Geizhälse sind gar nicht geil

14. Dezember 2012, 17:52
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"Frohe Weihnacht, Mr. Scrooge!" im Theater der Jugend

Wien - Mit dünnem Hauptgefieder und krächzender Stimme hockt Ebenezer Scrooge auf seinem Tresor wie ein Geier auf einem frisch eroberten Gnukadaver. Seine ganze Liebe gilt dem Zaster, seine Verachtung den Armen und ihren Weihnachtsfreuden. Dieses Jahr wird er jedoch nachts unheimlichen Besuch erhalten und erkennen müssen, dass Geld und Glück zwei grundverschiedene Paar Stiefel sind. Wie das genau passiert, können Kinder ab sechs Jahren in Frohe Weihnacht, Mr. Scrooge! erleben.

Markus Emil Felkel inszeniert Charles Dickens' altbekannte Weihnachtsgeschichte für das Theater der Jugend in einer von Direktor Thomas Birkmeir signifikant veränderten Fassung. Brauchte es im Original noch drei Geister, um den Geizkragen Scrooge (Bernhard Dechant, wunderbar) seine Verfehlungen vor Augen zu führen und ihn so zu bekehren, stemmt diese Aufgabe nun ein androgyner Kraftlackel namens Johnny Karma im Alleingang: Mathias Schlung als Andrea Berg auf Steroiden.

Trotz dieser und anderer Adaptionen wird das Märchen jedoch nicht krampfhaft auf gegenwärtig getrimmt. Der Zauber einer vergangenen Zeit mit ihren hohen Zylindern und spitzen Schreibfedern bleibt erhalten, zugleich gibt es im Renaissancetheater genügend Action und Effekte, um die jungen Zuschauer für nahezu zwei Stunden zu fesseln.

Andreas Lungenschmids vorwiegend schwarz-weiß gehaltenes Bühnenbild erinnert mit seinen kantigen Schrägen an den expressionistischen Stummfilm, die Kostüme von Polly Matthies verleihen vielen Figuren cartoonhaften Charakter und erlauben erstaunliche Verwandlungen.

Auf Grusel folgt Kitsch

Mit dem überaus großzügigen Einsatz von Nebelmaschinen bringt das wandlungsfähige Ensemble erst eine gehörige Portion Grusel und später, wenn der geläuterte Raffzahn vor der Tür seiner Jugendliebe steht, auch eine ordentliche Ladung Kitsch auf die Bühne. Und wann wären derart große Gefühle bitte schön angebrachter als zur Weihnachtszeit? (Dorian Waller, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

Bis 26.1.

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