehlenden Programme gibt es Alternativen von Drittherstellern im Windows Phone Market, die Auswahl ist jedoch nicht besonders groß und laut Murphy "schrecklich".

Google-Dienste und iOS: Eine Symbiose...

Probleme, mit denen iPhone-Nutzer nicht zu kämpfen haben. Hierfür liefert Google ordentliche Software ab, obwohl es sich um die Plattform des Erzfeindes Apple handelt. Der Grund. Auch diese Nutzer werden damit im Google-Ökosystem gehalten, liefern Information und Umsatz. Die Hauptprofiteure dieses Vorgehens sind die iPhone-Nutzer und Apple.

...am Beispiel von Maps

Die von Google gelieferte Maps-App für iOS war vom ersten iPhone an ein Argument und Helfer für das Gerät. Welche Bedeutung sie für das Produkt hat, war zuletzt spürbar, als Apple in einem überhasteten Schritt mit iOS 6 einen eigenen Kartendienst startete, der in seiner Unfertigkeit seitdem mit einigen Negativschlagzeilen aufgefallen ist.

Sieben Stunden nach der Rückkehr von Google Maps in den iTunes-Store stand die App bereits an der Spitze der Downloadcharts. Die meist heruntergeladene, kostenlose iPhone-App des Jahres 2012 ist noch dazu YouTube, obwohl sie erst vor wenigen Monaten veröffentlicht wurde. Es ist, meint Murphy, schwer zu argumentieren, dass der Aufstieg des Apple-Smartphones in dieser Form ohne Googles Hilfe möglich gewesen wäre.

Die einzige App, die Google bislang für Windows Phone entwickelt hat, bietet Zugriff auf die Suchmaschine. Weitere werden, wie Clay Bavor angekündigt hat, erst einmal nicht folgen. Damit fehlt diese wichtige, helfende Hand, ein Pfeiler, der den Aufstieg erleichtert.

Gedeih oder Verderb

Es stellt sich nun die Frage, ob Microsoft Windows Phone selbst soweit bringen kann, für Google wieder wichtig genug zu werden, um es mit nativen Apps für seine Dienste zu versorgen. Murph bleibt skeptisch. "Es ist unmöglich zu glauben, dass irgendein mobiles Betriebssystem dieser Zeit gedeihen kann, ohne einen bedeutenden Schubser von Google zu bekommen." Ob Hotmail und Skype für die Kunden gewichtige Argumente darstellen, wird sich erst zeigen, bis dahin dürfte das System am Scheideweg stehen.

Windows Phone ist nicht das einzige System, dessen Schicksal in großem Maße an Google hängen könnte. Auch der Erfolg von BlackBerry 10 könnte vom Wohlwollen aus Mountain View abhängen, wenngleich RIM mit seiner (schwindende) Businesskundschaft zumindest weniger demographische Überschneidungen mit der Konkurrenz zu befürchten hat. (red, derStandard.at, 15.12.2012)

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