Spekulationen: Uns kann man bald etwas erzählen

Kolumne |

Es fehlt an gesunder und informierter Skepsis gegenüber dem was smarte "Anlageberater" wie populistische Ökonomen und Politiker produzieren

"Wien spekuliert nicht ", sagt Bürgermeister Michael Häupl aus gegebenem Anlass. Aber Wien hat Kredite in Schweizer Franken in Milliardenhöhe, die als Spekulationen auf den Frankenkurs aufgenommen wurden (wie zehntausende Häuslbauer ...); und die Stadtwerke und andere Gemeindebetriebe sind selbstverständlich in kompliziertere Spekulationsgeschäfte eingestiegen.

Uns - im Sinne einer großen Mehrheit der Österreicher - kann man so etwas erzählen. Weil wir uns nicht für wirtschaftliche Hintergründe interessieren, weil wir uns nicht besonders informieren, weil wir (die jüngere Generation) in der Schule gelernt haben, dass "die Wirtschaft" die Umwelt kaputtmacht, nur die Reichen bevorzugt und dass Begriffe wie " Gewinn" total pfui sind.

Die durchschnittliche österreichische Auffassung von Wirtschaft sieht so aus: Der Staat hat dafür zu sorgen, dass es mir gutgeht. Dafür ist eine funktionierende (Privat-)Wirtschaft notwendig, das schon - aber in Wirklichkeit sind das suspekte Kapitalisten und Korruptionisten. Wer durch ungewöhnliches Talent und ungewöhnliche Energie reich geworden ist, steht unter Generalverdacht, dies mit irgendwelchen krummen Methoden erreicht zu haben.

Über grundsätzliche Mechanismen, Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftslebens gibt es wenig Wissen. Die Behauptung, eine "Reichensteuer" werde genug Geld bringen, um die sozialen Systeme weiter zu sichern, aber dabei nicht die Mittelschicht treffen, wird brav geglaubt. Bruno Kreisky prägte den klassischen Populismus: "Mir sind ein paar Milliarden Schulden lieber als ein paar hunderttausend Arbeitslose", und alle waren begeistert. Doch Kreisky machte die Schulden nur, um die personelle Überbesetzung und politische Gängelung der Verstaatlichten Industrie zu überdecken. Die Betriebe waren pleite - am Ende musste doch Personal abgebaut (und teilprivatisiert) werden, die Schulden aber blieben.

Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass sehr viele "bürgerliche" Menschen mit besserer wirtschaftlicher Ausbildung sich trotzdem von unrealistischen Gewinnversprechungen blenden ließen. Tausende Besserverdiener trugen ihr Geld zu windigen Fonds, ließen sich von Namen wie Meinl und Grasser blenden und verloren ihre Ersparnisse. Tausende Klein- und Mittelunternehmer jubelten auf "Liveshows" Grasser zu, obwohl er ihre Steuersituation eindeutig verschlechtert hatte.

Wir haben das effizienteste und gerechteste System, die soziale Marktwirtschaft, aus den Augen verloren. Wir fallen einerseits auf turbokapitalistische Scharlatane, andererseits auf enteignungssüchtige linke Populisten herein. Man kann uns einerseits mit fragwürdigen Alarm-Studien über Armutsgefährdung oder Vermögensverteilung schrecken, andererseits Get-rich-quick-Betrügereien aufschwatzen. Es fehlt an gesunder - und informierter! - Skepsis gegenüber dem bullshit, den sowohl smarte "Anlageberater" wie populistische Ökonomen und Politiker produzieren. Es fehlt auch an seriösen Ökonomen, die den diversen Mythen energisch gegenübertreten. Daher kann man uns viel erzählen. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

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