Die Wehrpflicht ist eine Tochter der Sklaverei

Kommentar der anderen14. Dezember 2012, 21:26
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In Fortsetzung der Debatte um das "Memorandum" des Neutralitätskomitees: eine Erwiderung auf Profiheer-Gegner Peter Moeschl und sein "Plädoyer für eine demokratische Landesverteidigung"

Man liest und hört öfters, zuletzt im Kommentar Peter Moeschls (Standard, 5. 12.), die allgemeine Wehrpflicht sei eine demokratische Errungenschaft, die 1789 von der Französischen Revolution geschaffen wurde. In der Tat erhielt die allumfassende Zwangsrekrutierung in der Französischen Revolution einen neuen Namen. Das ehrliche Wort "Zwang" wurde durch das edle Wort "Pflicht" ersetzt, um den Zwang zu verschleiern.

Wie jede Schülerin weiß, war diese ursprünglich als Verteidigungsarmee aufgestellte französische Armee bald das Instrument für eine Reihe von Angriffskriegen des undemokratischen Napoleon, und ideologisch gefeiert wurde die allgemeine Wehrpflicht am lautesten von den totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts. Eine demokratische Errungenschaft ist die allgemeine Wehrpflicht im 19. Jahrhundert fast nur in der Schweiz geblieben; in Preußen und in anderen Ländern hat sie die Expansionsgelüste der Machteliten befriedigt und zu einer Militarisierung der gesamten Gesellschaft geführt. Diese Militarisierung hat die Mentalität der Einwohner verändert, mit größtenteils schrecklichen und in Österreich auch manchmal mit komischen Zügen. Wie ein Straßenkehrer einen Unterstraßenkehrer wegen unvorschriftsgemäßen Grußes gestellt hat, ist in der Fackel nachzulesen.

Österreich-Ungarn hat sich, wie so oft bei gesellschaftlichen Veränderungen, auch in dieser Sache lange Zeit gelassen und erst 1868 beschlossen, alle wehrfähigen Männer einzuziehen - mit zwei Generationen Verspätung. Peter Moeschls Frage "Warum sollte da das kleine Österreich vorpreschen?" ist ein schönes Beispiel für unfreiwillige Komik, da ja Österreich heute wieder sehr viel länger als andere Länder zu benötigen scheint, um die in Europa sinnlos gewordene Wehrpflicht abzuschaffen. Der Grund dafür liegt wohl hauptsächlich in der weitverbreiteten Denkfaulheit, in einer Denkblockade, in der auch einige sonst Vernünftige, auch in meinem Freundeskreis, befangen sind. Verständlich war das Misstrauen alter Sozialdemokraten gegen ein von christlichsozialen Offizieren geführtes Berufsheer. Unverständlich bleibt, dass dieses Unbehagen die furchtbaren Erfahrungen der Österreicher mit der allgemeinen Wehrpflicht in den öffentlichen Debatten in den Hintergrund gedrängt hat.

Nach dem Ende des Kalten Krieges musste jedem Interessierten klar sein, dass die allgemeine Wehrpflicht für Europäer endlich Geschichte ist. Immanuel Kant als Verfechter der allgemeinen Wehrpflicht heranzuziehen ist ein Witz und vergleichbar mit der abwegigen Kant-Auslegung deutscher Generäle, die ihre Schlächtereienstrategien mit Berufung auf den kategorischen Imperativ rechtfertigten. Aber ich finde nicht nur die meisten österreichischen Argumente für die allgemeine Wehrpflicht lächerlich, sondern halte auch nichts von den Argumenten einiger Befürworter des Freiwilligenheeres, die von österreichischen Elitetruppen für eine europäische Armee oder gar von einem Beitritt zur Nato träumen, und muss Wolfgang Kochs überzeugende Argumente (Standard, 1. 12.) jetzt nicht wiederholen.

Die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung hat, wohl wegen ihrer Erinnerungen an die Schrecken der allgemeinen Wehrpflicht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, inzwischen eine militärskeptische Einstellung, was den Boulevard-Zeitungen bekannt ist. Und Historiker sagen, Landschaft, Kultur und Neutralität seien die Grundpfeiler des österreichischen Nationalstolzes. Ich finde dieses Faible der Österreicher für militärische Neutralität sympathisch, und die Politik ist aufgefordert, bessere Konzepte zu entwickeln, wie man mit einer mehrheitlich pazifistischen Bevölkerung eine sinnvolle Rolle in der EU und international findet.

In der bisherigen Debatte um die Wehrpflicht wurde von warnenden Beispielen aus anderen Ländern berichtet, die den Übergang zum Berufsheer bedauerten. Die angeblichen und tatsächlichen Schwierigkeiten einzelner Länder mit Berufsarmeen wurden besprochen, weniger die grässlichen Zustände in manchen Wehrpflichtarmeen und auch nicht zum Beispiel die funktionierende 10.000 Mann starke Freiwilligen-Armee Irlands. Auch die Iren wollen nicht der Nato beitreten, auch zum irischen Selbstverständnis gehört der aus ihrer Geschichte verständliche Wunsch nach der Freiheit, sich militärischen Beistandswünschen zu versagen.

Es wäre erfreulich, würde ein österreichischer Brigadier seine Dienstzeit am Schreibtisch dafür nützen, ein Konzept zu entwickeln, wie Österreich ein vorbildliches Sanitätskorps organisieren könnte, das sich im Kriegsfall (auf Wunsch der Uno) im großen Maßstab um Verwundete und Vertriebene kümmern könnte. Das wäre doch eine schöne Aufgabe für das österreichische Militär: eine Truppe von Chirurgen und ärztlichem Personal zu schaffen, die schnell zu sogenannten Kriegsschauplätzen und Katastrophengebieten gelangt, aber nicht, um zuzuschauen, sondern um den Verwundeten und Vertriebenen zu helfen. Das wäre eine Art Katastrophenschutz, den nur ein gut organisiertes Militär leisten könnte, und natürlich wäre es auch für manche Katastropheneinsätze im Inland bestens geeignet. Wenn Österreich international ein bisschen anerkannt ist, verdankt es dies am wenigsten seinen Generälen und Soldaten. Eine große Sanitätereinheit, mit freiwilligen Ärzten und Ärztinnen, mit Schwestern und Pflegern und einer freiwilligen, gut ausgerüsteten Truppe, die sie und ihre Patienten beschützt, wäre ein besseres Ziel österreichischer Militärpolitik als die Hoffnung, dereinst als letztes Glied einer europäischen Elitetruppe die Öl- und Gas-Pipelines zu verteidigen.

Seit ich denken kann, halte ich die allgemeine Wehrpflicht für eine getarnte Fortsetzung der Sklaverei, fürchte aber, in Österreich werden noch Jahrzehnte vergehen, bis diese einem freien Menschen unwürdige Institution auch hier abgeschafft wird. (Gerald Krieghofer, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

 

Gerald Krieghofer (59), Literaturwissenschaftler und Philosoph, lebt als freier Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

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