Michael Angerschmid: "Ich kann auch schnell grantig werden"

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  • Michael Angerschmid ist der neue Chef der SV Ried: "Ich habe bewiesen, dass ich in der Lage bin, Spieler weiterzuentwickeln."
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    Michael Angerschmid ist der neue Chef der SV Ried: "Ich habe bewiesen, dass ich in der Lage bin, Spieler weiterzuentwickeln."

Die SV Ried und ihr neuer Cheftrainer träumen davon, wieder einen Spieler ins ÖFB-Team zu bekommen und sich etwas vom FC Barcelona abzuschauen

Seit einer Woche ist Michael Angerschmid Cheftrainer der SV Ried. Der 38-Jährige war davor als Spieler und Amateure-Trainer bereits 30 Jahre für den Verein tätig. Im Gespräch mit Tom Schaffer spricht er darüber, was er mit seinem Verein im Chefsessel erreichen will, wie er arbeitet und was sich Ried von seinem Lieblingsklub FC Barcelona abschauen kann.

derStandard.at: Bei der SV Ried gab es in den vergangenen sieben Jahren sechs Cheftrainer. Was war Ihr Argument dafür, dass Sie der Richtige für die nächsten Jahre sind?

Angerschmid: Es gibt seitens des Vereins eine bestehende Philosophie. Man hat immer gesagt, wir holen den, der dazu am besten passt. Ich kenne den Verein von Grund auf und trage diese Philosophie seit sechs Jahren mit. Dabei habe ich auch bewiesen, dass ich in der Lage bin, Spieler weiterzuentwickeln. Ich denke, das hat letztendlich den Ausschlag gegeben.

derStandard.at: Ried ist vor dem Frühjahr fast schon als alleiniges Tabellenmittelfeld einzementiert. Was ist das Kriterium, damit Ihr Vertrag im Sommer langfristig verlängert wird?

Angerschmid: Ich gehe da einmal vom Tabellenplatz weg. Wir haben im Frühjahr ein Pokalspiel gegen den LASK, wo wir unbedingt weiterkommen wollen. Bis zum Cupfinale sind es nur mehr zwei Spiele. Wir haben in den vergangenen beiden Saisonen genossen, wie es ist, dorthin zu kommen. Es geht vor allem um die Entwicklung der Mannschaft. Die Altersstruktur ist sehr jung, da ist natürlich noch Luft nach oben. Wir haben eine Philosophie, junge Spieler weiterzuentwickeln, um vielleicht in einem Jahr einen Teamspieler zu haben oder jemanden, den wir verkaufen können. Wenn wir das schaffen, sind wir, denke ich, auf einem guten Weg.

derStandard.at: Sie sind seit 30 Jahren bei Ried, die Fans waren über Ihre Bestellung sehr erfreut. Die einzige Befürchtung, die man ab und zu hört, ist, dass der Verein ein wenig im eigenen Saft schmort. Gab es in den letzten Jahren Vorstellungen ihrerseits, die sie erst jetzt einbringen können?

Angerschmid: Eigentlich nicht. Seit Paul Gludovatz Trainer war, haben wir hier sehr stark im Team gearbeitet. Ich war schon stark eingebunden. Es ist nicht alltäglich, dass du als zweiter Co- und Amateurtrainer jede Woche viele Dinge im Training machen und dich einbringen kannst. Dadurch kannst du aus jedem Training etwas mitnehmen und lernen. Wir haben uns immer zusammengesetzt, diskutiert und gemeinsam entschieden. Natürlich, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, dann muss der Cheftrainer das letztendlich entscheiden. Diesen Weg wollen wir auch in Zukunft weiterführen. Ich bin niemand, der achtmal in der Woche am Platz steht, und die Co-Trainer stehen draußen und haben nichts zu tun.

derStandard.at: Sie werden neben Gerhard Schweitzer einen zweiten Co-Trainer holen ...

Angerschmid: Darum werde ich mich jetzt nach dem letzten Spiel kümmern. Der wird meinen Part als zweiter Assistenztrainer und Trainer der Amateure übernehmen. Das ist eine sehr zeitaufwendige Position zwischen Amateur- und Profibetrieb, für die du sehr flexibel sein musst. Man lernt dabei gerade als junger Trainer sehr viel, kann da auch einmal etwas ausprobieren, ohne gleich von den Medien eins drüberzukriegen.

derStandard.at: Wird den Job also auch wieder ein eher junger Trainer ausfüllen?

Angerschmid: Ich denke schon. Ich habe den einen oder anderen Namen im Kopf. Aber zuerst muss ich einmal mit den Leuten sprechen. Die Funktion des Amateurtrainers ist bei uns eine sehr wichtige. Das muss eine Vertrauensperson sein, die auch beim Training der Profis öfters dabei ist und die jungen Spieler beim Sprung dorthin begleitet.

derStandard.at: Gibt es eigentlich einen Trainer, den Sie als Vorbild bezeichnen würden?

Angerschmid: Eigentlich nicht. Von jedem Trainer habe ich etwas mitgenommen - durchaus nicht nur positive Dinge, aus den negativen lernt man ja auch. Das habe ich in den letzten Jahren zusammengefügt. Ich wollte nie einen anderen Trainer kopieren, sondern ich selbst sein. Ich will mich nicht für irgendetwas verstellen.

derStandard.at: Würden Sie auch gern im Ausland arbeiten?

Angerschmid: Damit beschäftige ich mich im Moment nicht. Ich muss jetzt einmal ordentliche Arbeit abliefern und am Laufen halten, was wir in den letzten Wochen wieder ganz gut geschafft haben. Es wäre in sechs, sieben, acht Jahren durchaus einmal denkbar. Jetzt wäre es zu früh. Und im Fußball fünf Jahre vorauszuplanen ist eh nicht möglich.

derStandard.at: Wie würden Sie das Niveau der österreichischen Bundesliga im internationalen Vergleich sehen?

Angerschmid: Sie ist nicht so schlecht, wie sie immer gemacht wird. Das höre ich auch immer wieder von Spielern. Ein Stefan Lexa ist zum Beispiel aus der deutschen Bundesliga gekommen und hat dann gesagt: "Eigentlich habe ich nicht erwartet, dass die Liga so gut ist." In Deutschland gibt es halt eine viel größere Masse, und damit steigt natürlich auch die Qualität. Das ist eine logische Sache.

derStandard.at: Apropos Ausland: Haben Sie dort als Trainer schon irgendwelche Erfahrungen sammeln können?

Angerschmid: Im Zuge der UEFA-Pro-Lizenz war ich vor einem Jahr fünf Tage beim FC Sevilla. Für die Lizenz muss man ja eine Präsentation über die Hospitation machen. Dort haben wir die Trainings, Trainingsinhalte, das Trainingsgelände und den ganzen Verein durchleuchtet. Ich habe mir auch ein Amateurspiel und den Nachwuchs sehr genau angesehen, weil mich das interessiert.

derStandard.at: Sie sind ja Barcelona-Fan. Man hört, dass sich Ried da auch etwas abschauen möchte. Was kann das für einen kleinen Verein konkret bedeuten?

Angerschmid: Sich die ganze Struktur anzuschauen würde mich einmal interessieren. Iván Carill war im Nachwuchs dort. Ich habe oft Kontakt mit Oliver Glasner (Ex-Rieder und aktueller RB-Salzburg-Co-Trainer, Anm.), der mit Jonathan Soriano auch einen Spieler hat, der dort an der Quelle gesessen ist. Es gibt also viele Informationen, was einheitliche Spiel- und Trainingsphilosophie bis in den Nachwuchs hinunter betrifft. Das sind durchaus Dinge, die man auch als kleiner Verein mitnehmen kann. Natürlich liegt es auf der Hand, dass wir uns in Österreich nie mit Barcelona vergleichen und so spielen können werden. Das probieren bessere Vereine schon seit Jahren und bringen es auch nicht zusammen.

derStandard.at: Wie würden Sie denn die Rieder Spielphilosophie kurz umreißen?

Angerschmid: Wir wollen immer gut in der Defensive stehen. Dass wir unser Passspiel stark verbessert haben, kommt auch nicht von irgendwo. Es war im Training oft der Schwerpunkt. Wir haben in den letzten Jahren außerdem immer die meisten Flanken in der Bundesliga geschlagen. Das hängt mit dem Kombinationsspiel und der Laufbereitschaft zusammen. Auch körperlich waren wir immer auf einem sehr guten Niveau. In dieser Richtung wird es weitergehen. Wir wollen einen aggressiven Fußball spielen, vielleicht noch mehr gegen den Ball arbeiten.

derStandard.at: Wenn man sich so umhört, gelten Sie bei vielen Leuten als jemand, der ein Spiel gut lesen kann. Wie lernt man das?

Angerschmid: Das kommt einfach. Ich denke, am Anfang haben viele junge Trainer das Problem, dass sie sich zu viel fragen, wo der Ball ist. Das Drumherum kriegt man dann gar nicht so mit. Ich hatte das auch, habe irgendwann begonnen, weniger auf den Ball zu schauen. Ob ich jetzt hinschaue oder nicht: Wenn eine Flanke kommt, dann kommt sie sowieso. Das ist ein Lernprozess und eine normale Entwicklung, wie man sie auch als Spieler nimmt. Wenn ich mich heute mit vor sechs Jahren vergleiche, ist da ein Riesenunterschied.

derStandard.at: Wie viel kann ein Trainer nach dem Ankick noch beeinflussen?

Angerschmid: Nicht mehr sehr viel. Gewisse Dinge kann man korrigieren. Und speziell einer jungen Mannschaft kann man viel helfen durch eine Aggressivität, mit der man sie pusht; auch dadurch, permanent an der Linie Anweisungen zu geben. Die Detailarbeit selbst passiert aber unter der Woche. Wenn die nicht gepasst hat, ist es sehr schwierig, im Spiel zu reagieren.

derStandard.at: Das heißt: Plan A oder B müssen vorher schon festgelegt sein.

Angerschmid: Genauso ist es. Ich will mit meiner Mannschaft immer das spielen, was wir gut können. Natürlich spielst du manchmal gegen einen besseren Gegner. Da muss man gewisse Dinge einbeziehen. Aber letztendlich geht es immer um die eigene Philosophie und die eigene Art, Fußball zu spielen. Ich bin nicht der, der sich unbedingt immer nach dem Gegner richtet.

derStandard.at: In einem Interview nach Ihrer Präsentation als Trainer hat ihr Kapitän Thomas Gebauer sie "der Michi" genannt. Das klingt sehr vertraut. Wie viel Distanz oder Nähe wollen Sie zu Ihren Spielern?

Angerschmid: Das ist eine besondere Situation. Als zweiter Assistenztrainer ist die Distanz nicht so groß wie als Cheftrainer. Du kannst dadurch sehr gut in die Mannschaft hineinhorchen. Oft sind die Spieler dann zu mir gekommen, haben sich "antränzt". Dadurch kannst du als Trainerteam Probleme lösen, bevor sie vielleicht drei Wochen später eskalieren.

derStandard.at: Wird sich das jetzt ändern?

Angerschmid: Ich denke nicht, dass das bei uns ein Problem ist. Die Spieler wissen, wie ich denke und ticke. Ich bin normalerweise ein lockerer und umgänglicher Typ. Aber wenn etwas aus dem Ruder läuft, kann ich auch ziemlich schnell grantig werden. Damit bin ich den letzten Jahren gut gefahren.

derStandard.at: Ihr Team ist sehr jung, nur zwei Spieler sind über 30. Macht es das für Sie als jungen Trainer leichter, Autorität auszustrahlen?

Angerschmid: In gewisser Weise. Aber es ist keine Autoritätsfrage, ob du jung oder alt bist. Die Autorität definiert sich über die Arbeit, die du ablieferst. Vor 20 Jahren hat der Trainer vielleicht gesagt, wir machen dieses und jenes. Der Spieler hat es gemacht und ist dann nach Hause gegangen. Heute ist das schwieriger, die Spieler hinterfragen das Training stärker. Aber wenn sie sehen, dass die Arbeit und Trainingsgestaltung passt und es auch einmal Spaß macht, dann ist auch die nötige Autorität und der nötige Respekt da. (Tom Schaffer, derStandard.at, 18.12.2012)

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