Es gibt kein Ausländerproblem

Leserkommentar21. Dezember 2012, 08:06
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Immer wieder schafft es die sogenannte Ausländerproblematik in die österreichischen Medien. Aber gibt es dieses Problem wirklich? Ein Erfahrungsbericht

Kurz zu meiner Person. Ich wurde 1972 in Wien geboren, heiße Gottfried (österreichischer geht's kaum), arbeite als Spieleprogrammierer und lebe in Baden. Ein ganz normaler Österreicher also. Wären da nicht zwei "besondere Merkmale": schwarze Haare und "Schlitzaugen". Ich behaupte, das Ausländer- ist mehr ein Aussehensproblem.

Beweisstück 1: Szene im Zug

Vor einigen Jahren pendelte ich wie jeden Tag mit der Südbahn von Baden nach Wien in die Arbeit. Eine ältere Dame stieg zu, setzte sich neben mich und stieß meinen Ellbogen von der Mittellehne: "Du, setz' dich g'scheit hin." Das angebotene Du-Wort nahm ich sofort an und erwiderte, dass ich sehr ordentlich gesessen sei und meine Sitzposition ihr egal sein könne. "Na, da wo du herkommst, sitzt man vielleicht so. Aber hier bei uns nicht." Ich antwortete, ich käme aus Baden und sei Österreicher so wie sie. "Schau dich in den Spiegel, dann wirst seh'n, dass du kein Österreicher bist." Damit war mein Geduldsfaden gerissen und ich erklärte ihr, dass es wirklich nicht meine Schuld sei, dass sie als verhärmte alte Frau ihren Frust öffentlich auf mich loslassen müsse. Nach einigem Hin und Her verließ ich meinen Sitzplatz. Interessanterweise sprachen mich einige Fahrgäste darauf an und meinten, ich könne doch wirklich nicht so mit einer alten Dame reden.

Beweisstück 2: Am U-Bahn-Steig

Vor vielen Jahren in meiner Studienzeit sprach mich abends auf dem Heimweg ein junger Mann mit glattrasiertem Kopf in einer U-Bahn-Station an. Sein Wunsch: Ich solle mich schleichen. Warum denn? Nun, ich nähme den Österreichern ihre Jobs weg. Aha, wusste nicht, dass er auch Mathematik studierte und Programmierer werden wollte, und außerdem könnte ich doch als Österreicher den Österreichern gar keine Jobs wegnehmen. Als er mit einem Messer weiterargumentieren wollte, schlich ich mich, wie gewünscht.

Beweisstück 3: Ausweiskontrollen

In meinem Leben wurde ich schon einige Male von der Polizei grundlos nach meinem Ausweis gefragt. Als Teenager zum Beispiel mit den Worten: "Du geboren in Wien?" (der Polizist konnte anscheinend kein Deutsch). Und vor einer Woche wieder am Heimweg nach der Arbeit auf dem Bahnhof Wien-Meidling (übrigens zum zweiten Mal dieses Jahr). Die Kurzfassung: "Zeigen's mir Ihren Ausweis." - "In Österreich ist man nicht ausweispflichtig." - "Doch!" Ich zeige ihm auf meinem Handy den gegenteiligen Wikipedia-Eintrag, Mitführungspflicht gibt es keine. Okay, er gibt nach, Name und Adresse genügen.

Ich frage, warum er denn meinen Ausweis überhaupt sehen will. "Ich will überprüfen, ob Sie Österreicher sind." Aha, auf einem internationalen Bahnhof voller Touristen eine interessante Aufgabe. Ich frage: "Und wenn ich Ihnen meinen Führerschein zeige, dann wissen S' ja trotzdem nicht, ob ich Österreicher bin, sondern nur, dass ich hier Autofahren gelernt habe." - "Na ja, aber das sagt dann schon einiges aus." Ich frage weiter: "Und warum haben S' von all den Leuten, die hier stehen (alle anderen ethnisch weiß) gerade mich rausgesucht?" - "Na, weil S' da rumstehen." Anscheinend ein sehr auffälliges Verhalten meinerseits auf einem Bahnhof. Schließlich nenne ich Namen und Adresse, und die Sache ist erledigt.

Beweisstück 4: Die "guten" Ausländer

Die häufigsten Vorwürfe gegen Migranten sind mangelnde Integration und Sprachkenntnisse. Ich habe im Laufe meines Lebens allerdings erfahren, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Es gibt genügend Bürger aus EU-Staaten wie zum Beispiel England und Frankreich, die auch nach Jahren in Österreich nur wenige Worte Deutsch sprechen. Nicht aus Faulheit, sondern weil sie es oft in ihrem beruflichen und privaten Umfeld nicht müssen. Allerdings sind Englisch und Französisch "coole" Sprachen im Gegensatz zu Türkisch oder Serbisch. Ganz im Gegenteil, die meisten Österreicher, die ich kenne, reden gerne Englisch mit einem Native Speaker, um ihre Englischkenntnisse aufzupolieren.

Seine Kinder ins Lycée zu schicken ist ebenfalls schicker als zum Beispiel in eine türkische Schule. Auch die Anzahl ist nicht ausschlaggebend. Denn es gibt zusammengenommen weitaus mehr Franzosen und Briten in Österreich als Chinesen. Trotzdem behaupte ich, dass diese ihr Ausländersein weniger zu spüren bekommen als ich. Und was viele vergessen: die größte ausländische Bevölkerungsgruppe. Jene, die wirklich mit uns Österreichern um Studien- und Arbeitsplätze konkurrieren, sind die Deutschen. Und die integrieren sich ja wirklich nicht. Schließlich gehen wir Stiegen rauf und laufen keine Treppe hoch.

Vielleicht meinen manche jetzt, ich übertreibe oder ich würde nichts Neues zum Thema Ausländerpolitik beitragen. Und es stimmt. Im Grunde genommen wollte ich nach 40 Jahren als Österreicher nur sagen, dass ich mich, egal wie integriert ich bin und wie sehr ich mein Meidlinger "l" trainiere, in meiner Heimat trotzdem nie ganz heimisch fühlen werde. (Gottfried Chen, Leserkommentar, derStandard.at, 21.12.2012)

Gottfried Chen ist gebürtiger Österreicher chinesischer Abstammung. Er arbeitet als freiberuflicher Spieleprogrammierer in Wien und lebt derzeit mit seiner Frau und vier Kindern in Baden bei Wien.

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