Rien ne va plus für Spekulationsgeschäfte!

Kommentar der anderen14. Dezember 2012, 21:00
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Wie Derivat-Deals funktionieren und warum deren bloße Einschränkung, wie von Walter Schachermayer gestern an dieser Stelle gefordert, zu kurz greift: Risikohandel kann niemals Wohlstand schaffen. Die Einzigen, die dauerhaft dabei gewinnen, sind die Banken

Walter Schachermayer spricht sich im jüngsten "Kommentar der anderen" dafür aus, Spekulationsgeschäfte nicht zu verbieten, sondern nur einzuschränken. Wenn man den Schleier der Komplexität, der über diesen Geschäften liegt, wegzieht und ihr Wesen offenlegt, kommt man allerdings zu einer radikaleren Ansicht: Mit Risikohandel kann niemals Wohlstand geschaffen werden. Die Einzigen, die letztlich dabei dauerhaft gewinnen, sind die Banken. Warum? -Darum:

Swaps werden von Banken zur Absicherung von Risiken angepriesen. Tatsächlich geht es dabei um nichts anderes als um den Tausch von einem Risiko gegen ein anderes. Weil man das Wesen dieser Absicherungsgeschäfte mit Banken vielfach noch immer nicht versteht, glaubt man in Salzburg so wie in vielen anderen öffentlichen Bereichen, zukünftige Finanzmarktdesaster vermeiden zu können, indem man auf den Finanzmärkten nur mehr Absicherungsgeschäfte abschließt, die mit dem " Grundgeschäft" zu tun haben. Mit dieser seriös klingenden Formulierung fällt man aber nur auf eine Strategie der Banken hinein, die sich durch diese Formulierung wenigstens einen Teil ihres einträglichen Geschäftes mit dem Handel von Risiken erhalten wollen.

Um die Problematik zu verstehen, muss man vor allem aber den fundamentalen Unterschied zwischen Versicherungsleistung und Risikohandel verstehen. Dazu ein Beispiel:

Es ist wirtschaftlich vernünftig, sich gegen existenzielle Risiken, wie z. B. gegen ein Feuer im eigenen Haus zu versichern. Wenn ein Haus, im Wert von 100.000 Euro im Durchschnitt alle 100 Jahre abbrennt, zahlt man der Versicherung eine Prämie von 1000 Euro (plus einen Kostenaufschlag) im Jahr, damit sie im Schadensfall das Haus wieder errichtet. Weil eine Versicherung viele Häuser versichert, kann sie im Mittel alle Schäden mit den laufenden Prämien bezahlen.

Ein Absicherungsgeschäft eines Risikos auf den Finanzmärkten in Form eines Swaps dagegen läuft völlig anders ab. Hier werden Risiken nicht versichert, sondern im Wesentlichen nur getauscht. Also: Die Bank bietet dem Kunden an, dass er statt 1000 Euro im Jahr wie bei der Versicherung nur 500 zahlen muss. Am Rande und nur im Kleingedruckten wird dabei erwähnt, dass diese günstige Prämie nur deshalb möglich ist, weil der Kunde im Zuge dieses Absicherungsgeschäfts gleichzeitig das Risiko eines Brandschadens des Nachbarhauses übernehmen muss. Weil das Nachbarhaus wahrscheinlich im Schnitt nur alle 1000 und nicht alle 100 Jahre abbrennt, entspreche dieses Risiko nur durchschnittlichen Kosten von 100 Euro, und weil dieses Risiko so klein ist, reiche es auch aus, dass es nur im Kleingedruckten steht.

Im Gegensatz zur Versicherung bezahlt der Kunde beim Absicherungsgeschäft mit der Bank also nur 500 Euro und hat zusätzlich ein durchschnittliches Risiko für den Brand des Nachbarhauses im Wert von 100 Euro zu tragen. Der Kunde erspare sich somit, sagt die Bank, Kosten von 400 Euro im Jahr. Bis hierher könnte man entschuldigend für die Bank noch sagen, dass sie das Risiko für das Nachbarhaus vielleicht nicht so genau schätzen konnte. Die Geschichte geht aber weiter:

Die Bank geht nämlich mit dem gleichen Angebot zum Nachbarn und kassiert somit im Endeffekt zweimal die Prämie von 500 Euro, ohne irgendein Risiko zu tragen. Am Anfang schaut das Geschäft sogar auch für beide Nachbarn noch sehr vorteilhaft aus, so wie auch in Salzburg am Anfang alles sehr vorteilhaft ausgesehen hat. Wenn allerdings dann das Nachbarhaus abbrennt, hat jeweils der andere Nachbar den vollen Schaden zu tragen, und ein öffentliches Wehgeschrei fängt darüber an, warum man denn auf den Finanzmärkten gezockt habe.

Fatale Verlockung

An diesem Beispiel wird auch der heimtückische psychologischen Unterschied zwischen dem Roulette im Kasino und den Swaps mit einer Bank deutlich: Zwar verlieren in beiden Fällen die Kunden im Mittel langfristig. Aber beim Roulette verliert man typischerweise am Anfang und hofft auf den zukünftigen großen Gewinn, wenn die richtige Zahl kommt. Swaps dagegen sind deshalb so verlockend, weil man dabei am Anfang zunächst typischerweise gewinnt und dabei gerne übersieht, dass irgendwann die Verluste kommen müssen, die im Mittel größer sind als die vorhergehenden Gewinne.

Das ist auch der Grund, warum die Beamten im öffentlichen Bereich, die die Banken zum Abschluss solcher Swaps drängen, zunächst als Finanzgenies betrachtet und daher mit entsprechenden Vollmachten ausgestattet werden. Das aber natürlich nur so lange, bis die mit hoher Wahrscheinlichkeit kommenden großen Verluste tatsächlich auftreten und die Banken sich ihrer Verantwortung entledigen wollen, "weil sie ohnehin auf die Risiken hingewiesen haben". Nur bei den ganz großen Spekulationsaffären wird bekannt, dass die Banken manchmal auch über ihre eigenen Füße stolpern, wenn sie ihre Risiko-Deals in ihrer gesamten Wirkung selbst nicht mehr verstehen.

Geld kann man nicht essen

Egal ob solche Absicherungsgeschäfte auf den Finanzmärkten mit dem " Grundgeschäft" - hier die Absicherung gegen einen möglichen Brandfall des eigenen Hauses - zu tun haben oder nicht, sie haben nichts mit Versicherungsgeschäften zu tun. Sie werden entweder in betrügerischer Absicht abgeschlossen oder - noch schlimmer - in gutem Glauben, weil man die eigenen komplexen Modelle in ihrer gesamtheitlichen Wirkung selbst nicht mehr versteht. In Summe aber können durch diese Art von Risikotauschgeschäften die Risiken jedenfalls niemals gedeckt werden. Bei Spekulationsgeschäften kommt es niemals zu einem Wohlstandsgewinn, weil dabei letztlich keine Semmeln gebacken werden. Die Gewinne des einen entstehen stets nur aus den gleichzeitigen Verlusten der anderen. Langfristig gleichen sich aber für die Kunden der Banken bei diesen Spekulationsgeschäften alle Gewinne und Verluste aus. Weil die Kunden aber den Banken hohe Vermittlungsgebühren für diese Geschäfte bezahlen mussten, werden dabei letztlich alle Kunden zu Verlierern, und nur die Banken bleiben als einzige Gewinner übrig.

Wir werden wieder einmal enorme volkswirtschaftliche Leistungen sinnlos vergeuden im endlosen Streit, wer recht hat. Es wäre besser, alle diese schädlichen Risikotauschgeschäfte für die Zukunft generell zu verbieten und alle bestehenden Geschäfte für unwirksam zu erklären und damit alle Gewinne und Verluste daraus zu streichen, weil diese Geschäfte, wenngleich sie vielleicht im Einzelfall manchmal auch nicht in betrügerischer Absicht erfolgten, so zumindest in Summe jedenfalls gegen die guten Sitten verstoßen.

Vor allem muss sich unsere Gesellschaft aber wieder darauf besinnen, dass Wohlstand nicht auf den Finanzmärkten durch den Handel mit Risiken entsteht, sondern indem wir unsere Arbeitskraft in der Realwirtschaft zum Backen von Semmeln einsetzen, denn Geld kann man nicht essen. (Erhard Glötzl, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

 

ERHARD GLÖTZL ist Vorstandsdirektor der Linz AG i. R. und Lektor für Finanzwirtschaft an der Donau-Uni Krems.

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