Die Dämonen der Opernroutine: Paul Hindemiths Oper "Mathis der Maler"

13. Dezember 2012, 19:06
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Premiere am Theater an der Wien: Regisseur Keith Warner inszeniert um eine Jesus-Skulptur herum ein routiniertes Stück Selbstsuche.

Dirigent Bertrand de Billy lässt die Wiener Symphoniker glänzen.

Wien - Der Geschundene hat ungefähr Schuhnummer 2569 und lässt an die Bregenzer Festspiele denken. Selbige grübeln ja auch länger herum, bis sie für ihre jeweilige Seebühnenproduktion eine zentrale optische Idee finden, die in ihrer Überdimensioniertheit die gesamte Inszenierung (unter freiem Himmel) zu tragen hat und selbige auch inhaltlich möglichst verdichten soll.

Ähnlich verhält es sich atmosphäremäßig im Theater an der Wien mit diesem massigen Leidenskörper, der ein Plastik gewordenes Teilzitat aus Matthias Grünewalds Isenheimer Altar darstellt - dieser Gekreuzigte ist also einen recht zähen Abend lang allgegenwärtig. Als Ganzheit erspäht man ihn, auch in (blutrot leuchtende) Teile zerlegt; und mitunter ist da nur noch eine an qualvollem Schmerzenskrampf leidende durchbohrte und riesige Hand zu bestaunen.

Das macht durchaus kolossale Wirkung. Und insofern ist Johan Engels für die intensiven Bühnenbildmomente dieser Version von Paul Hindemiths (einst von den Nationalsozialisten mit Aufführungsverbot belegten und 1938 in Zürich uraufgeführten) Oper Mathis der Maler zu danken. Zum einen kommt ja dieses Werk bisweilen auf rätselhafte Weise eher schwer vom Fleck.

Dabei ist diese Geschichte (von Konflikten und Identitätszweifeln eines Künstlers in turbulenten Umbruchzeiten) mit brisantem Stoff prall gefüllt: Mit blutigen Bauernkriegen, den handgreiflich ausgetragenen Zwistigkeiten zwischen Lutheranern und Katholiken, Bücherverbrennungen, Hinrichtungen und albtraumhaften Visionen scheint ein Übermaß an Ereignissen auf, das Stoff für drei Opern abgeben würde. Bei aller handwerklichen Könnerschaft Hindemiths hat das Ganze jedoch durchaus Längen.

Rauferei im Angebot

Zum anderen hat Regisseur Keith Warner zwar keine naturalistische Mühe gescheut, drastische Effekte zu erzeugen: Da wird vergewaltigt, werden Menschen gehängt, und eine Rauferei ist ebenfalls im Angebot wie auch eine mit allerlei landwirtschaftlichem Arbeitsgerät herumfuchtelnde Bauernschaft. Über respektable Stadttheaterroutine erhebt sich seine Ideenwelt allerdings nicht - da hilft auch kein Trockeneisnebel und kein (wiederum vor allem optisch) gelungenes Bild. Die "Traumszene" des Malers ist letztlich gleichfalls von bescheidener Wirkung.

Immerhin die Sänger: Wolfgang Koch (als Mathis) bewältigt die heikle Partie mit Intensität und fast immer mit Bravour, während Kurt Streit (als Albrecht von Brandenburg) vor allem einen wackeren Kämpfer gegen allerlei Mühen gab. Solide tönte Manuela Uhl (als Ursula), souverän hingegen Franz Grundheber (Riedinger), und von beachtlicher Klarheit war Raymond Very (als Hans Schwalb) sowie zumeist auch Katerina Tretyakova (als dessen Tochter Regina). Gut der Slowakische Philharmonische Chor.

Neben dem Bühnenbild das Erfreulichste aber: Unter Bertrand de Billy schwingen sich die im Theater an der Wien oft mit falschen Dirigenten geplagten oder unterforderten Wiener Symphoniker zu einer klanglich delikaten Umsetzung auf. De Billy schafft Innenspannung in der Schönheit und erinnert daran, dass die Partitur sehr wohl instrumentale Glanzmomente voll dramatischer Wucht wie auch subtiler Lyrik aufweist, die ja auch symphonisch verewigt wurden.    (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 14.12.2012)

Weitere Aufführungen am 16., 19., 23. und 28. Dezember.

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    Gleich wird es im Theater an der Wien zu einer Rauferei kommen: Unter der Plastik des Gekreuzigten tobt ein hitziger Streit um die Reformation.

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