Freudenau

2. Juni 2003, 18:00
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Onkel Frank hat jetzt seine eigene Rennbahn. In Ebreichsdorf. Modern. Schick. Und magnetisch. So wie immer, wenn Onkel Frank etwas tut...

Rosamunde Pilcher. A. saß im Gras und schüttelte den Kopf. Rosamunde Pilcher, sagte sie und trank ihr Glas aus. Das hier, erklärte sie, das hier ist wie ein Rosamunde Pilcher Film. Und dabei, schwor A. beim über uns stehenden Sichelmond, habe sie noch nie einen Rosamunde Pilcher Film gesehen. Nicht länger jedenfalls , als es braucht, um nach dem Aufpoppen des Bildes am Bildschirm und dem Erkennen dessen, was da läuft, irgendeinen andere Kanal anzuwählen.

Kaiserloge

Von drüben kam Musik über die Bahn. Irgendein Knabe, der aussah wie eine Mischung aus Skilehrer und dem jungen Paul Weller mühte sich mit Elvis- und Robbie Williams-Coverversionen ab. Zwischen uns und dem Musiker lag ein Rennplatz. Das machte die Sache leichter. Für uns. Wir saßen in der Zielkurve der Galopprennbahn in der Freudenau. Und unter dem schwachblassen, hinter Wolkenfetzen immer wieder heller und dunkler werdenden Mondlicht stach die Silhouette der Kaiserloge und der alten Tribünen wie ein dunkler Scherenschnitt in einen nicht ganz so dunklen Himmel. A. sinnierte, wie das wäre, wenn jetzt Pferde aus der Dunkelheit kämen. Aber hier galoppiert keiner. Auch bei Tag nicht. Zumindest nicht bei Rennen. A. seufzte.

M. hatte uns mitgenommen. Freunde von ihr feierten. Fackeln leiteten vom Lusthaus auf den leeren Parkplatz. Dann folgte man Musik und Stimmen. Es war eine kühle Nacht. Darum sah kaum einer den alten Rennplatz, der sich dunkel in die Nacht streckte, wirklich. 1839 hatten hier die ersten Rennen statt gefunden. 1858 war die erste Tribüne errichtet worden. 1870 weihte Franz Josef die Kaiserloge ein. Heute? Im Juni 2003 fand das letzte Derby statt: Die Freudenau ist tot. Aber sie ist eine schöne Leich´.

Ein Rundgang

M. hatte zu Beginn des Abends noch von Rennerlebnissen in den USA erzählt. A. erinnerte sich an Besuche bei englischen Polospielen. Ich erzählte von einem lange vergangenen Ausflug mit Tierschützern zum grausigen Hindernisrennen von Pardubitz. Und M.s Freund fragte, ob auch in Wien der Hut wichtiger als das Pferd gewesen sei. Dann verschwand die Party in der Tribüne. Wir schlenderten über den kleinen Platz, auf dem die Siegerehrungen statt gefunden hatten. Vorbei an den Büros der Buchmacher und den Wetthallen im Erdgeschoss. Hinüber zu der Koppel, in der Pferde und Reiter dem mehr oder weniger kundigen Publikum vor Rennen vorgeführt wurden. Und dann zurück zu den weißen, immer noch streng parallel zu dem niedrigen Zaun zwischen Zuschauer- und Rennbereich aufgestellten Bänken. Hinter den Bäumen waren ein paar Lichter zu sehen. Autos auf der Autobahn. Und die Spots, mit denen die Plakate am Straßenrand angestrahlt werden. Es roch. Nach Gras, Nacht und Bäumen. Aber auch nach Geschichte, Verfall und Vergessen.

Eigentlich wollten wir in eine der alten, schwarz und tot in der Nacht liegenden Seitentribünen mit ihren morschen Holzwänden und blinden Fenstern einsteigen - aber das Tor mit dem abblätternden weißen Lack, das auf die Rennbahn führte war dann doch verlockender. Es quietschte sogar ein kleines bisschen, als wir es öffneten. Dann schlenderten wir im weichen, dichten und knöcheltiefen Gras entgegen der Laufrichtung der Pferde dahin. Der Wind trug abwechselnd die Musik aus dem kleiner werdenden hellen Fleck in der Loge und das Sausen der Autos von der Flughafenautobahn zu uns.

Onkel Frank

Wir waren früher nur selten hier gewesen. Trotzdem war diese Nacht wie der Abschied von einem Freund. Mitte Juni hat hier das letzte Österreichische Derby statt gefunden. Der Hauptsponsor, Onkel Frank, hat jetzt seine eigene Rennbahn. In Ebreichsdorf. Modern. Schick. Und magnetisch. So wie immer, wenn Onkel Frank etwas tut. Oder jemanden kauft. Weil es überall wo er hinfasst, so nach Geld und Rampenlicht stinkt, dass das ganze Land und die, die es lenken - die vor allen und vor allem - vor Ehrfurcht erbeben und in feigem Gehorsam stramm stehen. Wen interessiert da schon eine vergammelte alte Tribüne irgendwo im letzten Winkel des Praters?

Eigentlich, sagte A. als wir in der Kurve im Gras saßen, ist das hier eine todtraurige Geschichte. Der Wind wehte ein Wiehern zu uns. Aber vielleicht hatten wir uns das ja auch nur eingebildet.

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