Recht auf Nachtisch: Intervention bei Mitterlehner

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  • Ein Mitarbeiter von Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat einer Journalistin bei einer Veranstaltung des Ministeriums die Nachspeise verweigert.
    foto: apa/roland schlager

    Ein Mitarbeiter von Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat einer Journalistin bei einer Veranstaltung des Ministeriums die Nachspeise verweigert.

Eine Journalistin wehrt sich dagegen, dass sie im Kampf gegen Buffettouristen zwischen die Fronten geriet - und ohne Nachspeise-Nachschlag nach Hause gehen musste

Es geht - wieder mal - um Gerechtigkeit. Und um die Pressefreiheit. Deshalb schrieb mir Silvia H. ein Mail. Ich kenne Frau H. nicht. Aber es ist eine Frage von Anstand und Prinzip, einer Kollegin in Nöten zu helfen. Denn eines war mir schon nach der ersten Zeile von Frau H. sofort klar: Sie ist keine "Earlin of Sandwich". Ganz bestimmt nicht. 100 Prozent.

Was ist ein Earl of Sandwich?

Da es hier länger nicht um diese Klientel ging, eine kurze Begriffsklärung: "Earls of Sandwich" sind zumeist ältere Herrschaften, die mit irrem Elan Events stürmen, bei denen es gutes Happihappi oder Goodies gibt. Sie kennen keine Skrupel. Sie schreien sofort, falls jemand ihre abenteuerlichen Presseausweise oder Beglaubigungen anzweifelt: "Angriff auf die Pressefreiheit."

Manche erachten schon die Frage nach ihrem Medium als Attacke auf das Redaktionsgeheimnis. Andere wiederum - zu viert oder fünft vor Ort - stellen Presseaussendungen 1:1 online. Veranstaltern könnte das wurscht sein - wären Earls Einzeltäter. Aber sie sind Schwarmtiere. Und roden Buffets gründlichst.

H. als Kollateralschaden

Silvia H. hat mit alldem nichts zu tun. Die Kollegin arbeitet für das Online-Portal www.myguides.at (falls Sie es nicht kennen, sollten sie es bookmarken!) und geriet zwischen die Fronten. Sie wurde quasi zum Kollateralschaden - und des Buffets verwiesen: Ein Angriff auf die Pressefreiheit. Im Auftrag eines Bundesministers! Da darf man nicht zur Tagesordnung übergehen. Also ist es geradezu meine Pflicht, H.s E-Mail an Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner wiederzugeben.

Das Originaldokument

"Sehr geehrter Herr Bundesminister,

(ich) ..., habe ich mich für obige Veranstaltung (Österreichischer Innovationspreis Tourismus 2012; Anm. Red.) ... akkreditiert. Da ich nicht in der Teilnehmerliste angeführt war, habe ich meine Visitenkarte (mit allen Details über mich und meine journalistische Tätigkeit) bei der Anmeldung abgegeben.

Es war eine ... gelungene Veranstaltung ... Ich habe darüber auf www.myguides.at/TravelGuide geschrieben.

Nach der Veranstaltung gab es Networking und dazu ein flying dinner. Wie mir ein Tablett mit Desserts angeboten wird, stellt sich ein Herr neben mich und sagt zum Servierpersonal ...: "Diese Dame hat genug gegessen, diese Dame bekommt nichts mehr". Und in diesem frechen Ton, begleitet von anzüglichem Grinsen, ging es weiter: wer ich überhaupt sei, welche Berechtigung ich habe, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, "wir haben den Auftrag, darauf zu schauen, dass niemand Unerwünschter teilnimmt, schliesslich kostet diese Veranstaltung auch etwas". Ich habe diesem Herrn meine Visitenkarte ... gegeben und ihn gefragt, wer er ist und welche Funktion er hat .... Er hat seinen Namen nicht genannt. Ich bin hartnäckig geblieben und habe erklärt, ich habe mich deklariert, jetzt soll er mir seine Visitenkarte geben und wenn er keine hat, kann er ja die Daten aufschreiben.

Mittlerweile haben nicht nur die Gäste an meinem Tisch, sondern auch die an den Nachbartischen interessiert diese Szene verfolgt. Ich habe weiterhin mehrmals laut gesagt: "Wer sind Sie" .... Darauf hat dieser Herr leise "Z" gesagt, aber nach wir vor nicht, in welcher Funktion er sich so aufführt.

Ich habe ihm ... einen stadtbekannten "Buffettouristen" gezeigt, ... (siehe dazu Artikel von Chefredakteur Thomas Rottenberg, derStandard.at), diesen Herrn hat er nicht zur Rede gestellt. Dadurch erhält dieses skandalöse Benehmen ... noch eine sexistische Note.

Da ich als Journalistin meine Möglichkeiten habe, habe ich in Erfahrung gebracht, dass dieser Herr Z. ein Mitarbeiter in Ihrem Bundesministerium ist. Daher schildere ich Ihnen diesen unerhörten Vorfall ... wie ein Herr Ihres Bundesministeriums ... einen weiblichen (!) Gast anpöbelt.

Wenn es die Politik des Bundesministeriums ist, JournalistInnen ... auszuschliessen ... dann war es sicher kontraproduktiv mit APA-Meldung vom 20.11. alle Medienvertreter/innen ... einzuladen.

Mit freundlichen Grüssen

Silvia H., Redakteurin www.myguides.at/TravelGuide"

Fazit und Forderung

Ich habe dieses Mail nicht auf dunklen Wegen erhalten: Frau H. setzte mich CC. Und obwohl schon meine Ernennung zum "Chefredakteur" den Minister wohl auf Trab bringen wird, fordere ich hiermit auch noch eine offizielle Entschuldigung von Mitterlehner.

Und zwar mit Geschenkkorb. Und einem Entschuldigungsschreiben. Mit Republiks-Briefkopf und Stempel, Siegel und Unterschrift: Frau H. wird dieses Dokument dann vorlegen, sobald kecke Buffet-Schergen sie bei der Arbeit behindern wollen: Ein Beglaubigungsschreiben aus Ministerhand wischt man nicht vom Tisch - man schiebt es höchstens ein wenig zur Seite. Damit genug Platz für all jene Leckereien ist, auf die Kollegin H. kraft ihrer Tätigkeit ohne jeden Zweifel Anspruch hat. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 14.12.2012)

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