Ortlechner: "Wir sind nicht die Holzfüße der Liga"

Interview | Christian Hackl
14. Dezember 2012, 18:10
  • Der Oberösterreicher Manuel Ortlechner hat die Austria im Laufe der 
Jahre "lieben gelernt". Als Kapitän ist er "sehr stolz" auf die 
Leistungen der Mannschaft. "Wir sind mehr als die Summe einzelner 
Teilchen."
    foto: dapd/punz

    Der Oberösterreicher Manuel Ortlechner hat die Austria im Laufe der Jahre "lieben gelernt". Als Kapitän ist er "sehr stolz" auf die Leistungen der Mannschaft. "Wir sind mehr als die Summe einzelner Teilchen."

Austrias Kapitän macht sich Gedanken über die hässlichen und die schönen Seiten des Fußballs - Christian Hackl fragte nach

Standard: Befinden Sie sich in der besten Phase Ihrer Karriere?

Ortlechner: Es ist nicht nur meine beste Phase, das gilt für den gesamten Kader. Die Austria hat noch nie mehr Punkte geholt.

Standard: Stört die Winterpause?

Ortlechner: Nein. Wir wollen am Sonntag das Spiel gegen Sturm Graz positiv über die Runden bringen. Danach werden wir alle tief Luft holen und durchschnaufen. Im Februar starten wir mit neuen Kräften und altem Willen.

Standard: 45 Punkte aus 19 Partien, die meisten Tore erzielt, die wenigsten erhalten, seit neun Runden ungeschlagen, sieben Zähler Vorsprung auf Salzburg und Rapid. Dabei ist der Kader relativ unverändert geblieben, okay, Philipp Hosiner ist dazugekommen. Was ist mit der Austria in den vergangenen Monaten passiert?

Ortlechner: Es hat ein großes Feintuning stattgefunden. An vielen kleinen Rädchen wurde gedreht und geschraubt. Es müssen die richtigen gewesen sein. Früher gelang das nicht, aus welchen Gründen auch immer.

Standard: Können Erfolge auch leicht verunsichern? Irgendwann muss ja die Serie reißen. Sind Sie darauf vorbereitet?

Ortlechner: Gott sei Dank sind wir nicht verunsichert. Bei uns herrscht intern eine lockere Konzentration. Das ist eigentlich ein Paradoxon. Auf Niederlagen muss man sich nicht vorbereiten, sie gehören zum Geschäft.

Standard: Es ist schwierig und nahezu sinnlos, Fußballer über die Qualitäten von Trainern zu befragen. Trotzdem: Was macht Peter Stöger besser als andere?

Ortlechner: Es ist generell schwierig, sich über Vorgesetzte zu äußern. Das gilt für alle Berufe.

Standard: Im Fußball ist der Vorgesetze aber meist der Erste, der bei Misserfolgen gefeuert wird.

Ortlechner: Stimmt.

Standard: Was hat Stöger bewirkt?

Ortlechner: Er bringt seine Spieler dazu, das ganze Potenzial auszuschöpfen. Die Gemeinschaft funktioniert, ein Mannschaftsgefüge ist etwas sehr Komplexes, das muss einer erst einmal handlen können. Stöger kann das. Das Anforderungsprofil an einen modernen Trainer ist viel komplizierter, als man glaubt.

Standard: Wie interpretieren Sie Ihre Rolle als Kapitän?

Ortlechner: Die Hierarchie ist bei uns sehr flach, ich mache mich nicht großartig wichtig. Natürlich kommuniziere ich mit dem Trainer, wir schätzen einander. Ich versuche mich für die Mitspieler einzusetzen, da geht es um organisatorische Dinge, ich bin oft das Sprachrohr. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft, in dieser Truppe stecken keine großen Egos, das zeichnet sie aus. Wir sind mehr als die Summe einzelner Teilchen.

Standard: Sie sind seit dreieinhalb Jahren bei der Wiener Austria. Wie tickt dieser Klub? Was war die größte Umstellung?

Ortlechner: Ich dachte, ich komme zu einem Großklub, wo alles anonym abläuft. Das war überhaupt nicht der Fall. Ich habe den Verein lieben gelernt, alle Leute sind zugänglich, vom Zeugwart bis hin zum Präsidenten. Der eingeschlagene Weg in der Nach-Stronach-Ära ist ein sehr sympathischer. Unter Stronach war die Austria nicht nur mir unsympathisch. Jetzt kann ich jedem jungen Spieler nur empfehlen, zur Austria zu gehen.

Standard: Historisch gesehen ist die Austria jene Mannschaft, der immer der schönste Fußball zugeordnet wurde. Derzeit ist das der Fall, die Konkurrenz bestätigt diesen Eindruck. Ist Ästhetik eine Vorgabe seitens des Vereins?

Ortlechner: Ja, ganz klar, das ist die Philosophie. Offensiv, attraktiv und natürlich erfolgreich. Wir sind nicht die Holzfüße der Liga.

Standard: Ein Innenverteidiger fühlt sich in einer offensiven, spielerischen Mannschaft wohler?

Ortlechner: Ja. Das entspricht meinem Typus. Ich bevorzuge spielerische Lösungen, meine Passquote liegt in aller Bescheidenheit bei 95 Prozent, ich kratze am Hunderter. Das passt zur Austria. Ich begehe kaum Fouls.

Standard: Sie haben sich selbst immer gut eingeschätzt. Was kann Ortlechner, was kann er nicht? Fürs Ausland hat es nicht gereicht.

Ortlechner: Was ich kann, sollen andere beurteilen. Ich rede lieber über meine Schwächen. Früher war ich vielleicht zu brav. Und jetzt werde ich halt nicht mehr jünger. Aber ich lebe wie ein Profi. Ich wollte nie um jeden Preis ins Ausland, es gab nie ein vernünftiges Gesamtpaket.

Standard: Im heutigen Fußball herrscht ein gewisser Jugendwahn. Spüren Sie einen Generationskonflikt, bleiben die Älteren übrig?

Ortlechner: Nein, es liegt an jedem Einzelnen, was er aus seiner Rolle macht. Ich darf und will die Jungen nicht belächeln. Ich verstehe mich auch mit 18-Jährigen ganz gut, obwohl die wirklich jung sind. In gewissen Belangen ist es eine andere Welt, aber das ist nicht zuletzt mangels Alternativen zu akzeptieren. Als ich jung war, verspürte man vor den Älteren Ehrfurcht und Respekt. Das ist nicht mehr der Fall, die Burschen heutzutage sind rotzfrech. Ich sage das wertfrei.

Standard: Was empfinden Sie, wenn Sie im Fernsehen Barcelona schauen? Bekommt man als österreichischer Ligaspieler Minderwertigkeitskomplexe? Betreiben Messi und Co einen anderen Sport?

Ortlechner: Ich bin Fan von Real Madrid. Trotzdem ist Barcelona das beste Team der Welt. Es gibt nichts Schöneres, als ihnen zuzuschauen. Die beherrschen den aktuellen Trend im Fußball bis zur Perfektion. Was die machen, versucht jeder Verein zu imitieren. Es gelingt aber keinem. Das ist wunderbar und faszinierend. Die ziehen ihre Philosophie bis hin zu den Kleinen gnadenlos durch - und wirken dabei bescheiden.

Standard: Ist Fußballer ein Traumberuf?

Ortlechner: Ja, nach wie vor, sofern man gerne Fußball spielt.

Standard: Der Fußball hat auch hässliche Gesichter. Das Gewaltpotenzial auf den Rängen nimmt in ganz Europa eher zu, Ausschreitungen und rassistische Vorfälle sind an der Tagesordnung.

Ortlechner: Natürlich macht einen das betroffen. Es wäre zu einfach und zu billig, zu sagen, dass der Fußball nur ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Auf den Rängen spielt es sich oft noch ärger ab. Ich tausche mich mit den Fans aus, suche nach Antworten, finde nicht immer welche.

Standard: Gerade die Austria, ein Verein mit jüdischer Tradition, hat Probleme mit rechtsextremen Anhängern.

Ortlechner: Das kotzt mich an, das kotzt mich wirklich an. Ich habe viele Freunde in der Musikszene mit jüdischen Hintergründen. Sie sind Austria-Fans durch und durch. Aber viele wechselten von der Osttribüne in Richtung Nord - weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Da möchte ich mich am liebsten übergeben.

Standard: Es heißt, Fußballer sind Vorbilder. Müsste diesbezüglich nicht mehr geschehen? Müssten sie lauter werden? Oder wäre die neue Generation damit überfordert?

Ortlechner: Man muss als Fußballer für Ideale eintreten, zumal die Zeiten immer oberflächlicher werden. Wir bekommen Plattformen zur Verfügung gestellt und sollten diese für vernünftige Worte nützen. Mir wäre lieber, es gäbe von den Rängen nur Support für die eigene Mannschaft - und kein primitives Bashing des Gegners, das sind negative Energien. Wahrscheinlich kann der Ortlechner das nicht ändern. Schade.

Standard: Worum geht es im Fußball?

Ortlechner: Ums Teamwork.

Standard: Wer wird Meister?

Ortlechner: Der, der am Ende die meisten Punkte hat, ist zwar die richtige, aber doch eine blöde Antwort. Nach der Papierform wird Salzburg Meister, wobei das Papier eingerissen ist. Ich hätte auf meiner Autogrammkarte gerne etwas Gescheites draufstehen, sie ist ziemlich leer.

Standard: Was planen Sie für die Zeit nach der Karriere?

Ortlechner: Ich habe das Gefühl, dass der Job mich findet. (Christian Hackl, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

Manuel Ortlechner (32) wurde am 4. März 1980 in Ried im Innkreis geboren. Er begann seine Karriere bei der SV Ried, wechselte 2004 zu Pasching und 2007 zu Austria Kärnten. 2009 wurde er von der Wiener Austria verpflichtet, sein Vertrag gilt noch zweieinhalb Jahre. Er ist Kapitän und verteidigte achtmal für das Nationalteam.

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Peter Stöger

hat sich den Ruf gemacht aus mittelmäßig motivierten Spielern, eine winnertruppe zu machen, das ist weder leicht noch einfach,
Und so ein Trainer kostet natürlich.

Ortlechner: "Wir sind nicht die Holzfüße der Liga"

Naja, ich hab das Match gegen Sturm gesehen und dann später Barca : Atl. Madrid !!!
Da brauchts jetzt nicht noch mehr zusätzlichen Kommentar !!!

Wenn man mit 10 Mann einen "Angstgegner" mit 3:1 vom Feld putzt muss man halt kompromisslosen Fußball spielen.

Mit 11 Spielern wäre Sturm wohl erst richtig untergegangen.

Lesen

Er sagt: "Wir sind nicht die Holzfüße der LIGA" und nicht "Wir sind nicht die Holzfüße EUROPAS"!

Sympatisches Interview

Und immer wieder ist es skandalös wie wenig die Austria gegen den rechten Dreck namens UST und deren Schoßhunde namens Fanatics unternimmt.

Respekt für die kritischen Aussagen, Hr. Ortlechner!

ortlechner hat sich zu einem soliden spielstarken verteidiger entwickelt. als kapitän ist er mir aber in seiner art zu weichgespült, in der öffentlichkeit (diverse society events) repräsentiert er einen männertypus den ich auf eine ebene mit johannes b. kerner oder reinhold beckmann stellen würde, das sind alles keine richtigen männer sondern in die jahre gekommene burschen.

wenn sie wahre männer suchen, warum auch immer, sollten sie einmal nach mattersburg schauen...evtl werden sie dort glücklich.

Trotz Wiederholungsgefahr: Das ist ein sehr herzeigbares Interview. Man könnte ergänzen: "Wir sind nicht die Holzfüße und schon gar nicht die
Holz k ö p f e der Liga". Bravo, weiter so, und morgen noch ein Dreier zum Abschluss und im Februar einer zum Auftakt, dann passt es schon!
Forza famiglia Viola, molto simpatica!

Gruenweiß

Fuer dieses Interview!

fällt mir nicht zum ersten mal positiv auf in einem interview der ortlechner. scheint auch keinen holzkopf zu haben!

Gutes Interview.

...und das soll auch in Zukunft so bleiben.

"Ich hätte auf meiner Autogrammkarte gerne etwas Gescheites draufstehen, sie ist ziemlich leer..."

ad Ortlechner: ein sehr durchschnittlicher Verteidiger (für Ö Verhältnisse) mit einem guten Musikgeschmack und einen noch viel besseren Draht zu den Medien.

hast Du auch eine BOtschaft jenseits des Musikgeschmackes (der ja individuell unterschiedlich sein dürfte) mitzuteilen? Er weiss wenigstens, wo seine Schwächen liegen.

wollen wir nicht ein bißchen über das spiel deiner rapid in wr. neustadt heute reden? vielleicht mit einem wort über die tollen rapid-verteidiger?

"und einen noch viel besseren Draht zu den Medien"

Die Deutschkurse beim AMS sind auch nicht mehr das was sie mal waren...

LOL

"ein sehr durchschnittlicher Verteidiger (für Ö Verhältnisse) "

Na Sie haben echt Ahnung, wer ist denn nun ein guter Verteidiger in der Ö Liga, der Chef der IV beim Tabellenführer, welcher die wenigsten Tore erhalten hat ist ja anscheinend nur Durchschnitt.

Also wer sind die "Guten"?

seiner meinung nach natürlich die rapidler, die austria hat ja keine guten spieler sondern nur glück und unterstützung der schiedsrichter ... ;)

Draht zu den Medien?...red ma am Montag weiter !

Tatsache ist, dass Ortlechner einer der Kopfballgefährlichsten Verteidiger der Liga ist...der schon mal im St.Hanappi einem Spieler im gegnerischen (!) Strafraum den Ball abnehmen kann...und das 0:1 einleitet !
Gegen Sonnleitner & Co....hält er jedem Vergleich stand !
Was den Musikgeschmack anbelangt....sind wir einer Meinung :-)

Die mediale Austrialastigkeit is scho a wahnsinn, gellt? ;)

nettes interview!

ich glaub der ortlechner ist ein guter! scheint reflektiert zu sein, und hat auch noch einen schmäh! fand seine letzte antwort sehr schön! und auch die frage über seine qualitäten sehr cool beantwortet!!

der orti is einfach einer von uns, forza viola

respekt

vor dem menschen ortlechner und auch vor seinen defensiven künsten.
wünsche ihm und uns für 2013 endlich das langersehnte

ja,ja

ihr schafts diese saison eh den einstieg in die runde 3 der el-quali

beim orti...

hat man echt das gefühl das das gesagte von herzen kommt und das er echt ein leiwander mensch ist. der ideale kapitän.

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