Lang leben die Milchzähne!

18. Dezember 2012, 17:00
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Die erste Zahngeneration legt den Grundstein für Essenzielles wie Kauen, Gesundheit im Mund und Sprachentwicklung

Sie entstehen bereits im Mutterleib und bleiben uns teilweise bis in die Pubertät erhalten: Milchzähne sind ausdauernder als ihr Ruf. Nachdem die erste Zahngeneration etwa ab dem sechsten Lebensmonat ihren Durchbruch in die Mundhöhle geschafft hat, erfüllt sie wichtige Funktionen.

Denn neben der offensichtlichen Aufgabe, die Nahrung zu zerkleinern, dienen Milchzähne auch als wichtige Platzhalter. Sie sorgen dafür, dass sich die nachkommenden zweiten Zähne an der richtigen Stelle einordnen. Außerdem beeinflussen die Milchzähne die Sprachentwicklung. Viele Laute entstehen aus einem Zusammenspiel zwischen Zunge und Zähnen.

Mangel an Kinderzahnärzten

Diese Erkenntnisse über die Bedeutung der Milchzähne spiegeln sich auch in der zahnmedizinischen Versorgung wider. "Langsam dringt die Erkenntnis durch, dass spezialisierte Kinderzahnärzte vonnöten sind", sagt Verena Bürkle, Gründungsmitglied und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (ÖGK). "In skandinavischen und angloamerikanischen Ländern sind Kinderzahnärzte so selbstverständlich wie der Kinderarzt."

In kindgerecht ausgerüsteten Ordinationen ersetzt eine bequeme Liege den Zahnarztstuhl, Geräte wie Bohrer geraten nicht gleich ins Blickfeld, und die Eltern dürfen selbstverständlich dabei sein. Neben der zahnmedizinischen Versorgung sieht Bürkle auch Bewusstseinsbildung und Aufklärung als wichtige Aufgabe von Kinderzahnärzten: "Zahngesundheit funktioniert nach dem Motto 'Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr'. Die Wichtigkeit, die man Zähnen beimisst, wird in der Kindheit vermittelt. Zähneputzen gehört von klein auf als fixer Bestandteil in den Tagesablauf integriert."

Früher Zahnarztbesuch

Ebenso empfiehlt die ÖGK den ersten Zahnarztbesuch lange bevor Probleme oder Karies auftreten. "Wenn die Kinder im ersten Lebensjahr frühzeitig kommen, haben wir leichtes Spiel und eine gute Basis. Sie lernen uns Zahnärzte nicht in Verbindung mit Schmerz kennen, wir können gemeinsam mit den Eltern das kindliche Interesse an dem, was da in ihrem Mund passiert, wecken", sagt Bürkle, die das Trauma Zahnarzt gerne der Vergangenheit angehören lassen möchte.

In Kombination mit dem Zahnarztbesuch werden auch die Eltern idealerweise über Mundhygiene und Ernährung informiert. "Schlechte Zähne liegen nicht in der Familie und Karies ist kein Schicksal", betont Bürkle. Das Abschlecken von Schnullern oder Babylöffeln ist der beste Weg, um die ansteckende Infektionskrankheit an die Kinder weiterzugeben.

Ausdauernde Milchbackenzähne

"Leider denken viele Eltern, dass die Milchzähne mit etwa sechs Jahren alle ausfallen und die neuen Zähne nachkommen. Doch die Milchbackenzähne bleiben etwa bis zum zwölften Lebensjahr im Mund", warnt Bürkle. "Das ist eine lange Zeit, wenn der betreffende Zahn zum Beispiel mit vier Jahren eine Karies bekommt."

In dieser Zeit können die zerstörerischen Kariesbakterien ihr Unwesen in der Mundhöhle treiben. Denn sie greifen nicht nur die Milchzähne an, die Karies befällt auch die nachrückenden bleibenden Zähne. Ein Bakterienherd im Mund beeinflusst auch die allgemeine Gesundheit. Und im Unterschied zu den bleibenden Zähnen sind Milchzähne kleiner. Ihr Zahnschmelz ist weniger ausgereift, sie sind anfälliger für Karies.

Zahlen aus Deutschland belegen, dass sich die Zahngesundheit bei den bleibenden Zähnen stetig verbessert. Leider hat aber beinahe jedes zweite Kind Karies im Milchgebiss. Bei den Dreijährigen haben bereits etwa 15 Prozent drei bis vier kariöse Zähne. "Wir beobachten eine Polarisierung", sagt Verena Bürkle. "Viele Kinder haben gute Zähne, wenige Kinder haben dafür sehr viel Karies." Dieser Trend steht in Verbindung mit sozialen Schichten. Kinder aus gesundheitsbewussten Elternhäusern haben in der Regel bessere Zähne, während Kinder aus sozial schwachen Familien tendenziell häufiger unter Karies leiden.

Zahnschmelz schützen

Gesunde Milchzähne haben eindeutige Wurzeln: Schon der erste Zahn lernt die Zahnbürste kennen, zweimal täglich wird geputzt. Bis ins Schulalter putzen die Eltern nach, spätestens bis die Kinder eine flüssige Schreibschrift entwickelt haben. Fluoridhaltige Zahnpasta unterstützt die Schutzfunktion des Zahnschmelzes und härtet die Milchzähne ab. Fluoride unterstützen den natürlichen Reparaturmechanismus des Speichels und wirken auch direkt antibakteriell.

Im schlimmsten Fall müssen kariöse Zähne entfernt werden. Da aber die Milchzähne wichtige Platzhalter für die bleibenden Zähne sind, ordnen sich die zweiten möglicherweise nicht an der richtigen Stelle ein. Schiefe Zähne können nachfolgende kieferorthopädische Behandlungen erforderlich machen.

Ersatzteillager Milchzahn

Nach ihrer aktiven Zeit im Mund sind Milchzähne nach neuesten Erkenntnissen immer noch wichtige Speicher für die Gesundheit. Vorausschauende Eltern übergeben deshalb ausgefallene Milchzähne ihrer Kinder nicht der Zahnfee, sondern dem Gentechnik-Labor. Im Jahr 2003 hat der US-Wissenschaftler Songtao Shi nämlich herausgefunden, dass Milchzähne Stammzellen enthalten, aus denen potenziell "Ersatzteile" für den menschlichen Körper gezüchtet werden können.

"Milchzähne sind eine ideale Quelle für Stammzellen", schreibt Songtao, der Spezialist für Kinderzahnheilkunde ist, in einem Forschungsbericht. "Diese Zellen enthalten den Fahrplan zur Bildung von Knochen- und Nervengeweben. Sie wachsen schneller und haben mehr Potenzial, sich in unterschiedliche Zelltypen auszudifferenzieren, als Stammzellen von Erwachsenen." Damit könnten die extrahierten Zellen eines Tages dazu beitragen, durch Krankheiten wie Parkinson zerstörte Nervenzellen oder von einem Herzinfarkt beschädigtes Gewebe zu ersetzen.

Weiter Weg

Auf diese medizinische Hoffnung setzen inzwischen auch Unternehmen wie Bioeden, die in Großbritannien und den USA die Extraktion und Lagerung der Milchzahn-Stammzellen anbieten. Noch läuft das Geschäft eher schleppend, wie Bioeden in britischen Medien bestätigt. "Stammzellen als Ersatzteillager zu betrachten ist zwar nicht direkt Science-Fiction, aber es ist noch eine Menge Forschung notwendig, bis wir so weit sind", gibt Claire Stewart, Zell- und Molekularbiologin an der Universität von Manchester, zu bedenken. 

Genetische Repair-Extrakte aus den Milchzähnen sind jedenfalls eine schöne Vorstellung, die zur Zahnpflege motiviert. Denn den Gesundheitszustand der ersten und damit auch der zweiten Zahngeneration haben Eltern und Kinder selbst in der Hand. Zweimal täglich in Gestalt der Zahnbürste. (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 18.12.2012)

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    In diesem Fall ist es schon reichlich spät für einen Zahnarztbesuch.

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