Das Pfeifen der Knirpse

Kolumne14. Dezember 2012, 17:04
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Es weihnachtet, das dürfte sich herumgesprochen haben. Dennoch muss in der Gemeinde Wien die Panik umgehen

Es weihnachtet, das dürfte sich herumgesprochen haben. Dennoch muss in der Gemeinde Wien die Panik umgehen, es könnte noch einen Wiener geben, der nichts von Weihnachten gehört hat. Abhilfe tat not und wurde gefunden. Dienstag ergoss sich der "Wiener Adventzauber" besonders intensiv - über die "Kronen Zeitung". Da erschien das Blatt mit einem Deckumschlag, den ein Foto des Rathauses zierte und neben der Verheißung des "Wiener Adventzaubers" die Frohbotschaft: "Entgeltliche Einschaltung". Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Gemeinde in der "Krone" das tägliche Datum entgeltlich einschaltet, natürlich nur, um desorientierten Bürgerinnen und Bürgern auf die Sprünge zu helfen. Selbstverständlich nahm eine zweite Seite die kommunale Mitteilung "Es weihnachtet wieder" auf, mit Angabe der Ursache: "Im Advent verwandeln sich die schönsten Plätze in zauberhafte Weihnachtsmärkte". Dass die Budenzauberhaftigkeit der Wiener Weihnachtsmärkte "die schönsten Plätze" echt verwandelt, weil verschandelt, blieb aus Gründen des "Wiener Adventzaubers" ausgeblendet. Macht nichts, "Wien bietet auch während der Feiertage allen, die sie brauchen, Unterstützung", und der Familie Dichand schon vorher.

Andere müssen sich mithilfe des Nachwuchses im englischen Königshaus in Adventstimmung versetzen. Der Selbstmord einer Krankenschwester, nachdem sie Opfer australischer Scherzbolde geworden war, verschaffte dem regierenden Schwachsinn nur eine kurze Pause. Bereits Mittwoch forderte " Österreich" ebenso gnaden- wie hoffnungslos: "Die schöne Kate ist schwanger! Und eigentlich wollen wir sie strahlen sehen. Und ihr wachsendes Bäuchlein bewundern. Doch" zu blöd aber auch, "vorerst heißt es warten. Der royale Superstar ist indisponiert. Also: nicht salonfähig. Denn der kleine Knirps in ihrem Bauch pfeift auf ihren königlichen Sonderstatus und macht es der schönen Herzogin gerade wirklich nicht leicht". Da ist es beruhigend, von der Gebärerin dieser Betrachtungen zu erfahren: "Ich mache mir aber wenig Sorgen".

Warum auch? Gibt es doch noch den großen "Knirps", der mehr kann, als "in ihrem Bauch" zu pfeifen. "Süß auch, wie sich Prinz Williams Stirn in Sorgenfalten legt. Er kann ja auch nur hilflos zusehen - und maximal seiner Frau die Haare aus dem Gesicht halten, wenn die Übelkeit wieder ihren Tribut fordert". Stimmt nicht, er kann mehr, er kann nämlich auch pfeifen. "Er beweist wieder einmal, dass er aus Liebe auf die alte Schule und auch die Palast-Etikette pfeift". Wenn der Vater "aus Liebe auf die Palast-Etikette pfeift", braucht man sich nicht zu wundern, dass das Baby schon "in ihrem Bauch auf ihren königlichen Sonderstatus pfeift". Wenn die erbliche Pfeiferei Großbritannien nur nicht in eine Republik der pfeifenden Knirpse verwandelt!

Über das Aussehen des "kleinen Knirpses" hat man sich in Wien schon vor Tagen schwere Gedanken gemacht. "So könnte Kates Kind aussehen", schlug "Österreich" vor, noch ehe dieses einen Pfeifton von sich gegeben hatte. "Diese Fotomontage zeigt" - zu sehen war das Porträt eines blonden Gnoms -, "wie das Kind von Kate und William aussehen könnte: eine gelungene Mischung". "Heute", bekannt für seinen Weitblick, hatte am selben Tag dieselbe Idee, was deren Originalität verbürgt. Nur die Ausführung war anders. Das Gratisblatt räumte ein, dass es sich um "Bub oder Mädchen" handeln könnte - "unklar" -, und lieferte daher zwei "via Photoshop" gezeugte Porträts, aber nicht in Blond. Beide Kindsköpfe waren dunkel behaart. - Andere Blattlinie.

Ein schönes Jubiläum konnten die Freiheitlichen in "Zur Zeit" feiern: "1.500 Tage Präsident Martin Graf". Gemeint war: "Der dritte Nationalratspräsident ist seit 1.500 Tagen im Amt". In dieser Zeit und Funktion hat er es weit gebracht. "Martin Graf ist für die sich als weltoffen bezeichnende Clique, die unter dem Titel "Zivilgesellschaft" in breiten Teilen der Medien willige Verstärker gefunden hat, ein Reibebaum". In richtiger Einschätzung dessen, worin der Wert eines parlamentarischen "Reibebaums" besteht, heißt es: "Das steigert zwar nicht sein Image bei der breiten Masse, läßt ihn jedoch innerparteilich zum Symbol jener neuen Standfestigkeit werden, welche die FPÖ seit der Obmannschaft von HC Strache zurückgewonnen hat".

Ein Dritter Nationalratspräsident als innerparteiliches Symbol rechtsextremistischer Standfestigkeit "ist mehr als ein Erfolg gegen die Medienlandschaft" - wer hat ihn einstimmig gewählt? (Günter Traxler, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

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