Greg Dyke: BBC-Direktor macht Blair das Leben schwer

22. August 2003, 16:26
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Der Politologe Greg Dyke ist Chef des britischen Traditionssenders BBC

Die Tante Beeb ist eine ehrwürdige, verlässliche, bisweilen biedere Institution, fast so sicher wie die Bank von England. Schon deshalb folgt ihr Spitzenmann der ungeschriebenen Regel, möglichst selten ins Rampenlicht zu treten. Der Generaldirektor der BBC - eben jener "Tante Beeb", wie sie der Volksmund nennt - hat dezent hinter den Kulissen zu wirken. Jetzt aber taucht der Name Greg Dyke fast täglich in den Nachrichten auf.

Premier Tony Blair verlangt eine Entschuldigung von ihm, doch der Chef des britischen Traditionssenders sagt eisern Nein. Glaubt man der BBC, dann hat die Regierung Geheimdienstanalysen über die Waffen des Irak aufgebauscht. Das Unterhaus wies diese Version soeben zurück, und nun wartet Blair auf Dykes Kniefall. Der Bedrängte denkt indes gar nicht an einen Canossagang. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da galt der kahlköpfige Journalist als "Tony's Crony", als Kumpan des Strahlemanns an der Spitze von New Labour.

Der 1947 geborene Multimillionär Dyke hatte die weich gespülten Sozialdemokraten in den Neunzigern mit großzügigen Spenden unterstützt. Als Blair mit seinem Erzrivalen Gordon Brown um den Parteivorsitz rang, überwies der Fernsehmann sogar ganz persönlich 5000 Pfund an Freund Tony. Kein Wunder, dass es Kritik gab, als Dyke in die Chefetage der BBC einzog. Das liegt dreieinhalb Jahre zurück.

Der studierte Politologe war vom Privatfernsehen zum Staatssender gestoßen, was an sich schon für Stirnrunzeln sorgte. Bei Channel 5, Dykes letzter Domäne, flimmerten mehr angestaubte Weltkriegsfilme und kitschige Seifenopernserien über die Mattscheibe als irgendwo sonst bei der britischen Konkurrenz. Unter dem Neuen drohe die Beeb zu verblöden, schallte es von den Rängen, und zum Spielball Blairs werde sie auch. Der Chor der Kritiker ist mittlerweile verstummt.

Dass sich die ehrenwerte Tante vor den Kabinettskarren spannen ließe, klang grotesk, bedenkt man, welchen Wert die Rundfunk- und Fernsehgesellschaft seit jeher auf ihre Unabhängigkeit legt. Doch erst der Irakkrieg widerlegte die Zweifler: Spätestens seit den Schlachten um Bagdad und Basra gilt Dyke nicht mehr als Labours "Lakai".

Sein Sender, mit einem Riesenaufgebot von Reportern an allen Fronten vertreten, berichtete objektiv, nachdenklich und ohne Sensationsgier über den Konflikt - proirakisch, monierte Blairs Pressestab. Nach Kriegsende sprach der Direktor Klartext. Niemals, warnte Greg Dyke, dürften sich die Briten anstecken lassen vom Hurrageschrei amerikanischer Medien. Wer Patriotismus und Journalismus vermische, verliere über kurz oder lang das Vertrauen des Publikums. "Ein schwerer Fehler, den sich die BBC gar nicht leisten kann." (Frank Herrmann/DER STANDARD, Printausgabe vom 9.7.2003)

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    foto: der standard
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