Michael Angerschmid: "Ich kann auch schnell grantig werden"

Interview | Tom Schaffer
18. Dezember 2012, 09:50
  • Michael Angerschmid ist der neue Chef der SV Ried: "Ich habe bewiesen, dass ich in der Lage bin, Spieler weiterzuentwickeln."
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    Michael Angerschmid ist der neue Chef der SV Ried: "Ich habe bewiesen, dass ich in der Lage bin, Spieler weiterzuentwickeln."

Die SV Ried und ihr neuer Cheftrainer träumen davon, wieder einen Spieler ins ÖFB-Team zu bekommen und sich etwas vom FC Barcelona abzuschauen

Seit einer Woche ist Michael Angerschmid Cheftrainer der SV Ried. Der 38-Jährige war davor als Spieler und Amateure-Trainer bereits 30 Jahre für den Verein tätig. Im Gespräch mit Tom Schaffer spricht er darüber, was er mit seinem Verein im Chefsessel erreichen will, wie er arbeitet und was sich Ried von seinem Lieblingsklub FC Barcelona abschauen kann.

derStandard.at: Bei der SV Ried gab es in den vergangenen sieben Jahren sechs Cheftrainer. Was war Ihr Argument dafür, dass Sie der Richtige für die nächsten Jahre sind?

Angerschmid: Es gibt seitens des Vereins eine bestehende Philosophie. Man hat immer gesagt, wir holen den, der dazu am besten passt. Ich kenne den Verein von Grund auf und trage diese Philosophie seit sechs Jahren mit. Dabei habe ich auch bewiesen, dass ich in der Lage bin, Spieler weiterzuentwickeln. Ich denke, das hat letztendlich den Ausschlag gegeben.

derStandard.at: Ried ist vor dem Frühjahr fast schon als alleiniges Tabellenmittelfeld einzementiert. Was ist das Kriterium, damit Ihr Vertrag im Sommer langfristig verlängert wird?

Angerschmid: Ich gehe da einmal vom Tabellenplatz weg. Wir haben im Frühjahr ein Pokalspiel gegen den LASK, wo wir unbedingt weiterkommen wollen. Bis zum Cupfinale sind es nur mehr zwei Spiele. Wir haben in den vergangenen beiden Saisonen genossen, wie es ist, dorthin zu kommen. Es geht vor allem um die Entwicklung der Mannschaft. Die Altersstruktur ist sehr jung, da ist natürlich noch Luft nach oben. Wir haben eine Philosophie, junge Spieler weiterzuentwickeln, um vielleicht in einem Jahr einen Teamspieler zu haben oder jemanden, den wir verkaufen können. Wenn wir das schaffen, sind wir, denke ich, auf einem guten Weg.

derStandard.at: Sie sind seit 30 Jahren bei Ried, die Fans waren über Ihre Bestellung sehr erfreut. Die einzige Befürchtung, die man ab und zu hört, ist, dass der Verein ein wenig im eigenen Saft schmort. Gab es in den letzten Jahren Vorstellungen ihrerseits, die sie erst jetzt einbringen können?

Angerschmid: Eigentlich nicht. Seit Paul Gludovatz Trainer war, haben wir hier sehr stark im Team gearbeitet. Ich war schon stark eingebunden. Es ist nicht alltäglich, dass du als zweiter Co- und Amateurtrainer jede Woche viele Dinge im Training machen und dich einbringen kannst. Dadurch kannst du aus jedem Training etwas mitnehmen und lernen. Wir haben uns immer zusammengesetzt, diskutiert und gemeinsam entschieden. Natürlich, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, dann muss der Cheftrainer das letztendlich entscheiden. Diesen Weg wollen wir auch in Zukunft weiterführen. Ich bin niemand, der achtmal in der Woche am Platz steht, und die Co-Trainer stehen draußen und haben nichts zu tun.

derStandard.at: Sie werden neben Gerhard Schweitzer einen zweiten Co-Trainer holen ...

Angerschmid: Darum werde ich mich jetzt nach dem letzten Spiel kümmern. Der wird meinen Part als zweiter Assistenztrainer und Trainer der Amateure übernehmen. Das ist eine sehr zeitaufwendige Position zwischen Amateur- und Profibetrieb, für die du sehr flexibel sein musst. Man lernt dabei gerade als junger Trainer sehr viel, kann da auch einmal etwas ausprobieren, ohne gleich von den Medien eins drüberzukriegen.

derStandard.at: Wird den Job also auch wieder ein eher junger Trainer ausfüllen?

Angerschmid: Ich denke schon. Ich habe den einen oder anderen Namen im Kopf. Aber zuerst muss ich einmal mit den Leuten sprechen. Die Funktion des Amateurtrainers ist bei uns eine sehr wichtige. Das muss eine Vertrauensperson sein, die auch beim Training der Profis öfters dabei ist und die jungen Spieler beim Sprung dorthin begleitet.

derStandard.at: Gibt es eigentlich einen Trainer, den Sie als Vorbild bezeichnen würden?

Angerschmid: Eigentlich nicht. Von jedem Trainer habe ich etwas mitgenommen - durchaus nicht nur positive Dinge, aus den negativen lernt man ja auch. Das habe ich in den letzten Jahren zusammengefügt. Ich wollte nie einen anderen Trainer kopieren, sondern ich selbst sein. Ich will mich nicht für irgendetwas verstellen.

derStandard.at: Würden Sie auch gern im Ausland arbeiten?

Angerschmid: Damit beschäftige ich mich im Moment nicht. Ich muss jetzt einmal ordentliche Arbeit abliefern und am Laufen halten, was wir in den letzten Wochen wieder ganz gut geschafft haben. Es wäre in sechs, sieben, acht Jahren durchaus einmal denkbar. Jetzt wäre es zu früh. Und im Fußball fünf Jahre vorauszuplanen ist eh nicht möglich.

derStandard.at: Wie würden Sie das Niveau der österreichischen Bundesliga im internationalen Vergleich sehen?

Angerschmid: Sie ist nicht so schlecht, wie sie immer gemacht wird. Das höre ich auch immer wieder von Spielern. Ein Stefan Lexa ist zum Beispiel aus der deutschen Bundesliga gekommen und hat dann gesagt: "Eigentlich habe ich nicht erwartet, dass die Liga so gut ist." In Deutschland gibt es halt eine viel größere Masse, und damit steigt natürlich auch die Qualität. Das ist eine logische Sache.

derStandard.at: Apropos Ausland: Haben Sie dort als Trainer schon irgendwelche Erfahrungen sammeln können?

Angerschmid: Im Zuge der UEFA-Pro-Lizenz war ich vor einem Jahr fünf Tage beim FC Sevilla. Für die Lizenz muss man ja eine Präsentation über die Hospitation machen. Dort haben wir die Trainings, Trainingsinhalte, das Trainingsgelände und den ganzen Verein durchleuchtet. Ich habe mir auch ein Amateurspiel und den Nachwuchs sehr genau angesehen, weil mich das interessiert.

derStandard.at: Sie sind ja Barcelona-Fan. Man hört, dass sich Ried da auch etwas abschauen möchte. Was kann das für einen kleinen Verein konkret bedeuten?

Angerschmid: Sich die ganze Struktur anzuschauen würde mich einmal interessieren. Iván Carill war im Nachwuchs dort. Ich habe oft Kontakt mit Oliver Glasner (Ex-Rieder und aktueller RB-Salzburg-Co-Trainer, Anm.), der mit Jonathan Soriano auch einen Spieler hat, der dort an der Quelle gesessen ist. Es gibt also viele Informationen, was einheitliche Spiel- und Trainingsphilosophie bis in den Nachwuchs hinunter betrifft. Das sind durchaus Dinge, die man auch als kleiner Verein mitnehmen kann. Natürlich liegt es auf der Hand, dass wir uns in Österreich nie mit Barcelona vergleichen und so spielen können werden. Das probieren bessere Vereine schon seit Jahren und bringen es auch nicht zusammen.

derStandard.at: Wie würden Sie denn die Rieder Spielphilosophie kurz umreißen?

Angerschmid: Wir wollen immer gut in der Defensive stehen. Dass wir unser Passspiel stark verbessert haben, kommt auch nicht von irgendwo. Es war im Training oft der Schwerpunkt. Wir haben in den letzten Jahren außerdem immer die meisten Flanken in der Bundesliga geschlagen. Das hängt mit dem Kombinationsspiel und der Laufbereitschaft zusammen. Auch körperlich waren wir immer auf einem sehr guten Niveau. In dieser Richtung wird es weitergehen. Wir wollen einen aggressiven Fußball spielen, vielleicht noch mehr gegen den Ball arbeiten.

derStandard.at: Wenn man sich so umhört, gelten Sie bei vielen Leuten als jemand, der ein Spiel gut lesen kann. Wie lernt man das?

Angerschmid: Das kommt einfach. Ich denke, am Anfang haben viele junge Trainer das Problem, dass sie sich zu viel fragen, wo der Ball ist. Das Drumherum kriegt man dann gar nicht so mit. Ich hatte das auch, habe irgendwann begonnen, weniger auf den Ball zu schauen. Ob ich jetzt hinschaue oder nicht: Wenn eine Flanke kommt, dann kommt sie sowieso. Das ist ein Lernprozess und eine normale Entwicklung, wie man sie auch als Spieler nimmt. Wenn ich mich heute mit vor sechs Jahren vergleiche, ist da ein Riesenunterschied.

derStandard.at: Wie viel kann ein Trainer nach dem Ankick noch beeinflussen?

Angerschmid: Nicht mehr sehr viel. Gewisse Dinge kann man korrigieren. Und speziell einer jungen Mannschaft kann man viel helfen durch eine Aggressivität, mit der man sie pusht; auch dadurch, permanent an der Linie Anweisungen zu geben. Die Detailarbeit selbst passiert aber unter der Woche. Wenn die nicht gepasst hat, ist es sehr schwierig, im Spiel zu reagieren.

derStandard.at: Das heißt: Plan A oder B müssen vorher schon festgelegt sein.

Angerschmid: Genauso ist es. Ich will mit meiner Mannschaft immer das spielen, was wir gut können. Natürlich spielst du manchmal gegen einen besseren Gegner. Da muss man gewisse Dinge einbeziehen. Aber letztendlich geht es immer um die eigene Philosophie und die eigene Art, Fußball zu spielen. Ich bin nicht der, der sich unbedingt immer nach dem Gegner richtet.

derStandard.at: In einem Interview nach Ihrer Präsentation als Trainer hat ihr Kapitän Thomas Gebauer sie "der Michi" genannt. Das klingt sehr vertraut. Wie viel Distanz oder Nähe wollen Sie zu Ihren Spielern?

Angerschmid: Das ist eine besondere Situation. Als zweiter Assistenztrainer ist die Distanz nicht so groß wie als Cheftrainer. Du kannst dadurch sehr gut in die Mannschaft hineinhorchen. Oft sind die Spieler dann zu mir gekommen, haben sich "antränzt". Dadurch kannst du als Trainerteam Probleme lösen, bevor sie vielleicht drei Wochen später eskalieren.

derStandard.at: Wird sich das jetzt ändern?

Angerschmid: Ich denke nicht, dass das bei uns ein Problem ist. Die Spieler wissen, wie ich denke und ticke. Ich bin normalerweise ein lockerer und umgänglicher Typ. Aber wenn etwas aus dem Ruder läuft, kann ich auch ziemlich schnell grantig werden. Damit bin ich den letzten Jahren gut gefahren.

derStandard.at: Ihr Team ist sehr jung, nur zwei Spieler sind über 30. Macht es das für Sie als jungen Trainer leichter, Autorität auszustrahlen?

Angerschmid: In gewisser Weise. Aber es ist keine Autoritätsfrage, ob du jung oder alt bist. Die Autorität definiert sich über die Arbeit, die du ablieferst. Vor 20 Jahren hat der Trainer vielleicht gesagt, wir machen dieses und jenes. Der Spieler hat es gemacht und ist dann nach Hause gegangen. Heute ist das schwieriger, die Spieler hinterfragen das Training stärker. Aber wenn sie sehen, dass die Arbeit und Trainingsgestaltung passt und es auch einmal Spaß macht, dann ist auch die nötige Autorität und der nötige Respekt da. (Tom Schaffer, derStandard.at, 18.12.2012)

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naja, zuerst mal spielen würd ich sagen.

"Wenn ich mich heute mit vor sechs Jahren vergleiche, ist da ein Riesenunterschied."
Dieser Satz illustriert wunderbar den Unterschied zwischen jungen, modernen und offenen Trainern, die sich in Österreich glücklicherweise langsam zu mehren scheinen, und der Pacult/Prohaska/Kühbauer-Gilde, die im Gegenteil immer stolz darauf ist, sich NICHT zu verändern und nicht jeden "neumodernen Schmarrn" (Sportpsychologie! Computer! Hilfe!!!) mitzumachen.

ohne Spiel schon im nterview

Dieser Angerschmid hat noch kein Spiel unter Anweisung von Schweitzer gecoacht, aber er gibt ein langes Interview. Toll, wenn der erst ein Spiel mit seiner Truppe gewinnen sollte.

Angerschmid ---> Angermanagement

Das Erfolgsrezept von Ried!

Wichtig ist, dass er sich auch als Cheftrainer seinem Co Schweitzer respektvoll unterordnet. Daran ist der Fuchsbichler gescheitert.

nachweis?

Nehme den Begriff "respektvoll" zurück.

Zufrieden?

nein ;-)

ich behaupte ja nicht das gegenteil, ich möchte bloss wissen, woran man deine aussage festmachen kann. oder ist es nur eine vermutung? wir sind ja immerhin im standard forum. ;-)

1. Fuchsbichler durfte sich sein Trainerteam nicht aussuchen. Lt Medienberichten war es eher umgekehrt.
2. Bei der Ablöse von Fuchsbichler war zu lesen, dass das Einvernehmen mit Schweitzer nicht so gut gewesen sein soll.
3. Noch einmal hat man sich bemüht, einen Trainer zu finden, der zu Schweitzer passt. Nicht umgekehrt.
Es ist doch offensichtlich, dass -wäre Schweitzer hauptberuflich zur Verfügung - er der Cheftrainer wäre.
Ist ja nichts schlimmes. Schweitzer hat ja Erfolg.

ich verstehe ihre argumentation nicht. warum sollte der erfolg der svr eher vom wohlbefinden des nebenberuflichen co-trainers als von jenem des hauptberuflichen trainers abhängen, bzw. warum sollte die svr das so sehen?

Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg

Immer dann, wenn Schweitzer Interimstrainer der SVR war, gab es Erfolge. Auch unter Gludovatz hatte Schweitzer weitreichende Kompetenzen.
Er ist ein gewiefter Taktiker und eine ausgeprägte Führungspersönlichkeit. Leider -für Ried-gibt er halt seinen Brotberuf nicht auf.
Was ist an dieser Argumentation so schwierig zu verstehen?

warum sollte die svr nicht hellauf begeistert sein, wenn sich der hauptberufliche trainer (hat viel zeit) als ein noch gewiefterer taktiker und als eine noch ausgeprägtere führungspersönlichkeit als der nebenberufliche co-trainer (hat eher wenig zeit) herausstellen sollte, und sich deshalb auch nicht unterordnet?

ja eh.

Hab ja nichts anderes behauptet.

mit der titelschlagzeile müßte er eigentlich sofort cheftrainer bei rabid werden,,,

dort wärs zeit, dass einmal einer richtig grantig wird...

Ich bin Grüner durch und durch, aber ich mag Ried und wünsche ihnen alles Gute, auch Ihnen, Herr Angerschmid. Ich hoffe Ried kann an die tollen Leistungen der letzten Jahre wieder anknüpfen, und der längere Hänger ist jetzt endgültig vorbei.

Interessantes Interview, btw., das wirkt ja als hätte alles Hand und Fuß.

Hoffentlich kristallisiert sich bei uns auch mal wieder ein längerfristiges Konzept heraus ... .-(

jawohl

der pep guardiola ausm innviertel und carrill wird der neue erdäpfel-messi!!! in einem jahr spielt ried mit seinem tiqui-taqui die liga schwindlig...

da wirst noch schauen, wenn Februar/März/April wieder auf unseren Fußball-Äckern gespielt wird, wozu ein Erdäpfel-Messi alles instande ist :-)

gutes Interview!

Kann nur zustimmen,allerdings bin ich immer noch gespannt wie er den Sprung vom Co zum Chef schafft.. Es wird ihm aber sicher genug Zeit gegeben werden vom Management um seine Ideen umzusetzen.

weiß jemand was "antränzt" bedeutet...?

thx im voraus

Korrektur: Habe im Text nachgesehen, wie es hier gemeint ist

also: "tränzen" heißt "weinen"

sich antränzen --> ungefähr: mit sich selbst Mitleid haben; über sein eigenes Leid weinen.

Also ...

... eh ansudern. :)

mM

Wie entlarvt man einen Pseudoauskenner im Fußball?

Richtig, indem er unbedingt vom FC Barcelona plaudert - und nicht nur plaudert sondern auch noch etwas von Bazzzelona kopieren will...

In Deutschland kommt kaum wer auf die Idee von Barcelona zu schwafeln.

Der SV Ried sollt sich eher an Klubs wie Pilsen oder Basel orientieren die ähnliche Bedingungen haben - oder mal beim Kollegen Hasenhüttl nachfragen wie der es geschafft hat sich mit Aalen in der 2. deutschen zu etablieren.

Aber Barcelona klingt halt viel knackiger. So wie es eben wirklich geil ist Teamchef zu sein oder der Kölner Dom brennen muß (Krankl in seinem Eingangsstatement bei Fortuna Köln).

tränz wen andern an!

oder lern sinnerfassend lesen!

"Pseudoauskenner im Fußball?"

Seien sie mir nicht böse, aber hinsichtlich der Einschätzung der Kompetenzen von Michael Angerschmid sind sie ein Pseudoauskenner!

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