Pflicht- und Mitgefühl: "Gutmenschen"-Arbeit

Martina Madner
14. Dezember 2012, 17:08
  • Die Motive in sozialen Einrichtungen zu arbeiten sind andere als jene von Mitarbeitern in gewinnorientierten Unternehmen.
    foto: apa/hochmuth

    Die Motive in sozialen Einrichtungen zu arbeiten sind andere als jene von Mitarbeitern in gewinnorientierten Unternehmen.

Wenn der Inhalt der Arbeit hohe Bedeutung hat - höhere als Ruhm und Reichtum - Arbeit in der Notschlafstelle der VinziRast

Christian Spiegelfeld, Geschäftsführer des CortiHauses, einer Notschlafstelle für Obdachlose von VinziRast, ist gegen fünf am Abend bereits auf dem Sprung zur Akkordeon-Stunde. Zwei der Ehrenamtlichen, erst Klaus Steiner, dann Heidi Mandl, trudeln gerade ein - noch ist Zeit, die Notschlafstelle öffnet ihre Pforten um halb sieben. Kurz nimmt sich Spiegelfeld noch Zeit dafür, zu erklären, wie es dazu kam, dass er als Nochwerbeagenturleiter hier arbeitet.

2005, zwei Jahre nach der Gründung des Trägervereins "Vinzenzgemeinschaft St. Stephan", landete bei Spiegelfelds Werbeagentur ein Spendenaufruf. Dem kam er zweimal nach, es blieb aber nicht beim finanziellen Engagement. Der Werber übernahm ehrenamtliche Nachtdienste, das passte: "Es ist eine gute Sache und nach einem der Nachtdienste habe ich bemerkt, ich mache etwas, das mich zufrieden macht."

Die Kinder des heute 56-Jährigen waren bereits selbstständig und außer Haus, er ist geschieden, hat keine großen finanziellen Verpflichtungen mehr. Und als man das CortiHaus 2007 um Übergangswohnungen erweiterte, brauchte es einen Ansprechpartner für die Baufirma. Spiegelfeld übernahm das, schraubte das selbstständige Tun als Werber zurück und wurde zum Teilzeitgeschäftsführer der Organisation: "In der Werbung hat man immer nur über das Hilfsmittel Medien Kontakt zu den Menschen." Im CortiHaus ist er ganz direkt da - "zu lieben, zu geschickten, zu teilweise hochgebildeten und künstlerisch tätigen Menschen".

An der Wand von Spiegelfelds kleinem Büro hängen Bleistift-Porträts, die das unterstreichen. Sie bringen aber auch allesamt einen Rucksack an Problemen mit, haben kein Dach mehr über dem Kopf und müssen hier immer wieder mal essen und nächtigen. Kommendes Jahr gibt es ein zusätzliches Projekt, "Mittendrinn". Dabei wohnen dann Obdachlose gemeinsam mit Studierenden. Spiegelfeld erweitert seine Teilzeit auf Vollzeit, die verbliebene Rumpfwerbeagentur wird dann geschlossen: "Vielleicht ist es eine Frage des Alters, mit 20 hätte das noch nicht zu mir gepasst, heute ist diese Kombination von Öffentlichkeitsarbeit, Organisatorischem und der direkte Kontakt zu den Menschen einfach ideal für mich", sagt Spiegelfeld.

Motivlage und Motivation

Die Motive in sozialen Einrichtungen zu arbeiten sind andere als jene von Mitarbeitern in gewinnorientierten Unternehmen. 150.000 Menschen arbeiten in Non-Profit-Organisationen (NPO), einige im Kultur-, Sport- oder Bildungsbereich, der Großteil davon, zirka 90.000 Personen, sind im sozialen Bereich tätig. Die Mehrheit, 70 bis 80 Prozent, sind Frauen.

Michael Meyer, Professor an der Abteilung für Non-Profit-Management, ist der Motivation dieser Mitarbeiter nachgegangen und hat Führungskräfte im Bereich der sozialen Dienstleistungen von Rettungsdiensten über Pflege und Altersheim bis hin zu Obdachlosenunterkünften mit jenen in klassischen Unternehmen verglichen: "Es sind schon sogenannte Gutmenschen, soll heißen, dass der Inhalt der Arbeit eine ganz hohe Bedeutung hat. Man identifiziert sich in einem weit höherem Ausmaß mit den Zielen der Organisation als in Unternehmen." Die Work-Life-Balance ist in NPOs kaum ein Thema. Dass das Privatleben leidet, wurde Meyer gegenüber kaum geäußert. Auch das Einkommen sei kein relevanter Faktor, bei den Führungskräften ist es mit 100.000 bis 200.000 Euro in sehr großen NPOs mit 1000 Beschäftigten im Vergleich zu gleich großen Unternehmen auch nur halb so hoch. Und in kleinen NPOs erreicht man solche Gehälter bei weiten nicht. Die Anerkennung im gesellschaftlichen Umfeld spiele eine weit größere Rolle. "Problematisch wird es dann, wenn die Belastung zu groß wird, die Wertschätzung aber zu klein ist und wenn das Finanzielle nicht passt", sagt Meyer. NPO-Mitarbeiterinnen sind deshalb auch nicht davon begeistert, wenn man ihre Arbeit mit jener von Ehrenamtlichen gleichsetzt, das spricht ihnen auch die Qualität ihrer Arbeit ab.

Bei VinziRast ist Spiegelfeld der Einzige, der angestellt ist. Das Team in der Notschlafstelle setzt sich aus 30 bis 40 Personen zusammen, die mehr oder weniger regelmäßig hier arbeiten. Heidi Mandl ist 70, war mal Apothekerin, hat später ein Flüchtlingswohnheim geleitet. Heute ist sie fast jeden Tag hier, kümmert sich um die Lebensmittel und Medikamente, macht heute ehrenamtlich ein bis zwei Nachtdienste pro Woche. Als ein kleiner schwarzhaariger Mann klopft und sie breit lächelnd begrüßt, erzählt Mandl: "Das ist mal eine Erfolgsgeschichte, wir haben gesammelt, haben die 120 Euro für die Aufenthaltsbewilligung zusammengebracht. Jetzt hat er sogar ein Zimmer und ist heute nur zu Besuch hier." Wegen solcher Erfolgserlebnisse sollte man die Arbeit aber nicht beginnen, die gäbe es zu selten. Sie selbst bleibt dran, wollte ihre Grenzen kennenlernen, "es darf halt keine Belastung für mich werden". Schwierig sei es schon, wenn man jeden Tag, vor allem an solchen kalten mit Minusgraden wie heute, einige Obdachlose wegen Platzmangels abweisen muss.

"Hat nichts mit Ehre zu tun"

Um kurz vor sechs warten bereits zwei Dutzend Leute im Vorraum aufs Essen. Tina Traun kocht heute "Resteessen", einen Bohneneintopf mit Tomaten und Paprika für 60 Personen. Sie kocht einmal im Monat hier, auch das wird geschätzt: "Sie ist eine außerordentlich gute Köchin", sagt Klaus Steiner. Der Pensionist war früher im Rathaus beschäftigt, hatte da schon in der Stadtplanung mit Bedürftigen zu tun. Jetzt arbeitet er bereits seit sieben Jahren im CortiHaus. Tagsüber geht es um Amtswege, Aufenthaltsgenehmigungen, Zahnbehandlungen und Zahnersatz erschnorren, Arbeits- und Wohnungssuche: "Das kostet Zeit, wenn man 150-mal in die Guglgasse rennt und sudert." Dort ist die Adresse von Wiener Wohnen. Dazu kommen Nachtdienste, "wenn ein Besoffener sich vollgemacht hat, muss man ihn duschen." Manchmal eskaliert ein Streit, gibt es Gewalt, man muss die Polizei holen. Nicht regelmäßig, aber doch.

Steiner kann mit dem Begriff "Ehrenamt" nichts anfangen, will auch nicht mit den "Charityaktionen vor Weihnachten der Society, die eh wichtig sind", nicht in einen Topf geworfen werden: Er macht sie, weil man viele Leute kennenlernt: "Ich hab heute in der ganzen Stadt Bekannte, ein bisserl ist es auch Scham." Obdachlosigkeit, absolute Armut sollte es in einer reichen Stadt wie Wien nicht geben: "Mit Ehre hat das nichts zu tun, das ist harte Arbeit - das ganze Jahr über." (Martina Madner, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

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12 Postings

Soziale Arbeit - egal ob sie von einem qualifizierten Profi , von Personen die aus anderen Bereichen ins soziale wechseln oder ehrenamtlichen - nur dann auf Dauer gemacht werden, wenn man sich damit identifizieren kann.
Sonst scheitert man.
Ich zolle in jedem Fall allen Respekt, denn wegen des Verdienstes macht das niemand und gleichzeitig leistet man Schwerarbeit unter schwierigen Rahmenbedingungen!

2500 brutto ist so schlecht nicht. Insofern schon mittlerweile eine Karrierewahl...

Ich weiss nicht, ob das gut oder schlecht ist, aber von selbstloser Berufswahl mittlerweile eher weiter entfernt. Auch psychosoziale Berufe werden immer mehr eine Möglichkeit der Berufswahl für Junge, die einen verlässlich bezahlten Beruf suchen.

Gutmensch ist ein meist von rechter Seite verwendeter politischer Kampfbegriff und soll einen naiven Menschen bezeichnen, welcher vor lauter "gut" eigentlich nur naive und schlechte Sachen macht.
Dieser Begriff von einen Professor verwendet ist ein Armutszeugniss.

und Dein Mehl auch eines!

Das zeigt nur die Abgehobenheit der Professoren....

...die die richtige Verwendung der Umgangssprache nicht beherrschen!

Es wird aber ganz offensichtlich nicht mit der gleichen Intention verwendet, wie das die Rechte tut, nämlich um altruistische Leute als Naivlinge zu diskreditieren.

Gutmensch wird heute verwendet, um Menschen zu bezeichnen, die für ihre eigenen Bedürfnisse

Irgendwelche sozialen Regeln aufstellen, die grad praktisch für sie selbst sind.... Nur, um sich gut zu fühlen, besser und über den anderen grad nicht in genau der Weise engagierten Mitmenschen stehend.

Das sind Gutmenschen im 21. Jahrhundert...

interessante beschreibung..

ich glaube, da divergieren die meinungen aber gröber. ich finde die beschreibung des vorposters jetzt garnicht SO daneben. im gegensatz zu "soziale regeln [?] aufstellen, die grad praktisch für sie selbst sind... um sich gut zu fühlen ..."

ich persönlich würde "gutmensch" ja als das unwort schlechthin bezeichnen und hatte bisher immer das gefühl, dass es eine negative, abfällige bezeichnung für "soziale veranlagung" bei menschen ist, denen damit übertriebene "scheintoleranz" und sozusagen "weltfremdheit" bzw "realitätsverweigerung" und damit naivität unterstellt wird.

aber mittlerweile findet man dazu ja auch tatsächlich sowas wie "duden" einträge im netz.
http://de.wikipedia.org/wiki/Gutmensch

http://www.gfds.de/index.php?id=112

Also die Beschreibung im wikipedia kommt meinem Verwendungsspektrum schon sehr nahe.

Deutsch ist eine lebende Sprache

und "Gutmenschen" sind für das rechte und schwarze Gesindel heute all jene, denen ihre Mitmenschen mehr bedeuten als ihre eigene Geldbörse.
Können sie tagtäglich in allen Medien nachlesen - bevorzugt in den Foren!

Ehrenamt - einen kleinen Beitrag für eine bessere Gesellschaft zu leisten zu können. Eine wunderbare Sache.

artikel? fail!

1.) ehrenamtliche arbeit ist nicht zu vergleichen mit professioneller sozialer arbeit - auch wenn partizipation wünschenswert ist.
2.) es gibt keine npo´s - es gibt lediglich sozial-profit-organisationen.
3.) wer seine mitarbeiterInnen als "gutmenschen" bezeichnet, ist es nicht wert, zitiert zu werden - schon gar nicht, wenn er selbst ein sozialmanager ist.
4.) vinci lukriert die gelder für unterstützungsmaßnahmen durch spendengelder - der staat, der die probleme verursacht hat, lehnt sich zurück und genießt. neoliberaler shit.

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