Von Morsis Tinte und Kairos Schriftstellern

14. Dezember 2012, 18:06
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Kulturschaffende und Intellektuelle waren in Ägypten bei der Revolution von Anfang an dabei. Auch zum Verfassungsreferendum lassen ihnen die politischen Konflikte keine Ruhe

Die Räumlichkeiten des Dar-Merit-Verlags, der seit 1998 trotz aller Zensur junge Autoren genauso wie Alaa al-Aswani verlegt, liegen einen Block vom Tahrir-Platz entfernt in der Qasr-al-Nil-Straße. Sie wurden während der Revolution zum Lazarett, Rückzugsraum, zur Kantine: vom Verlagsbüro zum logistischen Stützpunkt der Revolution. Ahdaf Soueif, die Kartografin der Landkarte der Liebe, saß mit ihrem Laptop auf dem Tahrir-Platz. Was sie damals der Welt aus dem revoltierenden Kairo postete, wurde unter dem Titel Cairo: My City, Our Revolution als Buch veröffentlicht. Auch Alaa al-Aswani, Zahnarzt und sozialkritischer Romanautor des Jakubijan Baus, demonstrierte schon vor der Revolution in der Kifaya-Bewegung und dann im Jänner 2011 erst recht.

Doch wie sehen Kairos Kulturschaffende die aktuellen Ereignisse, Morsis brachiale Schachzüge im Streit um eine neue Verfassung und die unerhörte Polarisierung der Gesellschaft, die innerhalb weniger Wochen zu erbitterten Konfrontationen führte?

Für die Dichterin Iman Mersal (These Are Not Oranges, My Love) ist es " der Beginn einer Auseinandersetzung, die 15 Jahre überfällig ist". Unter Mubarak hätten die Muslimbrüder floriert und viele soziale Räume besetzt. "Gleichzeitig verfolgte sie Mubarak und brutalisierte sie in seinen Gefängnissen. Ein Opfer zu sein heißt nicht, dass man sich dann nicht selber am Nächstbesten vergreift." Die Verbrüderung zwischen islamistischen und säkularen Demonstranten am Tahrir-Platz vor sechs Monaten gegen den gemeinsamen Feind Shafiq erscheint wie in weite Ferne gerückt.

"Es geht um zwei gegensätzliche politische Entwürfe: entweder einen Staat, den sich eine Gruppe, die Muslimbrüder, zu eigen macht und nach ihren Vorstellungen modelliert. Oder einen Staat, der für alle da ist", sagt der Schriftsteller und Journalist Haytham El-Wardani, auch er von Dar Merit verlegt. "Die Muslimbrüder vertreten einen ernst zu nehmenden Teil der Bevölkerung und sind eine gewichtige politische Bewegung. Aber sie verhalten sich so, als ob sie die einzige Kraft wären und alle anderen nur Komparsen. Der Präsident stellt sich über das Gesetz. Seine Partei schickt ihre Miliz, um unbewaffnete Demonstranten zu vertreiben. Das hat mit einer pluralistischen Gesellschaft nichts tun." Doch er sei optimistisch, "da man gesehen hat, dass der Widerstand etwa gegen Morsis Dekret und Verfassungsentwurf groß war. Und die Opposition um Hamdeen Sabahi, Amr Moussa und ElBaradei tritt vereint auf, auch dies ist neu."

Zum Schreiben komme man derzeit jedenfalls kaum. "man wird dauernd abgelenkt, weil man Teil der Auseinandersetzung ist, ob man will oder nicht".

In der Tinte

Abgesehen vom politischen Konflikt auf nationaler Ebene gibt es Auseinandersetzungen, die nur selten bis Europa durchdringen. So focht die Belegschaft der staatseigenen literarischen Wochenzeitung Akhbar al-Adab bereits 2011 einen Arbeitskampf aus, um ihren Chefredakteur aus der Mubarak-Ära loszuwerden. Nun wurde sie mit einem Muslimbruder als Chefredakteur beglückt, exemplarisch für die schrittweise "Verbrüderung" des öffentlichen Sektors, der die Zeitschrift umzumodeln versucht - und auf den Unmut der Redakteure trifft.

Widerstand regt sich an allen Ecken und Enden, doch Iman Mersal kritisiert auch die Beschränktheit der Jetzt-schon-wieder-Opposition: " Wir waren in den letzten 60 Jahren nicht imstande, unser eigenes Programm, unsere eigenen positiven Visionen zu entwickeln. Ich weiß genau und im Detail, warum ich gegen diese Verfassung bin und was daran auszusetzen ist. Aber ich könnte nicht sagen, was ich mir stattdessen wünschen würde. Wäre Morsi nicht da, ich wüsste nicht, wen oder was ich an seiner statt haben wollte."Auf die Frage, welche Entwicklung sie für die wahrscheinlichste halte, antwortet Mersal bloß: "Das weiß Gott allein. Sollte er ein Anhänger der Muslimbrüder sein, dann sitzt Ägypten für die nächsten dreißig Jahre ziemlich in der Tinte." (Pepe Egger, DER STANDARD, 15.12.2012)

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    Der Tahrir-Platz liegt nur einen Steinwurf von Kairos Galerien, Verlagshäusern, Literatencafés entfernt. Viele Intellektuelle protestierten und sind nun von Mohamed Morsi schwer enttäuscht.

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