Zerreißprobe für den Suhrkamp-Verlag

13. Dezember 2012, 21:46
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Machtkampf zwischen Ulla Unseld-Berkéwicz, Witwe und Erbin des Verlegers Siegfried Unseld, und Hans Barlach, Minderheitsgesellschafter des Verlags. Nicht Vernunft entscheidet, sondern das Gericht

Vor ein paar Tagen waren die Verlagsvorschauen von Suhrkamp und Insel in der Post. Gewichtige Broschüren, die all das enthalten, was der nach wie vor intellektuell relevanteste deutsche Großverlag mit seinem schöngeistigen Schwesterhaus im kommenden Halbjahr herausbringen wird. Zwischen den Spitzentiteln findet sich auch ein schmaler Band mit dem Titel Reine Erfindung.

Die Autorin heißt Ulla Berkéwicz, von der im Verlagsprospekt erwähnt wird, dass sie in Berlin lebt und bei Suhrkamp seit 1982 zwölf Bücher herausgebracht hat. Unerwähnt bleibt, dass ihr auch mehr als die Hälfte des Suhrkamp- Verlags gehört. Sie ist Witwe und Erbin des 2002 verstorbenen Siegfried Unseld, der wiederum Nachfolger des Gründers Peter Suhrkamp war. Die Unseld-Familienstiftung hält 61 Prozent. Mehr als ein Drittel des Verlags gehört einem Minderheitsgesellschafter.

Seit 2006 ist dies der Hamburger Verleger Hans Barlach, der allerdings in die Führung des Verlags nie eingebunden wurde. Nun hat er sich gerichtlich eingemischt: Er beanstandete einen Mietvertrag, den der Verlag Suhrkamp mit der Privatperson Ulla Berkéwicz abgeschlossen hatte (also die Chefin mehr oder weniger mit sich selbst), weshalb die Verlagsleiterin abberufen werden muss. Prominente Autoren wie Hans Magnus Enzensberger drohen, den Verlag zu verlassen, die Mehrheitsgesellschafter sind gegen das Urteil in Revision gegangen. Doch der Schaden ist schon angerichtet: Was den Suhrkamp-Verlag seit 2002 und über einen aufsehenerregenden Umzug von Frankfurt nach Berlin hinweg in Form schwelender Konflikte und persönlicher Zerwürfnisse begleitete, wurde mit einem Paukenschlag wieder offenbar: Ulla Berkéwicz polarisiert.

Und Hans Barlach, der sich lange Zeit auf gerichtliche Auseinandersetzungen beschränkt hatte, polarisiert inzwischen öffentlich zurück. In einem Gespräch mit der FAZ machte er am Donnerstag deutlich, dass ihm die wirtschaftliche Situation des Suhrkamp-Verlags Sorge bereitet. Über die Kostenstrukturen des nach wie vor vielschienigen Hauses wird in der Branche viel gemunkelt, doch schien sich zuletzt doch verlegerisch eine interessante Mischung aus Kommerz und Ambition her ausgebildet zu haben (nach dem Abgang wesentlicher Programmgestalter seit 2002).

Barlach kann sich die persönliche Spitze gegen Berkéwicz nicht verkneifen, dass ihre eigenen Bücher in den letzten Jahren jeweils dreistellige Umsätze gemacht hatten. Doch er weiß natürlich auch, dass es darauf nicht ankommt.

Keine Lösung in Sicht

Die Unseld-Familienstiftung versucht seit längerem, den ungeliebten Minderheitsgesellschafter loszuwerden. Es gab Angebote, ihm die Anteile abzukaufen. Und es gibt auch eine Ausschlussklage gegen ihn. Es ist also relativ klar, dass es eine Lösung, mit der beide Fraktionen zufrieden sind, nicht geben dürfte. Deshalb kommt es in dieser Situation sehr stark auf einen "weichen" Faktor an: verlegerische Kompetenz.

Mit dem Interview versucht Barlach, sich nicht nur als Geschäftsmann zu positionieren, sondern sich als Verleger Konturen zu geben. Inhaltlich gelingt ihm dies kaum, auf entsprechende Nachfragen reagiert er vage. Ulla Berkéwicz wiederum kann auf einige Faktoren verweisen, die hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit des Verlags vorsichtigen Optimismus erlauben: Eine Krimi-reihe wurde etabliert, die Edition Unseld (spezialisiert auf wissensgesellschaftliche Themen) bewährt sich, selbst der zwischendurch stillschweigend aufs Abstellgleis verschobene Deutsche-Klassiker-Verlag zeigt wieder Aktivitäten. Und wenn Barlach kritisiert, dass 55 Prozent der Umsätze aus der Backlist kämen, kann man das auch als positiven Punkt sehen.

Die vernünftigste Lösung ist wegen der persönlichen Querelen allerdings die unwahrscheinlichste: Ein unabhängiger, verlegerisch denkender Zahlenmensch rückt in die Geschäftsführung auf in eine Art Doppelspitze, die dem Traditionsunternehmen die kon troverse Erbwalterin Ulla Berkéwicz erhalten würde - mit verringerter Machtfülle. Das wäre vernünftig, doch um Vernunft geht es hier nur am Rande.

Auch beim Hanser-Verlag tut sich etwas: Dort soll ab 2013 Jo Lendle Geschäftsführer werden. Er folgt damit Michael Krüger. (Bert Rebhandl aus Berlin, DER STANDARD, 14.12.2012)

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    Ulla Unseld-Berkéwicz ...

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    ... und Hans Barlach: Wer letztlich an der Verlagsspitze landen wird, ist offen.

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