Das neue Europa braucht Netzwerke und Regionen

Gastkommentar |

Die wichtigste Säule Europas sind Regionen: Replik auf "Das neue Europa: Netzwerke statt Nationen" von Martin Ehrenhauser

In seinem Kommentar der anderen meint Martin Ehrenhauser zu Robert Menasses "Europäischem Landboten", im neuen Europa würde der Ersatz der Nationalstaaten durch Regionen keinen Vorteil bringen, an ihre Stelle sollten Netzwerke treten. Ich glaube auch, dass die Nationalstaaten heute mehr schaden als nützen und man sich mehr auf Netzwerke stützen muss, aber die wichtigste Säule Europas sind doch die Regionen.

Überschaubarkeit ist unverzichtbar

Wenn im Zentrum der Politik der einzelne Mensch zu stehen hat, dann sollte auch hier etwas Menschenkunde gelten:

  • Vernunft ist beim Einzelnen nur die Spitze des Eisbergs, weil der Großteil der Informationen im Unbewussten verarbeitet wird;
  • Überschaubarkeit ist unverzichtbar, um den gesamten Informations-Eisberg einigermaßen in Ordnung zu halten, und
  • ist Überschaubarkeit dort gegeben, wo der einzelne Mensch nicht selbst aktiv nach allem "Bemerkenswerten" suchen muss; sondern wo ihm dies von selbst zugetragen wird. In einem ganzheitlichen Umfeld "schwirren" ja soviele Informationen herum, dass man in kurzer Zeit "alles" mitbekommt. Somit: Verletzung der Subsidiarität ist Verletzung des Menschenrechts auf seine Menschennatur!

Nationalstaat und Europa arbeiten jenseits dieser Überschaubarkeit. Ihre direkte Bindung an den Bürger hängt damit von der Stärke seines Vernunft-Denkens ab, und die ist gering und stets gefährdet. Natürlich gibt es auch Überschaubarkeit aus zweiter Hand, wo man Volksvertretern vollst vertrauen kann- aber heute schmilzt dieses Vertrauen überall so rasch wie ein Eisberg in der Karibik.

Netzwerke sind da im Vorteil: Dank moderner IT sind die dort herumschwirrenden Informationen so dicht, dass man "alles Bemerkenswerte" gut mitbekommen - zwar nur im eigenen Themen-Bereich, hier aber durchaus überschaubar, insgesamt also quasi-holistisch. Kurz, punktuell können sie intensivere menschliche Bindungen entwickeln als Nationalstaat und EU. Nicht genug damit: soweit sich die Netzwerke institutionalisieren - etwa als NGO - haben sie ja demokratische Strukturen. Sie können damit das Dilemma der Territorial-Staaten überwinden, ohne demokratische Legitimation über ihre Grenzen hinaus zu agieren; sie überwinden damit das alte Problem "no taxation without representation".

Sandwich-Position

Und nun zu den Regionen: sicher gibt es bei ihnen nicht weniger Konfliktlinien als zwischen Nationalstaaten. Ihre Konflikte richten aber nur wenig Schaden an, und auch ihre Aggressionslust ist eindeutig niedriger: Wie Leopold Kohr gezeigt hat, wächst mit zunehmender Macht und Größe das Misstrauen gegenüber dem Schwächeren exponentiell; an US gegen Irak haben wir das ja miterlebt, nun bei Deutschen und Griechen.

Geradezu obsolet wird er europäische Nationalstaat aber aus einem anderen Grund: Er ist in einer Sandwich-Position; zu klein für einige große Probleme (Umwelt, Migration, Finanzkrise) und zu groß für die meisten anderen Fragen, darunter vor allem die Entwicklung von sozialem Verständnis und Solidarität. Mit der Lösungskompetenz verliert der Nationalstaat dann auch seinen emotionalen Kitt: Militärische Glorie ist tabu, die Grenzbalken sind weg, bei kultur- und identitätstiftenden Projekten muss gespart werden, und für soziale Mindeststandards will niemand danken. Dem Nationalstaat bleibt also nur mehr die Verwaltung der Misere - und die Steuer-Eintreibung.

Wie Menasse zeigt, können die Nationalstaaten in Brüssel zwar noch viel Unheil anrichten, tatsächlich sind sie aber schon Zombies aus einer früheren Welt. Wahrscheinlich werden sie ihre Macht im Zuge eines von Netzwerken intelligent orchestrierten Steuerstreiks an die Regionen abgeben - denn auch für Gebietshoheit muss wer zuständig sein.

Alternative Ideen umsetzen

Die Regionen sind es ja auch, die die besten Chancen zur Überwindung der Finanzkrise haben: Ohne Hilfe von außen kann sich der arme Süden Europas selbst retten, wenn seine Regionen bereit sind, ihre negativ einzementierten Austausch-Relationen zum reichen Norden zu durchbrechen, indem sie ihre exzessive Markt-Versorgung durch mehr Eigen-Versorgung ins Lot bringen: Mit Tauschkreisen, dann mit alternativen (Gutschein-)Währungen als Katalysator (also Euros mit regionalem Mascherl, zinsfrei!) lassen sich die regionalen Kreisläufe stark beschleunigen; dazu gibt es mit E.F. Schumachers "mittlerer Technologie" ohne größere Effizienz-Verluste wieder mehr Arbeit.

In den Regionen des Nordens wird man das gerne kopieren, sobald man sieht, dass mit mehr Eigenversorgung die Ur-Freude an Selbst-Geschaffenem an die Stelle von unersättlichem Konsumrausch tritt.

Allianz des menschlichen Maßes

Und noch was: weil die großen Krisen unserer Zeit miteinander verschränkt sind - Umwelt, Armut, Markt-Exzess, Migration, Identität etc. - können sie über die repräsentative Demokratie der Nationalstaaten nicht gelöst werden; denn unsere Mandatare arbeiten als Spezialisten in der Regel nur für die Lösung einzelner Probleme. Nur in der ganzheitlich operierenden Region wird man Ansätze entwickeln können, die den verschränkten Problemen gerecht werden!

Im neuen Europa werden letztlich Netzwerke und radikal abgespeckte Nationalstaate zwischen Brüssel und den Regionen vermitteln. Und Welt-Führung winkt Europa, wenn es in einer Allianz des Menschlichen Maßes für Gleichgewicht sorgt zwischen Globalisierung und Regionalisierung, Markt- und Eigen-Versorgung, ortlosen Netzwerken und territorialer Staatsgewalt, dem judeo-christlichen Erbe und der offenen Zukunft. (Michael Breisky, derStandard.at, 14.12.212)

Michael Breisky (Jg. 1940) war österreichischer Diplomat und lebt nun als freier Publizist in Salzburg. Zuletzt erschien 2010 "Groß ist ungeschickt. Leopold Kohr im Zeitalter der Post-Globalisierung".

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