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Kaum einer prägte die spanische Literatur seit den 1950er-Jahren in vergleichbarem Ausmaß, ohne dabei international Beachtung zu finden.
Er geht an die Grenzen des sprachlich Möglichen und stürzt sich fast religiös in seine Beschäftigung mit Erinnerungen, dem Vergessen und der Ungewissheit, die das noch Kommende in sich birgt. Der Dichter José Manuel Caballero Bonald, 1926 in der südwestspanischen Sherry-Wiege Jerez de la Frontera geboren, verfasste bis 1992 eine Handvoll Novellen wie Campo de Agramante, um sich dann vollends auf seine Leidenschaft, die Poesie, zu konzentrieren.
Der 86-jährige Poet, der in Cádiz Nautik und Astronomie sowie spanische Literatur und Philosophie in Sevilla studierte, verbrachte viele Jahre als Universitätsprofessor im kolumbianischen Bogotá, in den USA und auf Kuba. "Die Poesie ist eine Mischung der Musik und der Mathematik", ist Caballero Bonalds Überzeugung, und so ist er stets bedacht, Bedeutung und Klang seines umfassenden Vokabulars penibel zu takten. Nicht zuletzt darum ist er in seiner perfektionistischen Sprache und Melodik aus dem Spanischen kaum übersetzbar, und so ist sein OEuvre abseits Iberien und Lateinamerika kaum bekannt.
"Weil das Gestern ist nur eine Grabinschrift, damit das Morgen niemals für immer währen wird." Einer von knapp 3000 Versen seines autobiografischen Werks Entreguerras - De la Naturalezza de las Cosas (2012; dt. Zwischenkriege. Über die Natur der Dinge), das in Anlehnung an den römischen Philosophen Lucretius geschrieben wurde. Zugleich ist das Buch eine Ode an das Leben, offenbart doch Caballero Bonald darin " alle seine Erlebnisse", Reisen, Bekanntschaften, aber auch seine Eskapaden in die Gedankenwelt und tiefe Reflexionen über die Poesie und Sprache.
So ist er selbst davon überzeugt, dass das Opus einen "Meilenstein" der spanischen Poesie darstelle, und die überwiegende Mehrheit der Kritiker gibt ihm recht. Satzzeichen benötigte er für dieses, wie er in einem El-País-Interview sagt, "letzte Werk, denn er habe nicht mehr das Bedürfnis zu schreiben", abseits von Frage- und Ausrufezeichen keine.
Als eine der gewichtigsten spanischen Literaturstimmen der "Generation der 1950er-Jahre" wird Caballero Bonald bezeichnet. Es war damals eine erste Phase behutsamer Öffnung der faschistischen Diktatur Francos nach dem gewonnenen Bürgerkrieg (1936-1939). Zugleich ist es ein Schubladisieren, gegen das sich Caballero Bonald stets sträubte: "Das Einzige, was jene Gruppe gemein hat, ist ihre Affinität zum Alkohol und ihre Aversion gegen das Franco-Regime."
Verordnetes Vergessen
Dennoch zählt er heute mit Antonio Gamoneda oder Juan Goytisolo zu den wenigen überlebenden Literaten, die wie Caballero Bonald, der zweimal verhaftet wurde und einen Monat im berüchtigten Carabanchel-Gefängnis Madrids verbrachte, im intellektuellen Widerstand der Ära aktiv waren. Meist waren es jedoch massive und permanente Ausschweifungen, die die Leben seiner Freunde Ángel González, Carlos Barral oder Claudio Rodríguez - ein illustrer Kreis, der sich im Februar 1959 in Collioure, dem Post-Bürgerkriegs-Refugium für republikanische Intellektuelle an der spanisch-französischen Grenze versammelte -, früh beendeten.
Und auch Caballero Bonalds Memoiren in zwei Teilen, La costumbre de vivir (1995, dt. Die Gewohnheit zu leben) und Tiempo de guerras perdidas (2001, dt. Die Zeit der verlorenen Kriege) enden abrupt mit dem Tod des Caudillo Franco (1975) und der Transition genannten Übergangsphase um 1977. Ein Prozess des verordneten Vergessens, der Caballero Bonald tief erzürnte.
Für sein Lebenswerk erhielt Caballero Bonald Ende November den renommiertesten Preis der spanischen Literaturwelt, den Premio Cervantes. Seit Längerem zählte er zum engsten Favoritenkreis für den mit 125.000 Euro dotierten Lorbeer, der stets am 23. April, dem Todestag Miguel de Cervantes, überreicht wird. Wie keinem anderen gelang es Caballero Bonald die spanischen Kritikerpreise mit Gedichtbänden wie Las horas muertas (1959, dt. Die toten Stunden) und Descrédito del héroe (1977, dt. Der Misskredit des Helden), aber auch einem Roman, Ágata ojo de gato (1974, dt. Achatgrünes Katzenauge), zu gewinnen, nebst den Staatspreisen für beide Genres (2005, 2006).
Einzig in die Königliche Akademie der spanischen Sprache hat man ihn nicht aufgenommen. Dort will er ohnehin nicht mehr Platz nehmen. (Jan Marot, DER STANDARD, 15./16.12.2012)
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