Feuerwehr-Chef: "Auch Pioniere können Schnee schaufeln"

Interview14. Dezember 2012, 18:22
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Albert Kern über gemeinsame Einsätze mit dem Heer bei einem Wegfallen der Wehrpflicht und die Nachteile, die seine Leute für ihre Hilfe ständig in Kauf nehmen.

STANDARD: Wenn sich das Wahlvolk im Jänner für ein Berufsheer entscheidet: Wäre das für den Katastrophenschutz eine Katastrophe?

Kern: Eine Katastrophe wäre es nicht. Für uns ist nur wichtig, dass bei Einsätzen die bisher gute Kooperation mit dem Heer erhalten bleibt. Heißt: Im Ernstfall brauchen wir primär Pioniereinheiten und Flugunterstützung - und damit meine ich nicht die Abfangjäger, sondern die Hubschrauber.

STANDARD: Das Modell von Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) sieht für den heimischen Krisenfall 12.500 Soldaten vor - genügend Mannstärke?

Kern: Diese Zahl ist ausreichend. Denn bei unseren Katastrophen - etwa den Vermurungen in der Steiermark - haben wir meist 200 bis 400 Soldaten pro Tag mit vor Ort - ansonsten stehen sich die Einsatzkräfte ja mitunter gegenseitig im Weg. Bei einem großflächigen Super-Mega-GAU - wenn etwa das halbe Donauland überschwemmt wäre - würden freilich entsprechend mehr Soldaten gebraucht, aber das sind Ausreißer.

STANDARD: Kritiker des Bundesheeres meinen, dass die Präsenzdiener bei Katastrophen ohnehin bloß zum Schlamm- oder Schneeschaufeln eingeteilt werden. Würden die Burschen bei einem Wegfall der Wehrpflicht nicht fehlen?

Kern: Eigentlich nicht, wenn wir militärische Unterstützung durch professionell ausgebildete Spezialisten kriegen. Denn ich gehe davon aus, dass auch Pioniere Schnee schaufeln können. Letztlich geht es nicht darum, wie viele Leute vor Ort sind, sondern wie viel fachliche Kapazität.

STANDARD: Angeblich erledigt die Feuerwehr 90 Prozent der Katastropheneinsätze - warum nicht gleich alle übernehmen?

Kern: Nicht nur angeblich 90 Prozent - das ist so! Neben kleinen lokalen Ereignissen wie einem Hausbrand sind wir ja auch bei Großeinsätzen - also den restlichen zehn Prozent - meist die Ersten vor Ort, die Hilfe leisten. Aber auch auf uns kommen ständig neue Herausforderungen zu, beim Gefahrengut etwa. Unter den jetzigen Voraussetzungen können wir also nicht komplett auf externe Unterstützung verzichten - das wäre mir auch zu riskant.

STANDARD: Sie stoßen sich aber sehr wohl daran, dass nach Darabos' Plänen die Soldaten entsprechender Kompanien für zwei Wochen Katastropheneinsatz eine Prämie bekommen sollen?

Kern: Konkret fühlen wir uns wegen jenes Vorhabens unter Druck gesetzt, wonach jene, die sich freiwillig zum Milizdienst melden, für einen Katastropheneinsatz 5000 Euro kriegen sollen. Wenn dann der freiwillige Feuerwehrmann oder die -frau Seite an Seite mit militärischen Freiwilligen arbeiten soll, befürchten wir Probleme. Da könnte Missstimmung entstehen, wenn die einen gratis arbeiten und die anderen Geld dafür bekommen. Es könnte sein, dass dann viele Feuerwehrleute sagen: "Gut, dann machts gleich alles ihr, wir gehen nicht mehr hin!"

STANDARD: Welche Nachteile müssen Feuerwehrleute für ihre Einsätze sonst in Kauf nehmen?

Kern: Wenn ein Feuerwehrmann vom Arbeitsplatz wegbleibt, braucht er dafür eine Genehmigung vom Arbeitgeber. Manche müssen dafür Urlaubstage nehmen, andere haben die Vereinbarung, dass sie das Fernbleiben hereinarbeiten. Ob ihr Kommen bei einem Großeinsatz spontan funktioniert, ist daher für uns oft die große Frage. Wir brauchten also Unterstützung für die Arbeitgeber, dass sie unseren Leuten für Großeinsätze freigeben. Damit meine ich gewaltige Naturkatastrophen, nicht Standardeinsätze wie Verkehrsunfälle oder Brände, die an einem Tag erledigt sind.

STANDARD: Sie fordern also staatlichen Zuschuss für die Arbeitgeber, damit für die Feuerwehrleute unter ihren Beschäftigten im Fall der Fälle Entgeltfortzahlung garantiert ist?

Kern: Ja, denn damit könnten wir über ein Rotationssystem auch besser auf unsere Leute zurückgreifen. Wir möchten bei Katastropheneinsätzen pro Mann ein, zwei Tage Freistellung samt Entgeltfortzahlung. Damit kämen wir bei einem großen Vorfall 14 Tage lang gut über die Runden.

STANDARD: Haben Sie sich schon entschieden, wo Sie am 20. Jänner Ihr Kreuz machen - beim Berufsheer oder der Wehrpflicht?

Kern: Ich habe mich entschieden - aber das verrate ich hier nicht, weil wir uns nicht in die politische Diskussion einmischen. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

ALBERT KERN (55) wurde vergangenen September zum Präsidenten des Bundesfeuerwehrverbandes gewählt - und steht seither den rund 340.000 Mitgliedern in Österreich vor. Seine Hauptaufgabe ist es, die einzelnen Landesverbände zu koordinieren, die jeweils andere gesetzliche Regelungen haben. Seit seinem 15. Lebensjahr ist der Südsteirer Feuerwehrmann

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    Einsatzbesprechung der Feuerwehr nach einem Murenabgang: Die Freiwilligen fordern bei großen Katastrophen Freistellung von ihren Arbeitgebern samt einheitlichem Entgelt - die SPÖ will sich in der Koalition nun dafür starkmachen.

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