Der Adpfent, der Adpfent

14. Dezember 2012, 18:07
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Unter diesem Titel kursiert im Netz ein Text zum Treiben in der Vorweihnachtszeit. Den Schriftsteller Franzobel hat das zu einer Erzählung inspiriert

Der Adpfent ist die schönste Zeit im Winter. Bei uns ist das halbe Jahr lang Winter und die andere Hälfte ist es kalt. Im Winter haben die meisten Leute eine Grippe. Die ist mit Fieber und Husten und Nissen, womit ich nicht die Eier der Läuse meine, die man uns Kindern während der Äpfedemien immer aus dem Haar rechnet, sondern das Nissen mit Hatschii. Wir haben zu Hause auch eine Grippe, aber gegen die hilft keine Medizin. In der kalten Jahreszeit schläft unsere Grippe in einer Schuhschachtel, aber im Winter wird sie ans Licht geholt, das dann zu dunkel ist. Unsere Grippe ist nämlich mit Kerzerln und man schreibt sie auch mit K wie Kerümpel. 

Wenn ich einmal nicht brav bin, sagt meine Mutter auch du Krippe zu mir, aber ich weiß nicht, wie sie das meint. Vielleicht so, dass sie mir gleich eine wimst und ich nachher bethlehämische Sterne sehe? Vielleicht denkt sie aber auch, dass ich so blöd bin wie Ochs und Esel und Hirten und Stroh zusammen. Da fällt mir ein, dass auch der geistig minderbemittelte Dodl bei uns im Dorf von allen als Krippe bezeichnet wird, der oder das Krippe. Der hat, heißt es, auch nur Stroh im Kopf. Ob da auch ein Christkindl drinnen liegt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich schon, schließlich heißt es selig sind die geistig Armen. Jedenfalls muss unser Dorf-Krippe das ganze Jahr in seiner Schuhschachtel verbringen, weil sich seine Eltern für seine Blödheit schämen, die er aber nur von ihnen haben kann.

Es gibt also nicht nur die Krippe, sondern auch der und das Krippe. So ist Krippe das einzige Hauptwort neben der Kassafrau im Supermarkt, was ich kenne, das sich mit allen Artikeln verträgt. Die Kassafrau muss sich auch mit allen Artikeln vertragen, weil sonst bekommt sie einen Ausschlag. Aber diese Supermarkt-Artikel, die von der Kassafrau tagein, tagaus über die Kassa gezogen werden, meine ich nicht, bestimmt nicht.

Der und das Krippe gibt es das ganze Jahr, auch wenn man sich dafür schämt. Die Krippe aber gibt es nur im Adpfent. Im Adpfent bereitet man sich auf den Geburtstag des Christkindls vor, was so ausschaut, dass wir Kinder Briefe schreiben und mit Tixo ans Fenster kleben, während sich die Erwachsenen ansaufen. Am nächsten Tag sind die Briefe ans Christkindl verschwunden. Der Rausch der Erwachsenen ist nie verschwunden, zumindest nicht bis zum heiligen Abend - und dann erst recht nicht. 

Vielleicht ist das Christkind vor seiner Geburt auch rauschig, ich habe nämlich schon viele Briefe, die ich ihm geschrieben habe, im Altpapier gefunden. Oder arbeitet es nebenbei noch bei der Müllabfuhr? Nein, denn dann hieße es ja Mistkind. Vielleicht kann das Christkindl auch noch gar nicht lesen? In die Schule geht es jedenfalls nicht. Weshalb ich irgendwann aufgehört habe, ihm Briefe zu schreiben und stattdessen gleich Seiten aus dem Kaufhaus-Katalog aufs Fenster gepickt habe. Da sieht das Christkindl nicht nur gleich, was ich will, sondern auch, wo es das bekommt und was es kostet. Einmal war die ganze Stube so mit Katalogen zugepickt, dass der Opa meinte, wir würden ausmalen.

Am heiligen Abend hat das Christkindl alles erledigt und kann getrost auf die Welt kommen, weil es dann gleich Geburtstag hat. Das ist eine praktische Einrichtung der Natur, dass man, wenn man auf die Welt kommt, sofort Geburtstag hat. So braucht man nicht lange auf die ersten Geschenke warten. Allerdings ist das Christkindl über 2000 Jahre alt und dennoch immer noch ein in die Windel pfefferndes Baby. Man könnte also meinen, das Christkindl so zurückgeblieben wie unser Dorf-Krippe. Kurze Zeit war das Christkindl, das eigentlich Jesus von Nazareth heißt, obwohl in Österreich die Adelstitel verboten sind, auch einmal älter. 33 Jahre war es alt. Aber weil es keine gescheite Ausbildung und auch keinen Führerschein hatte, haben es die Römer gleich an ein Kreuz genagelt und in eine mit einem schweren Felsbrocken versperrte Höhle gesteckt. Dafür haben sie später dann den Papst bekommen, den sie jetzt ausbaden müssen. Wahrscheinlich mit Weihwasser.

Das Christkindl ist natürlich trotzdem entkommen. Sonst könnte es jetzt nicht jedes Jahr mit uns Geburtstag feiern. Wie es das gemacht hat, weiß niemand, nur der liebe Gott, was der Vater vom Christkindl ist. Der liebe Gott hat übrigens keinen Geburtstag, weil der war schon immer da, weswegen er mir irgendwo auch leid tut. Sein Sohn feiert jedes Jahr eine Riesenparty und er schaut durch die Finger, die er womöglich nicht einmal hat. Schön blöd. Der liebe Gott ist genauso ein Döner wie der Josef, dem die Maria, seine Frau, diesen Balg unterjubeln wollte. Das Christkind ist nämlich ein Kuckuckskind. 

Ich habe auch einen Geburtstag, aber erst im April und dann bekomme ich eine Torte mit Kerzen drauf. Das Christkindl aber kriegt zum Geburtstag keine Torte, sondern einen Baum, weshalb ich mir denke, das Christkindl muss entweder ein Borkenkäfer sein oder der Mai, weil warum sonst käme man auf den Gedanken, ihm zum Geburtstag einen Baum aufzustellen? Unser Herr Pfarrer hat gesagt, das Christkindl ist kein Borkenkäfer und auch kein Mai, sondern der Erlöser, womit er auch recht hat, weil es uns von der Warterei erlöst - und von der Schule, zumindest für die Dauer der Weihnachtsferien, die immer viel zu kurz sind, aber das haben Ferien so an sich. Vielleicht ist der Erlöser aber auch so etwas wie der Selbstauslöser beim Photoapparat, der immer viel zu lange piepst, wenn uns der Papa alle gemeinsam photographieren will. Bis der Erlöser endlich auslöst, haben wir alle immer schon ein angefressenes Gesicht. Was nicht schadet. Da sieht man wenigstens gleich, dass wir nicht hungern müssen wie die armen Kinder in Afrika. Die sind so arm, dass sie nie angefressen dreinschauen können und immer lachen müssen. Und obwohl sie immer hungern, haben sie riesige Bierbäuche. Wahrscheinlich weil sie den ganzen Tag an ihrem Stammtisch sitzen. Manche Menschen spenden trotzdem für die armen Kinder, gerade zur Weihnachtszeit. Für die Biertrinker spendet niemand. Deshalb haben die ihre Weihnachtsfeiern.

Bei uns schaut die Erlösung so aus, dass es am heiligen Abend immer Streit genug für alle gibt. Es gibt natürlich auch Weihnachtskeks und eine Weihnachtsjause mit Weihnachtsaufschnitt, Weihnachtsbockbier und Weihnachtszigarren, Weihnachtsfilme und Weihnachtsklopapier, aber das wäre alles nichts, wenn der Streit nicht wäre. Weinen tut eigentlich niemand, weshalb man die Weihnacht eigentlich Streitnacht nennen sollte. Da schenken wir uns nichts. Trotzdem verstehe ich auch nicht, warum man im Adpfent so ein Theater macht. Wir Kinder bekommen einen Adpfentkalender und in der Stube hängt ein Adpfentkranz mit vier dicken roten Kerzen. Bei den meisten anderen Leuten besteht der Adventkranz aus Tannenzweigen, bei uns hängt ein alter Autoreifen in der Stube, weil der Papa hat gemeint, der ist genauso gut, wenn nicht sogar besser, weil aus dem fallen höchstens ein paar Spikes und keine Tannennadeln.

Das Christkindl ist eine arme Sau. Zur Welt gekommen in einem Stall im Nahen Osten, wo jeder weiß, wie gefährlich es dort ist. Und jeder der schon einmal in einem Stall gewesen ist, weiß auch, wie es da stinkt. Bestialisch. Das ist eigentlich nur vergleichbar mit der Weihnachtsmette, wenn sich am heiligen Abend die Menschen, die sonst nie in die Kirche gehen, mit ihren Grippen und ihrem Husten in die Kirche drängen, um sich etwas Erlösung zu holen. Wir auch. So ein Gedränge herrscht da, dass man sogar die Rippen seiner Nachbarn spürt. Die meisten haben dann bereits ein üppiges Weihnachtsessen mit viel Osterschinken und Ostereiern in sich, weshalb es in der Kirche wie in einem riesigen Verdauungstrakt riecht. Vielleicht versuchen diese weihnachtlichen Kirchgänger auch nur, das olfaktorische Erlebnis eines Stalls herzustellen? Zumindest bis der Messner mit dem Weihrauch kommt, was eigentlich ein Harz ist. Getrocknete Tränen der Bäume. Eine Erfindung der Kirche gegen den Eierschas. Außerdem wimmelt es da nur so von Nissen, womit ich noch immer nicht die Eier der Läuse meine. Und dann hat man das Christkindl auch gleich nach der Geburt in die Hände von dem Krippe gelegt. Also ich würde mein Kind keinem Dodl anvertrauen. Vielleicht kommt daher der Brauch, dass wir uns zum Geburtstag vom Christkindl etwas schenken lassen. Jeder Dodl bekommt etwas.

Drei Wochen bevor es soweit ist, kommt als Vorhut der Nikolaus. Der Nikolaus kommt eigentlich aus der Türkei, aber seit da so viele Urlauber hinfliegen, wohnt er in Skandinavien, da haben es die Ausländer besser. Außerdem kosten da oben die Rentiere nichts, dafür ist der Alkohol sauteuer. Ob der Nikolaus auch Nissen in seinen Haaren hat, weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich schon, warum wären die sonst so weiß. Jedenfalls hat er die Laus bereits im Namen. In Amerika kommt der Nikolaus statt dem Christkind unter dem falschen Namen Santa Klaus (sonst dürfte er wahrscheinlich nicht einreisen) und beschenkt die Kinder mit Coca Cola und Burger und Pommes. Wobei er sich durch einen Schornstein durchzwängen muss (wie Ketchup durch die Tube) und seine Geschenke in Socken oder Schuhen hinterlegt. Bei uns hat die Gewerkschaft die Sache mit dem Schornstein gestrichen, das ist mit den Arbeitssicherheitsvorschriften nicht zu vereinbaren. Auch die Sache mit den verschwitzten Socken oder Schuhen ist aus hygienischen Gründen untersagt. Ich meine, wenn ich da an unsere Kasler denke, da müsste der heilige Klaus ja eine Klaustrophobie in der Nase bekommen. Klaustrophobie ist die Angst vor dem Platzen. Meine kleine Schwester platzt oft. Unsere Frau Lehrerin auch. Ich selten. 

Aber wie schon gesagt, bei uns heißt der Klaus Nikolaus. Er kommt 19 Tage vor dem Christkind und bringt schon einmal die verderblichen Sachen, die schlecht werden würden, wenn sie erst mit dem Christkind kommen würden, also Äpfel und Nüsse und Orangen und Lebkuchen. Um den Rest, der ihm bleibt, kauft er sich Alkohol, der, wie schon gesagt, in Skandinavien beinahe unerschwinglich ist. Manchmal begleitet ihn auch ein Leibwächter, der aufpasst, dass der alte Mann nicht überfallen wird. Er sieht aus wie ein Wolfsmensch und müsste eine Hundemarke tragen. Sein Name ist Krampus. Wie bei den Wrestlern gibt es auch von ihm kleine Nachbildungen, so genannte Zwetschkenkrampusse.

Nachdem der Nikolaus da gewesen ist, stellt der Papa die Krippe im Wohnzimmer auf. Vorher darf man das nicht machen, sagt er, weil sonst der Nikolaus eifersüchtig wird und den Krampus auf uns hetzt. Viele Krippen sind fad, aber die unsere nicht, weil wir haben mordsgeile Figuren. Ich habe einmal den Josef und das Christkindl auf den Ofen gestellt, damit sie es schön warm haben. Das Christkindl ist schwarz geworden und den Josef hat es in lauter Trümmer zerrissen wie einen Selbstmordattentäter. Meine Mama hat geschimpft und gesagt, dass nicht einmal die Heiligen vor meiner Blödheit sicher sind. 

Wenn Maria ohne Mann und ohne Kind herumsteht, schaut es beschissen aus. Wobei ich mich sowieso wundere, wie eine Frau gleich nach der Geburt herumstehen kann. Wenn ich da an Mama denke, die ist nach der Geburt meiner kleinen Schwester eine Woche lang im Bett gelegen und hat gejammert. Dabei ist meine kleine Schwester mit einem Kaiserschmarren auf die Welt gekommen.

Aber ich habe Gott sei Dank viele Figuren in meiner Spielkiste und der Josef ist jetzt durch den Donald Duck ersetzt. Als Christkindl wollte ich Asterix nehmen, weil der ist als einziger so klein, dass er in den Futtertrog passt. Da hat meine Mama gesagt, man kann doch als Christkindl keinen Asterix hernehmen, da ist ja das verbrannte Christkindl noch gescheiter. Es ist zwar schwarz, aber immerhin ein Christkindl. Hinter dem Christkindl stehen zwei Ochsen, ein Esel, ein Nilpferd und ein Brontosaurier. Das Nilpferd und den Saurier habe ich hineingestellt, weil der Ochs und der Esel waren mir allein zu langweilig. Auf dem Dach steht ein Abfangjäger. Links neben dem Stall kommen gerade die heiligen drei Könige daher. Ein König ist dem Papa im letzten Adpfent beim Putzen heruntergefallen und er war total hin. Ich glaube, dass ist meinem Vater absichtlich passiert, weil er an die Gewerkschaft und nicht an Könige glaubt. 

Jetzt haben wir nur mehr zwei heilige drei Könige und einen heiligen Batman als Ersatz. Normal haben die heiligen Könige einen Haufen Zeug für das Christkindl dabei, nämlich Gold, Weihrauch und Pürree. Von den unseren hat einer anstatt Gold ein Kaugummipapierl dabei, das glänzt auch. Der andere hat eine Marlboro in der Hand, weil die raucht auch. Der heilige Batman hat eine Pistole dabei. Das ist zwar kein Geschenk für das Christkindl, aber damit kann er es vor dem Saurier beschützen. Hinter den drei Heiligen sind ein paar rothäutige Indianer und ein kasiger Engel. Dem Engel ist ein Fuss abgebrochen, darum haben wir ihn auf ein Motorrad gesetzt, damit er sich leichter tut. Mit dem Motorrad kann er fahren, wenn er nicht gerade fliegt. Rechts neben dem Stall haben wir ein Rotkäppchen hingestellt. Sie hat eine Pizza und drei Weissbier für die Oma dabei. Einen Wolf haben wir nicht, darum glurrt hinter dem Baum ein Pockerl als Ersatz-Wolf hervor. Mehr steht in unserer Krippe nicht, aber das reicht. Am Abend schalten wir die Lampe an und dann ist unsere Krippe erst so richtig schön. Wir sitzen so herum und singen Lieder vom Adpfent. Manche gefallen mir, aber die meisten sind mir zu fad. Mein Opa hat mir ein Gedicht vom Adpfent gelernt und es geht so: "Adpfent, Adpfent, der Obstler brennt. Erst saufst oan, dann zwoa, drei, vier, z´erscht wird da schlecht, daun speibst ois wia."

So vergehen die Tage bis zum heiligen Abend. Aber der Adpfent dauert bei uns bis zum sechsten Januar, weil die heiligen drei Könige Verspätung haben und nicht früher kommen können. Sie stecken im Weihnachtsstau. Da kommen vorher noch der Rauchfangkehrer und der Briefträger. Der Rauchfangkehrer bringt einen Kalender, für den er Geld haben will und der Briefträger bringt Karten mit Weihnachtswünschen von all den Geschäften, bei denen wir Schulden haben.

In der Mitte vom Adpfent befindet sich der heilige Abend, was gleichbedeutend ist mit dem 24. Dezember. Dieser Tag beginnt damit, dass mein Papa auf den Friedhof fährt und dort am Grab der toten Oma den Adventkranz entsorgt. Ich weiß nicht, ob sich die tote Oma über den alten Autoreifen freut. 

Dann fährt der Papa in den Supermarkt, wo alle Leute so viel einkaufen, als ob ein Krieg käme. Dabei kommen nur zwei Feiertage. Der Krieg muss also eine Zeit voller Feiertage sein. Vielleicht spricht der Opa deshalb immer von der guten alten Zeit.
Papa fährt dann noch zum Bahnhof, da kommt das Friedenslicht direkt aus Bethlehem. Damit wir daheim das Friedenslicht das ganze Jahr lang haben, kommt es in die Gastherme, wo es still für sich hin brennt.

Ich und meine kleine Schwester dürfen den ganzen heiligen Abend, so lange er noch ein Tag ist, vor dem Fernseher knotzen und uns Märchenfilme ansehen. Zu Mittag essen wir Nudelsuppe mit Würstel, weil die Mama meint, dass wir während der Feiertage ohnehin genug fressen. Dann beginnen die Nachbarbuben mit ihrem Böllerschießen. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass die Feiertage etwas mit Krieg zu tun haben. Wir würden auch gerne unsere Schweizer Kracher anzünden, aber seit ich welche in die Maisenknödel gesteckt habe, die es daraufhin total zerrissen hat, bekommen wir keine mehr. Es kommt sogar noch schlimmer, wir werden in die Badewanne gesteckt und müssen so lange darin sitzen bleiben, bis unsere Haut verschrumpelt ist wie der Körper einer Kastanienfigur. 

Am Abend ist es dann soweit. Mir wird die kratzigste Hose angezogen und meine Schwester muss eine weiße Bluse tragen. Dann geht es in die Kirche. Während wir in der Christmette sitzen und die Faulgase aus den Rippen unserer Nachbarn riechen, kommt das Christkindl, zündet den Baum an und legt die Geschenke darunter. Ich habe schon oft gesagt, dass es sehr unhöflich von uns ist, wenn wir immer gerade dann ausrücken, wann wir Besuch bekommen. Wo wir doch eh wissen, wann das Christkindl kommt. Das Christkindl ist natürlich auch unhöflich, aber es hat wahrscheinlich nicht viel Zeit, schließlich kommt es extra aus dem Himmel herunter, um alle zu beschenken. Aber zumindest einen Schnaps könnte es trinken, das schafft sogar der Briefträger. So weit ich weiß, hat das Christkindl keine Flügel, sondern einen Düsenantrieb. Weil wie käme es sonst so geschwind vom Himmel herunter? Der Weg vom Himmel zu uns herunter ist ziemlich weit und schlecht beschildert. Und dann muss es irgendwie auch noch die vielen Geschenke transportieren. Wahrscheinlich ist es mit einem Privatjet unterwegs.

Um Klarheit zu schaffen habe ich schon ein paar Mal versucht, es zu fangen. Zuerst mit meinen Stoppelgewehr, dann mit Kübeln. Nachdem das alles erfolglos war, habe ich das Fensterbrett mit Superkleber eingestrichen. Aber statt dem Christkindl ist nur der Papa daran festgeklebt. Der hat vielleicht geflucht. Der Notarzt musste kommen und ihn herunter schneiden. Der hat vielleicht gelacht. Schöne Bescherung.

Gesungen haben wir trotzdem. Auch gestritten. Ganz wie es sich gehört.

Meistens singen wir zuerst Stille Nacht und dann Leise rieselt der Schnee. Da wir alle miteinander nur die ersten Zeilen können, singt dann immer jeder das, was ihm gerade einfällt, also Hänschen klein, Alle meine Entchen schwimmen auf dem See oder Hoch soll es leben. Gleich danach geht es ans Auspacken der Geschenke. Die Spielsachen werden natürlich sofort ausprobiert. Meistens gehen sie noch am selben Abend kaputt und der Papa muss schon am ersten Tag nach den Feiertagen alles wieder umtauschen. Die Verkäufer in den Geschäften wissen bereits, dass das Christkindl meist ein Klumpert bringt.

Die Zeit zwischen Weihnachen und Silvester ist die schönste im Jahr. Die Nachrichten sind voll mit Meldungen von Lawinenopfern, Alkoholleichen und von Pistenraupen überfahrenen Skifahrern. Jeden Tag kommen Verwandte, bei denen das Christkindl etwas für uns abgegeben hat. Dafür hat es bei uns Geschenke für die Verwandten hinterlassen. Das Christkindl muss ziemlich zerstreut sein, wenn es so ein Durcheinander mit den Geschenken gibt. Vielleicht bräuchte es eine Sekretärin? Oder das Christkindl ist eine Pfundsn, mit dem niemand arbeiten will? Pfundsn ist das Gegenteil von Pfundskerl. Opa sagt, es kommt von der Funse, dem kleinen Licht, was die ganze Weihnachtsbeleuchtung erklären würde.

Genau eine Woche nach dem Christkindl kommt der heilige Silvester. Mit ihm geht das Jahr zu Ende und wir brauchen einen neuen Kalender, den wir immer von der Bank geschenkt bekommen. Das alte Jahr wird mit einem Festessen verabschiedet. Bei uns gibt es immer Dosenmuscheln, Lachsersatz und Kaviarersatz. Außerdem Sekt, das ist ein Ersatz für Champagner. Durch die ganzen Ersatznahrungsmittel wird ausgedrückt, dass etwas ersetzt wird, nämlich das Jahr. So ist jedes neue Jahr ein Ersatzjahr.

Die heiligen drei Könige sind vier und sammeln für die Mission. Die Mission der Mission ist es, Ungläubige zu bekehren. Darum gibt der Papa den heiligen drei Königen nichts, nicht einmal, wenn sie zu viert anrücken, weil er sagt, dass durch dieses Bekehren nur Kriege und Unruhen kommen. Mama sagt, ein bisschen Bekehrung schadet nicht. Ich habe ihnen schon einmal einen Bartwisch vor die Tür gelegt, damit sie damit die Ungläubigen bekehren. Aber den haben sie verschmäht. Wahrscheinlich wollen sie ganze Waschanlagen zur Bekehrung der Ungläubigen errichten.

Am nächsten Tag beginnt die Schule wieder und der Adpfent ist zu Ende, bevor wir wissen, was er bedeutet. Opa hat gesagt, Ad ist eine lateinische Vorsilbe und bedeutet „vom". Pfent kommt aus den Englischen und heißt ging. Also heißt Adpfent so viel wie Vom Ging, was sich jetzt entweder als chinesische Philosophie Ging und Gang oder als vom Vergehen deuten lässt. Wobei mir Letzteres besser gefällt, weil man erstens nicht weiß, ob die Chinesen an das Christkindl glauben, so lange sie nicht bekehrt sind, und zweitens ja alles vergeht, sogar der Adpfent, bei dem man aber ziemlich sicher weiß, dass er bald wiederkommt, wenn ihm nichts dazwischenkommt. (Franzobel, Album, DER STANDARD, Langversion, 15./16.12.2012)

"Der Adpfent" ist ein Monolog, zu dem Franzobel von einem im Internet kursierenden Text (Verfasser unbekannt) inspiriert worden ist.

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    Im Advent schenken wir uns nichts: Trotzdem verstehe ich nicht, warum man so ein Theater macht. Wir Kinder bekommen einen Kalender, und in der Stube hängt ein Kranz mit vier dicken roten Kerzen.

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